Türkische Einsatzkräfte an der Grenze zu Syrien sind mit Tränengas und Wasserwerfern gegen Demonstranten vorgegangen, die gegen den Bau einer Mauer entlang der Grenze protestierten. Dabei sollen ein Junge getötet und mindestens 30 Menschen verletzt worden sein, berichtet die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte. Der Bericht kann nicht von unabhängiger Seite geprüft werden, die türkische Armee wehrt sich gegen die Darstellung. 

In türkischen Militärkreisen hieß es, eine Gruppe habe sich der Grenze genähert und Bauarbeiter, Soldaten und Maschinen mit Steinen beworfen. Die türkische Nachrichtenagentur DHA berichtete von etwa 1.000 Demonstranten. Nach mehrfacher Warnung von Seiten der Einsatzkräfte sei Tränengas eingesetzt worden, lautet der offizielle Bericht. Die Mauer soll bei der kurdischen Grenzstadt Kobane errichtet werden, die auf der syrischen Seite liegt. Die Kurden beschuldigten die türkische Armee, mindestens 80 Menschen verletzt zu haben. Einem Sprecher zufolge hatten einige Demonstranten Atemprobleme. Die Situation sei noch immer angespannt, aber unter Kontrolle.

Kobane gilt als Ort des ersten wichtigen Sieges der Kurden über die Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS). Ende Januar 2015 hatten sie die Stadt nach monatelangen Kämpfen mit den Dschihadisten mithilfe von Luftangriffen einer von den USA geleiteten Allianz befreit.

Die Kurden in Kobane beschuldigen die Türkei nun, für den Mauerbau etwa 25 Meter in ihr Gebiet eingedrungen zu sein. Vergangene Woche hatte die Selbstverwaltung der Stadt in einer Stellungnahme von einer "türkischen Besetzung" gesprochen und das Nachbarland aufgefordert, alle Kurdengebiete in Nordsyrien zu verlassen.

Zuletzt war es westlich von Kobane zu heftigen Kämpfen zwischen türkischen Einheiten und kurdischen Milizionären gekommen. Seit einigen Tagen herrscht zwischen beiden Seiten faktisch eine Waffenruhe.  

Im Innern des Landes, südwestlich der syrischen Hauptstadt Damaskus, hat die syrische Regierung unterdessen einen weiteren Vorort unter Kontrolle gebracht. Am Freitag konnten deshalb 300 Zivilisten die seit Jahren vom Regime belagerte Rebellenhochburg Muadamija verlassen. Sie wurden mit Bussen in Unterkünfte gebracht. Zuvor war eine entsprechende Vereinbarung zwischen Regierung und Aufständischen erzielt worden. Muadamija war nach Angaben der Vereinten Nationen im Jahr 2013 Ziel eines Angriffes mit dem Nervengas Sarin gewesen.  

Die Menschen in Muadamija geben auf

Unter den ersten 300 Menschen, die in einer ersten Phase aus der Stadt mit geschätzt 28.000 Einwohnern gebracht wurden, waren nach Angaben der Regierung auch 62 Rebellenkämpfer. Sie hätten eingewilligt, im Gegenzug für eine staatliche Amnestie ihre Waffen niederzulegen, sagte der Gouverneur der Provinz Damaskus, Alaa Munir Ibrahim. 

Wie Muadamija war auch das nahe gelegene Daraja vier Jahre lang von Regierungstruppen belagert worden, bevor die Rebellen vergangene Woche aufgaben. Menschenrechtler und die UN kritisierten die Belagerungstaktik und die erzwungene Umsiedlung der Bewohner in Regierungsgebiete. In beiden Orten war die Lage der Bevölkerung in den vergangenen Wochen durch die Belagerung der Regierungstruppen immer verzweifelter geworden. Gerade noch 4.000 Menschen lebten in Daraja, als es geräumt wurde. Einst waren es 200.000 gewesen. 

Wann die Regierungstruppen komplett die Kontrolle über Muadamija übernehmen sollten, war unklar. Ibrahim sagte, dass auch in anderen Vororten von Damaskus über Umsiedlungen von Bewohnern gesprochen werde.