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Das Konfetti beider Nominierungsparteitage ist lange zusammengekehrt, der Labor Day Anfang September hat den offiziellen Start von Amerikas "politischer Jahreszeit" markiert. Jetzt wird immer klarer, dass die Wahl 2016 bestimmen könnte, wie wir amerikanisch definieren.

Es könnte sogar die Wahl sein, die uns zwingt, uns mit unserer nationalen Identität auseinanderzusetzen – mit der Wahrheit und dem Mythos.

2008 sagte die republikanische Vizepräsidentschaftskandidatin Sarah Palin, dass "das Beste an Amerika in diesen kleinen Städten liegt, die wir besuchen dürfen, und in diesen wunderbaren kleinen Inseln, die ich das echte Amerika nenne, hier bei euch, diesen fleißigen, sehr patriotischen, ähm, sehr, ähm, pro-amerikanischen Gebieten dieser großartigen Nation." Die chiffrierte Andeutung: Die ländlichen, oft ethnisch homogenen Gemeinden in unserem Land seien amerikanischer als die multikulturellen Stadtzentren.

Viele mögen diese Geisteshaltung in der Republikanischen Partei auf Palins Rede zurückführen. Ich halte sie für weitaus komplexer und für partei- sowie generationsübergreifend.

Hautfarbe wurde zum bestimmenden Faktor

Die amerikanischen Einwanderer vergangener Jahrhunderte wurden früher viel weniger als ethnische Einheit begriffen als heute. Aber im Verlauf der Zeit, durch eine komplexe Reihe politischer Entscheidungen und kultureller Interaktionen, wurde die Hautfarbe zum bestimmenden Faktor – die deutschen, irischen, englischen, französischen, russischen Einwanderer, die sich einst als kulturell unterschiedlich empfanden, sahen sich nur noch als Weiße. Und die Weißen wurden in Amerika strukturell privilegiert.

Implizit haben wir Uncle Sam, den Marlboro-Mann, Captain America und sogar Superman, einen Immigranten, zum Inbegriff dessen erhoben, wie ein echter Amerikaner aussieht: weiß.

Die unerzählten Geschichten

Aber diese kulturelle Identität hat unser Volk noch nie wahrheitsgemäß widergespiegelt. Die große Mehrheit dieses echten Amerika sind Einwanderer, deren Vorfahren vor vielen Generationen hier angekommen sein mögen, aber nichtsdestotrotz Neuankömmlinge waren – und von unseren Brüdern und Schwestern, den Ureinwohnern, willkommen geheißen wurden.

Deren Nachfahren sind heute eine Minderheit, die in unseren alltäglichen Narrativen über amerikanische Identität nicht oft auftaucht. Ihre Geschichten haben wir nicht erzählt, ebenso wenig die Geschichten derer, die aus ganz anderen Kulturen hier an neuen Ufern gelandet sind und erheblich zum Wachstum unseres Landes beigetragen haben. Kurz gesagt, wir haben nicht die ganze Geschichte Amerikas erzählt.

Bei dieser Wahl gibt es jene, die ein früheres Bild von Amerika wiedererstehen lassen möchten: eine mehrheitlich weiße, überlegene Nation, beschützt von zwei gewaltigen Weltmeeren und einer gütigen Marktwirtschaft. Das Problem ist nur: Dieses Land ist ein Mythos – es hat nie wirklich existiert.