Am Montagabend kam es im völlig überfüllten Auffanglager Moria auf der griechischen Insel Lesbos zu Krawallen und einem Großbrand. Rund 5.000 Flüchtlinge ergriffen daraufhin die Flucht, darunter zahlreiche Frauen mit Säuglingen im Arm. Ein Großteil des Lagers wurde durch das Feuer zerstört, darunter 60 Wohncontainer, Hunderte Zelte und drei Verwaltungscontainer, verletzt wurde niemand. Weil das Feuer im hoch gesicherten Lager ausbrach, werden die Bewohner verdächtigt, den Brand gelegt zu haben. Neun wurden mittlerweile festgenommen. Nach dem Drama sicherte der griechische Migrationsminister Ioannis Mouzalas dem Bürgermeister von Lesbos in einem Schreiben zu, dass auf Lesbos kein neuer Hotspot gebaut werde, sondern stattdessen die Flüchtlingszahlen reduziert werden sollen.

Die Anwältin Ariel Ricker war wenige Stunden nach dem Großbrand im Lager. Hier schildert sie, was sie in der Nacht in Moria erlebt hat.

"Den ganzen Montag über war die Stimmung im Flüchtlingslager Moria bereits angespannt. Nachdem Gerüchte um eine bevorstehende Massenabschiebung kursierten, einigten sich viele Flüchtlinge am Morgen auf einen friedlichen Protest und begannen einen Hungerstreik. Eine Gruppe beschloss dann, den Streik eigenmächtig zu beenden, und löste damit die Tumulte aus. Erste kleine Feuer wurden gelegt. Das berichteten mir mehrere Mandanten und ein Kollege über WhatsApp. Ich selbst war zu der Zeit in Mytilini, dem Verwaltungszentrum von Lesbos.

Ariel Ricker ist Anwältin und leitet die Hilfsorganisation Advocates Abroad auf der griechischen Insel Lesbos. Mit ihrem Team bietet sie Flüchtlingen kostenlose Rechtsberatung an. © privat

Im Laufe des späten Nachmittags erreichten mich Bilder und Videos von immer größeren Bränden. Irgendwann war klar, dass ich dort hinmusste. Das ganze Lager stand in Flammen, die Situation geriet außer Kontrolle. Ich hatte brennende Asylanträge vor Augen. Die Papiere sind mitunter das Wertvollste, was die Flüchtlinge besitzen. Sie sind ihre einzige Hoffnung auf eine Bleibe in Europa.

Gegen halb acht Uhr abends fuhr ich mit meinem Erste-Hilfe-Koffer, ein paar Wasserflaschen und einem Kollegen nach Moria. Zu dem Zeitpunkt war uns nicht klar, dass wir fast die einzigen Helfer an dem Abend sein würden.

Es gibt zwei Wege zum Lager, der bekanntere führt über die Küste. Dieser Weg wurde von Polizeibeamten blockiert. Das hielt viele Helfer davon ab, überhaupt zum Lager zu fahren. Doch es gibt noch einen Hintereingang zum Lager, den wir ansteuerten. Wir rechneten nicht damit, reingelassen zu werden.

Verzweifelt, hungrig, gestresst

In Moria hatte es schon viele Krawalle und Brände gegeben. Tausende Flüchtlinge verharren bereits seit Monaten in dem überfüllten Lager. Sie sind verzweifelt, hungrig, gestresst und fassen keine klaren Gedanken mehr. Nur ein Prozent erhält Asyl in Griechenland. Die fehlende Perspektive setzt vielen zu. Einer meiner Mandanten ist erst 19 Jahre alt, doch seine Haare sind schon grau. So ergeht es vielen Jugendlichen dort. Dass einige Flüchtlinge ihr eigenes Lager angezündet haben sollen, überrascht mich nicht. Wenn man Menschen über Monate wie Tiere behandelt, ist alles möglich. Es hat sich unglaublich viel Wut in Moria angestaut. Am Montag hat sie sich nun endgültig entladen.

In der Regel wird das Lager bei Aufständen sofort abgeriegelt. Montagabend war alles anders. Die Polizisten, die den Weg zum Hintereingang bewachten, schienen fast dankbar, dass wir helfen wollten. Dafür brüllten uns entflohene Lagerbewohner wütend an. Sie wollten unsere Hilfe nicht. Das überraschte mich: Eigentlich haben wir ein gutes Verhältnis zu den Bewohnern und ein schwieriges zu den Polizisten.

Der weitere Weg zum Hintereingang des Lagers führte uns durch einen dunklen Waldabschnitt. Er ist nur zu Fuß zugänglich und es gibt keine Straßenlaternen. Wir wussten, dass viele unserer Mandanten und ihre Freunde sich in der Dunkelheit des Waldes versteckten und auf uns warteten. Lange kam aber niemand raus, vermutlich konnten sie uns nicht zuordnen und hatten Angst. Erst als wir zwei Flüchtlingen auf dem Weg begegneten und uns eine Weile mit ihnen unterhielten, fassten die anderen Vertrauen. Nach und nach kamen dann etwa 40 Flüchtlinge aus dem Unterholz. Sie zeigten uns ihre Verletzungen und berichteten aufgebracht, was passiert war. Wir gaben ihnen Wasser und zogen dann weiter zum Lager.