Read the English version of this article here.

Vor einigen Wochen saß ich in einem Konferenzsaal mit 45 prominenten amerikanischen Vertretern des Islam. Einer von ihnen stand auf und beklagte, dass Islamfeinde seine Ansichten falsch darstellten und ihm das Leben zur Hölle machten.

Ich empfand Mitgefühl, denn niemand hat es verdient, derart drangsaliert, verspottet und bedroht zu werden. In ihrer Ignoranz hatten die islamophoben Extremisten alle Grenzen überschritten und die Sicherheit dieses Muslims gefährdet, indem sie drohten, ihn wegen seines Glaubens umzubringen.

Besonders verwirrend fand ich jedoch, dass genau derselbe Mann erst wenige Monate zuvor eine ausführliche Tirade gepostet hatte, wonach Angehörige der Ahmadiyya Muslim-Gemeinschaft, der auch ich angehöre, außerhalb des Islams stünden und nicht als Muslime gelten könnten. Darüber hinaus stellte seine Tirade die Ansichten und Glaubenssätze der Ahmadis falsch dar. Das ist bezeichnend, denn ich werde oft in E-Mails drangsaliert, verspottet und bedroht, von Extremisten ohne Kenntnisse über die Ahmadiyya Muslim-Gemeinschaft. In ihrer Ignoranz verfolgen und töten solche Extremisten Ahmadi-Muslime wegen ihres Glaubens.

Ich spreche das an, weil sich Muslime (oder vielmehr jeder, der wie ein Muslim aussieht) im Westen 2016 in einem interessanten Dilemma befinden. In einer Zeit zunehmender Islamophobie, zunehmender Diskriminierung und Schikanen gegen unsere Kinder sowie eines gewaltigen Anstiegs antimuslimischer Gewalt – wollen wir da wirklich kostbare Zeit und Kraft darauf verschwenden, andere Muslime wegen unterschiedlicher religiöser Auffassungen zu verteufeln? Fragen Sie zehn zufällig ausgewählte Nicht-Muslime in Amerika nach dem Unterschied zwischen Ahmadiyya, Sunna, Schia, Dschafariten oder Ismailiten – nur einige von Dutzenden islamischer Religionsgemeinschaften, die heute bestehen –, ich wäre beeindruckt, wenn Sie nur einen Nicht-Muslim fänden, der die Unterschiede kennt. Ich würde sogar wetten, dass auch viele Muslime die Unterschiede nicht kennen.

Aber hier kommt eine noch bessere Aufgabe: Fragen Sie irgendeinen der Extremisten, die unsere Kinder schikanieren, muslimischen Frauen das Kopftuch herunterreißen, auf uns schießen und unsere Moscheen in Brand stecken, nach dem Unterschied zwischen Ahmadiyya, Sunna, Schia … Sie verstehen schon. Oder wissen Sie was, fragen Sie sie doch nach dem Unterschied zwischen Muslimen, Sikhs, Hindus und arabischen Christen. Fragen sie Wade Michael Page, ob ihm klar war, dass die sechs unschuldigen Menschen, die er am 5. August 2012 getötet hat, Sikhs waren – und keine Muslime. Fragen Sie, ob es ihn überhaupt kümmert. Fragen Sie Stanley Vernon Majors, ob ihm klar ist, dass sein ethnisch und religiös motivierter Mord an Khalid Jabara ein Mord an einem Christen war – und nicht an einem Muslim. Fragen Sie ihn, ob er wusste, dass in manchen arabischen Ländern, dem Libanon zum Beispiel, bis zu 41 Prozent der Einwohner Christen sind. Und fragen Sie wiederum, ob es ihn überhaupt kümmert.

Während der Wahltag näherrückt und die Ultrarechten, sprich die Rassisten und Kläglichen, an Boden gewinnen und an Fanatismus zulegen, ist es ein großer Fehler, wenn Muslime, besonders ihre Führungspersönlichkeiten, einander diskriminieren oder Diskriminierung tolerieren. Anstatt den Islamfeinden Munition zu liefern, mit der sie verschiedene muslimische Gruppen gegeneinander ausspielen können, sollten die Muslime aller Glaubensrichtungen endlich erkennen, dass wir Ignoranz und Extremismus geschlossen entgegentreten müssen.

Es gibt historische Beispiele, wie Machthaber versuchten, Minderheiten nach dem Prinzip teile und herrsche gegeneinander aufzuhetzen. Zu Zeiten der Bürgerrechtsbewegung beispielsweise diente das Gegenspionageprogramm des FBI (Cointelpro) dazu, diejenigen, die ethnische, soziale und wirtschaftliche Ungleichheit bekämpften, zu zerrütten und zum Schweigen zu bringen. Unter anderem wurde dabei gezielt gegen amerikanische Ikonen vorgegangen, etwa Martin Luther King und Malcolm X.

Es wird von niemandem erwartet, die jeweils anderen Interpretationen des Islam anzunehmen. Aber wenn wir nur die geringste Chance haben wollen, dem Sturm zunehmender antimuslimischer Gewalt standzuhalten, müssen wir zumindest das Menschsein der anderen annehmen. Andere Muslime aus Ignoranz und persönlichen religiösen Meinungsverschiedenheiten zu verteufeln und auszugrenzen, führt uns nur auf Abwege. Damit spielen wir jenen Extremisten in die Hände, die ein Ende der Einwanderung wollen und uns spezielle Ausweise verpassen oder, schlimmer noch, in Lager stecken wollen.

Den persönlichen Glauben anderer Muslime zu verurteilen zeigt keineswegs die Schwäche deren Glaubens auf – sondern die Schwäche des eigenen Glaubens. Lasst uns Ignoranz und Extremismus in einer Welt zunehmender Feindseligkeit mit vereinten Kräften bekämpfen und mit gutem Beispiel vorangehen. Das wäre die bestmögliche Art, der Islamophobie entgegenzutreten.

Übersetzt aus dem Englischen von John Birke.