Seit eineinhalb Jahren tobt der Bürgerkrieg im Jemen. Huthi-Rebellen aus dem Norden haben weite Teile des Landes überrannt. Die Hafenstadt Aden wird hingegen von Unterstützern der Regierung kontrolliert. Seit März 2015 fliegt unter Führung von Saudi-Arabien eine internationale Koalition Luftangriffe gegen die Huthis und unterstützt so den international anerkannten Präsidenten Abed Rabbo Mansur Hadi. Von dem anhaltenden Chaos in dem ohnehin bitterarmen Land profitieren vor allem die Extremisten.

Wie dramatisch die Lage für die Zivilisten ist, bleibt von der Öffentlichkeit fast unbemerkt. Dabei ist die Versorgungslage der Bevölkerung katastrophal. Mehr als 10.000 Menschen sind bereits ums Leben gekommen, Millionen Jemeniten sind auf der Flucht. Der jemenitische Autor Ahmed Hezam Al-Yemeni ist nach zwölf Monaten im Ausland in seine Heimat zurückgekehrt und beschreibt die Zerstörung, die ihm auf dem Weg in sein Heimatdorf begegnet ist.


"Es macht einen immensen Unterschied, ob man den Krieg im Jemen aus der Distanz verfolgt oder ob man mitten drin ist. Wenn man die Todesangst und das Leiden der Jemeniten erlebt und fühlt, wenn man den Krach der Luftschläge hört und die zerstörten Gebiete sieht, ist das Ausmaß einfach nur dramatisch. Die Gedanken daran sind voller Blut und den Schreien jener, die getötet und verletzt werden. Es ist ein düsteres Bild des Krieges, mit vielen zerstörten Schulen, Krankenhäusern, Brücken, öffentlicher Infrastruktur, zerstört aus unbekannten Gründe und wegen einer strategischen Vision, die niemand verstehen oder rechtfertigen kann.

Reise nach Sana’a

Ich habe im vergangenen Jahr im Ausland gelebt, in Deutschland, Polen, in Jordanien und der Türkei. Dann war es an der Zeit, zurück nach Hause zu gehen. Meine Rückreise nach Jemen war außerordentlich beschwerlich, denn ich musste dafür die Blockaden der Koalitionsmächte umgehen. Über den gesamten Jemen wurde eine Flugverbotszone verhängt, zudem gibt es eine totale Seeblockade. Keinerlei Lieferungen, seien es Hilfsgüter, Essen, Medikamente oder Brennstoffe, dürfen ohne Erlaubnis ins Land gebracht werden.

Die einzige Fluggesellschaft, die noch in Betrieb ist, ist die Yemenia. Sie fliegt sehr selten ins Land und aus dem Land heraus, immer wieder, werden Flüge ausgesetzt. Im Jemen tobt ein hässlicher Stellvertreterkrieg, und die meisten Flughäfen sind geschlossen. Ich hatte Glück und konnte noch ein Flugticket ergattern – und so zum internationalen Flughafen in Sana’a gelangen.

Auf meinen Flug nach Sana’a hatte ich mehr als einen Monat warten müssen. Ich musste dafür erst nach Bisha in Saudi-Arabien fahren, um dort den berühmt-berüchtigten Sicherheitscheck zu durchlaufen, so wie die Älteren, Kranken, Studenten und all jene, die hier aus aller Welt gestrandet waren.

Schon als ich in Sana’a landete, sah ich die Verwüstung, die die Luftschläge auf dem Flughafen hinterlassen hatten. Passagier- und Militärflugzeuge lagen ausgebrannt und zerstört auf der Landebahn. Als ich aus dem Flughafengelände herausfuhr, traf mich der Schock über das unfassbare Ausmaß der Zerstörung wie ein Schlag: Militär- und Sicherheitsgebäude, Schulen, Fabriken, Gärten, TV- und Radiostationen, und auch mein Viertel in der Stadt: Alles lag in Trümmern.

Satellitenbild: Zerstörungen in Sana'a

  • 2016
  • 2015
Budapest
Auf Satellitenbildern – hier: ein Gebiet im Nordwesten der Hauptstadt Sana'a – sind an vielen Stellen die schweren Zerstörungen durch den Bürgerkrieg in Jemen zu erkennen. Mit den Buttons für die Jahre 2016 und 2015 können Sie hin- und herschalten zwischen Bildern, die vor und nach den Kampfhandlungen aufgenommen wurden. Aufnahmedatum: 29.2.2016
Budapest
Auf Satellitenbildern – hier: ein Gebiet im Nordwesten der Hauptstadt Sana'a – sind an vielen Stellen die schweren Zerstörungen durch den Bürgerkrieg in Jemen zu erkennen. Mit den Buttons für die Jahre 2016 und 2015 können Sie hin- und herschalten zwischen Bildern, die vor und nach den Kampfhandlungen aufgenommen wurden. Aufnahmedatum: 25.2.2015

Zuerst dachte ich, dass ich Pech hatte, weil meine Wohnung so nah am Nuqum-Berg gelegen ist, im Osten der Hauptstadt. Hier hatte es nahezu täglich Luftschläge gegeben. Aber die Wahrheit ist: Es ist völlig egal, wo man derzeit im Jemen lebt. Zu oft schon sind diese sogenannten "intelligenten" Geschosse, Raketen, Flugzeuge und Drohnen vom Weg abgekommen und haben statt des Feindes Wohnviertel im ganzen Land getroffen. Ich frage mich – und viele Jemeniten scherzen darüber –, ob die Kriegsparteien tatsächlich jemals die nuklearen oder militärischen Einrichtungen treffen werden, die unter diesem Berg oder hinter jenem Dorf angeblich liegen sollen.

Zuhause

Es war dunkel, als ich nach Hause kam. Seit Kriegsausbruch gibt es keine Elektrizität mehr. Alles war von dicken Staubschichten überzogen, und die Fenster und Türen waren durch die Stoßwellen der Luftschläge zerborsten. Ich fragte mich, was ich hier nun wohl tun würde. Doch am nächsten Morgen sah ich, dass viele meiner Nachbarn noch immer dort waren. Bewohner und Hilfsorganisationen arbeiteten zusammen und öffneten alte Brunnen in der Stadt. Sie verteilten kleine Wasserbehälter in den Wohnvierteln, damit die Leute etwas trinken konnten. Diese Menschen denken nicht daran zu fliehen. Wohin sollen sie auch gehen? Und so ertragen sie irgendwie das tägliche Leiden.