Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble hat dem britischen Außenminister Boris Johnson Nachhilfestunden in Sachen EU-Recht angeboten. Dieser hatte zuvor gesagt, es sei "kompletter Quatsch", dass sein Land nicht künftig die Vorteile der europäischen Freizügigkeit in Anspruch nehmen dürfe, wenn Großbritannien nicht mehr Teil der EU und damit des europäischen Binnenmarkts sein sollte.

Schäuble konterte, er könne "dem Außenminister Ihrer Majestät gern ein Exemplar des Lissabon-Vertrages" zusenden. Darin könne dieser nachlesen, dass es da einen gewissen Zusammenhang zwischen dem Binnenmarkt und "den vier Grundfreiheiten in Europa" gebe. Diese sind: freier Verkehr von Personen, Waren, Dienstleistungen und Kapital. Wenn weiterhin Aufklärung gewünscht sei, könne er auch mit "gutem Englisch behilflich sein", sagte er auf einer gemeinsamen Pressekonferenz mit seinem französischen Amtskollegen Michel Sapin.

Ähnlich äußerte sich Sapin: Die vier Grundfreiheiten seien unteilbar. Wenn man in Europa mitarbeiten wolle, müssten alle vier zusammengehalten werden: "Das muss man respektieren."

"Lasst uns sehen, wie es läuft"

Der ehemalige Londoner Bürgermeister Johnson war einer der prominentesten Befürworter für den EU-Austritt, für den die Briten im Juni per Referendum gestimmt hatten. Die britische Regierung will die offizielle Austrittserklärung nach Artikel 50 der EU-Verfassung Anfang kommenden Jahres nach Brüssel senden und damit die auf zwei Jahre befristeten Verhandlungen über die Entflechtung der Beziehungen zwischen Großbritannien und dem Block der 27 verbleibenden EU-Staaten auslösen.

Es ist der bisher konkreteste Zeithorizont, den die britische Regierung für die Brexit-Verhandlungen genannt hat. Premierministerin Theresa May ließ bislang lediglich wissen, sie wolle den nötigen Antrag an die EU nicht vor Ende des Jahres stellen. Ihr Außenminister sagte nun am Rande der UN-Vollversammlung in New York, geplant sei "Anfang des nächsten Jahres". Und, so Johnson, er glaube nicht, dass wir tatsächlich unbedingt zwei volle Jahre dafür brauchen. "Aber lasst uns sehen, wie es läuft", sagte er dem Sender Sky News.

Zuvor hatte EU-Parlamentspräsident Martin Schulz die britische Regierung aufgefordert, die Austrittsverhandlungen bis zur EU-Wahl Mitte 2019 abzuschließen. Bis dahin versuchen die 27 verbleibenden EU-Staaten, Zweifler und Kritiker des Staatenbundes zu überzeugen. Vergangene Woche fand dazu im slowakischen Bratislava erstmals ein EU-Gipfel ohne die britische Regierung statt, auf dem die Mitglieder versucht haben, einen Neuanfang für die Europäische Union zu definieren.

Sie einigten sich auf einen "Fahrplan" für die kommenden Monate, der unter anderem auf mehr Zusammenarbeit im Kampf gegen den Terrorismus, verschärften Grenzschutz, eine Stärkung der europäischen Verteidigung und die Schaffung von mehr Arbeitsplätzen insbesondere für junge Menschen setzt.