Lange Zeit ging die Angst rum, dass der selbst ernannte "Islamische Staat" (IS) sich eines Tages auch in Südostasien ausbreitet. Es sei nur eine Frage der Zeit, warnten die Staatsoberhäupter von Indonesien, Malaysia und Singapur auf einem Sicherheitsgipfel von 2015. Die erste Antwort kam prompt Mitte Januar dieses Jahres, als in der indonesischen Hauptstadt Jakarta eine Bombe explodierte und sieben Menschen in den Tod riss. Anfang September explodierte auf einem Nachtmarkt im philippinischen Davao eine weitere Bombe, es gab vierzehn Tote. Beide Anschläge wurden von IS-nahen Gruppen reklamiert.

Dabei hatte der IS nie offiziell ein Übersee-Kalifat ausgerufen und keine eigenen Leute nach Südostasien entsendet. Auch die Zahl der staatlich dokumentierten Ausreisen in den Mittleren Osten ist verglichen mit Südafrika, dem Kaukasus und Europa gering: Etwa tausend südostasiatische Kämpfer sollen nach Syrien gegangen sein. Einige von ihnen haben eine malaysischsprachige IS-Einheit namens Katibah Nusantara (KN) gegründet, die auch den Bombenanschlag in Jakarta verantwortete.  Experten glauben zudem, dass Südostasien als Rückzugsort dienen könnte, wenn die IS-Zentren in Syrien und im Irak einmal zerstört sind.

Für den IS wäre Südostasien strategisch interessant. Ortskundige KN-Mitglieder würden mit Kampferfahrung aus Nahost zurückkehren. Die Ländergrenzen in Südostasien sind durchlässig, die Terroristen könnten sich relativ frei bewegen. Die Bevölkerungen sind jung, in vielen Teilen perspektivlos und frustriert von den postkolonialen Machtverhältnissen. Es ist kein Zufall, dass die vor Vielfalt strotzende Region drei der ältesten bewaffneten Konflikte der Welt beherbergt: den Moro-Konflikt auf den Philippinen, den West-Papua-Konflikt in Indonesien und verschiedene separatistische Bewegungen in Burma.

Mehr Muslime als im Irak und in Syrien

Daneben existieren zahlreiche kleine Gruppen, die sich terroristischer Mittel bedienen. Allein im vergangenen Jahr dokumentierte die University of Maryland 1.064 Terrorangriffe und 1.048 Todesfälle. Die Zahl der Terrorattacken steigt seit der Jahrtausendwende rapide an. Am häufigsten wurden Bomben und bewaffnete Überfälle eingesetzt, aber auch Entführungen sind beliebte Mittel. 

Dass es in Südostasien mehr Muslime gibt als im Irak und in Syrien zusammen, insgesamt rund 260 Millionen, scheint dem IS dagegen nicht viel zu nützen. Eine repräsentative Studie unter elf muslimisch geprägten Ländern fand heraus, dass muslimische Bevölkerungen den IS in der breiten Masse ablehnen. In Indonesien, wo weltweit die meisten Muslime leben, lehnen 79 Prozent den IS ab, 18 Prozent haben keine Meinung und vier Prozent haben eine positive Einstellung. In Malaysia ist die Ablehnungsquote zwar etwas geringer, allerdings ist die Ablehnung unter Muslimen größer als unter Buddhisten.

Es gibt jedoch unabhängig vom IS schon lange radikale und dschihadistische Entwicklungen in Südostasien. "Gerade in Indonesien und Malaysia gibt es viele Gruppen, die die Scharia durchsetzen wollen, zum Teil mit großem Erfolg", sagt die Ethnologin Susanne Schröter von der Universität Frankfurt. Nicht alle handelten gewalttätig. Radikalen Islamisten sei es gelungen, auch immer mehr erzkonservative Gesetze durchzusetzen. In Teilen Indonesiens gebe es zudem eine staatlich verordnete Scharia-Polizei. Sie kontrolliert beispielsweise, ob Frauen ausreichend bedeckt sind. 

In Malaysia sei eine radikale Ideologie sogar Bestandteil der staatstragenden Pan-Malaysischen Islamischen Partei (PAS). "Immer wieder gibt es Bekenntnisse zu radikalen Organisationen, nicht nur zum IS, sondern auch zur Hamas, die als Brüder gefeiert werden", sagt Schröter. Der autoritär geführte Staat lasse allerdings nicht staatlichen Gruppen kaum eine Chance, an Einfluss zu gewinnen. Das betreffe zivilgesellschaftliche Gruppen ebenso wie terroristische. Im April 2015 berichteten malaysische Medien, dass die Behörden bei 70 Soldaten eine Verbindung zum IS herstellen konnten. Die Behörden erklärten aber nicht, wie dieser Zusammenhang genau aussah und wie er trotz strenger Auswahlkriterien unbemerkt bleiben konnte. Es folgten lediglich verschärfte Sicherheitsmaßnahmen und ein neues Anti-Terror-Gesetz. Es wäre denkbar, dass diese Nachricht vor allem die staatliche Macht untermauern sollte. Dass angesichts der bestehenden Macht der Islamisten der IS selbst nicht mehr so ansprechend ist, könnte laut Schröter daran liegen, dass deren Anliegen auch ohne den IS umgesetzt werden könnten.

Wenn dennoch Allianzen mit dem IS entstehen, dann hat das wenig mit der Idee eines Kalifats zu tun. Vielmehr erhoffen sich die Gruppen vom globalen Terror Unterstützung für ihre lokalen Konflikte, also Geld, Waffen und strategische Kompetenzen. Anstatt für den IS instrumentalisiert zu werden, ist es mehr so, dass die lokalen Gruppen den IS für ihre Zwecke nutzen.