Luxemburgs Außenminister Jean Asselborn glaubt, dass der Streit um die Visafreiheit zwischen EU und Türkei bis Anfang nächstes Jahr beigelegt werden kann. In einem Interview mit der Welt sagte er: "Bis auf die Antiterrorgesetze sind momentan alle Punkte lösbar, die Voraussetzung sind für eine visumfreie Einreise von türkischen Bürgern in die EU." Auch beim Hauptstreitpunkt, den türkischen Antiterrorgesetzen, ist Asselborn optimistisch . "Ich denke aber, dass Ende des Jahres oder Anfang 2017 eine Lösung bei der Antiterrorgesetzgebung möglich sein wird, wenn sich die Situation in der Türkei wieder etwas beruhigt und die Türkei gewillt ist, die Regeln des Europarates zu befolgen."

Im Hinblick auf den gescheiterten Putschversuch von Teilen des Militärs in der Türkei äußerte er sich selbstkritisch. "Wir haben die Tiefe der Wunde, die in der öffentlichen Meinung in der Türkei nach dem Militärschlag geschlagen wurde, nicht voll erkannt", sagte Asselborn. Zwar liege die EU richtig mit ihrer Forderung nach Rechtsstaatlichkeit, aber sie habe die Gefühle der Türken nach dem Putschversuch nicht richtig gedeutet. "Die Menschen, die gegen den Putsch auf die Straße gegangen sind, haben auch für Demokratie demonstriert. Das haben wir ein wenig verkannt."

Vor wenigen Monaten hatten Teile des Militärs über Nacht versucht, die Regierung abzusetzen und die Kontrolle über das Land zu erhalten. Gegen Morgen gaben die Putschisten auf. Präsident Recep Tayyip Erdoğan ließ danach Zehntausende Mitarbeiter in Justiz, Medien und Schulen suspendieren, einen Teil auch festnehmen. Er nutzte den Putsch zum Umbau des Staatsapparates und zur Festigung seiner Macht. Als Anstifter sieht er seinen Erzfeind, den in den USA lebenden Prediger Fethullah Gülen, und seine Anhänger an.