Wie kann ich die Europäer mit einer Rede erreichen? Wie kann ich sie in einem Moment der höchsten Verunsicherung für Europa gewinnen? Jean-Claude Juncker, der Präsident der Europäischen Kommission, hat sich diese Fragen gewiss gestellt, als er seine Rede zur Lage der EU vorbereitete, die er heute im Europäischen Parlament gehalten hat.

Auf diese Fragen gibt es zwei Antworten, die so naheliegend sind, dass man sie quasi als natürliche Reaktionen bezeichnen könnte: Pathos und Geschichte.

Je tiefer die Krise der Europäischen Union, desto größer die Versuchung, sie mit einem Überschwang an Gefühlen zu überspielen; je tiefer der Abgrund, der sich vor den Augen der Europäer öffnet, desto stärker der Glaube, man könne sie mit Verweisen an die eigene, blutige Geschichte davon abhalten, sich dort hineinzustürzen.

"Ich bin nicht taubstumm!"

Doch Pathos und Geschichte allein überzeugen viele Europäer nicht mehr von Europa. Selbst die durchaus begründete Warnung vor einem drohenden Rückfall in barbarische Zeiten hält immer weniger Europäer davon ab, rechtspopulistischen Parteien nachzulaufen, die sich zum Ziel gesetzt haben, die bestehende Europäische Union zu zerstören.

Juncker waren die Wege versperrt, mit denen man in der Vergangenheit Krisen der Union zumindest rhetorisch ruckartig überwinden konnte. Er bemühte sich in seiner Rede mit den Europäern auf Augenhöhe zu kommen, die diesem Europa zunehmend von der Fahne gehen: "Es gibt Leute, die behaupten, ich schlösse mich in mein Büro am Berlaymont ein und hörte niemandem zu, aber das stimmt nicht. Ich höre die Bürger Europas jeden Tag, ich spreche mit ihnen. Ich bin nicht taubstumm!"

Tatsächlich hatte er für jeden etwas vorbereitet. Für die Bauern: "Ich werde niemals akzeptieren, dass Milch billiger als Wasser ist!"; für die Arbeiter: "Arbeiter sollten denselben Lohn für dieselbe Arbeit bekommen"; für die Start-up-Unternehmer ("Kostenloses WLAN"); für die Künstler: "Die Künstler sind die Kronjuwelen unserer Gesellschaft. Ihre Arbeit ist kein Hobby"; für die Arbeitslosen: "Wir wollen unseren Investitionsplan für Europa um das Doppelte aufstocken!"

Beschränkte Mittel, wenig Zeit

Während er das alles aufzählte, schrumpfte Juncker vor den Augen der Zuhörer im Plenarsaal des Europäischen Parlaments auf das zusammen, was er in Wahrheit ist: ein von den Regierung der einzelnen Mitgliedstaaten abhängiger Politiker. Er bemühte sich auch gar nicht, das zu verbergen.

Juncker stellte sich nicht größer dar, als er ist. Hier stand kein Präsident eines Superstaates am Rednerpult. Da sprach kein fanatischer Nationalstaatenfresser, sondern einer, der weiß, welche Stunde geschlagen hat, und der sich dabei bitterlich auch seiner beschränkten Mittel bewusst ist – und dass die Zeit drängt.

Junckers Rede war nicht mitreißend, sie war nicht schön, sie war nicht erhaben. Sie war das, was ihm möglich war. Doch gerade weil sie frei von bombastischem Getöse blieb, konnte man eine Botschaft deutlich hören: Die Zukunft Europas wird nicht in Brüssel entschieden, sondern in den Hauptstädten der europäischen Länder; nicht Juncker stellt die Weichen, sondern die Teilnehmer des bevorstehenden Gipfels in Bratislava.