Wie andere Spitzenpolitiker vor ihm wollte der EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker sich der jungen Generation öffnen. In einem Liveinterview beantwortete er am vergangenen Donnerstag drei jungen YouTubern Fragen rund um die Europäische Union. Die drei waren dafür von YouTube und der Kommission nach Brüssel eingeladen worden. Die Interviews fanden, wie in Videoblogs üblich, in einer von den Organisatoren eigens dafür eingerichteten Wohnung statt.

Nun erhebt eine der drei, Laetitia Nadji, schwere Vorwürfe: Vor dem Interview soll sie manipuliert und bedroht worden sein. Ein heimlich gefilmter Mitschnitt zeigt, wie ihr beim Vorgespräch ein YouTube-Mitarbeiter sagt, dass sie es sich nicht mit YouTube und der Europäischen Kommission verscherzen solle. Daraufhin geht er zur Drohung über: "Es sei denn, du bist nicht an einer längeren YouTube-Karriere interessiert."

Weiterhin sagt ihr der Mitarbeiter auf dem Videomitschnitt, dass er sich noch mit Junckers Sprecherin Natasha Bertaud absprechen müsse. Es könne sein, dass einige Fragen mit einer roten Flagge versehen würden. Als Nadji irritiert nachfragt, was rote Flaggen bedeuten, antwortet er lediglich: "[Das sind Fragen, die] können wir nicht machen."

YouTube weist Vorwürfe zurück

Der französischen Nachrichtenseite Rue 89 sagte Nadji am Sonntag, dass diese Drohungen nur der Höhepunkt aus einer Reihe von Beeinflussungsversuchen seien. So sei ihr anfangs noch empfohlen worden, Juncker über seine Auffassung von Glück oder über sein Haustier zu fragen. Später sei der Ton schärfer geworden.

Ein Sprecher von Google, dem Mutterkonzern von YouTube, dementierte die Vorwürfe in der US-amerikanischen Zeitung Politico. Es sei keine Absicht gewesen, Nadji zu harmlosen Fragen zu drängen. "Unser Kollege ermutigte sie, eher respektvoll als konfrontativ vorzugehen – das war alles", sagte der Sprecher. Zudem habe Nadji ihre kritischen Fragen letztlich gestellt. Auch Kommissionssprecherin Bertaud wies die Manipulationsvorwürfe zurück: Die Kommission und der Präsident hätten vorab keine Fragen erhalten.

Jonas Ems, der ebenfalls als YouTuber eingeladen war, kann Nadjis Erfahrungen nicht bestätigen. "Bei der Anfrage von Google wurde uns versprochen, dass wir fragen können, was wir wollen", sagte Ems. Zwar habe er seine Fragen vorab eingereicht, was aber vor allem Doppelungen mit den anderen Fragestellern vermeiden sollte. So wurde seine Frage zum Umweltschutz gestrichen, weil Nadji sie stellen sollte. Dass diese vor dem Interview unter Druck gesetzt wurde, habe er nicht mitbekommen. "Vor Ort bin ich fair und freundlich behandelt worden", sagte Ems.