Pericles Antoniou sitzt in seinem Büro gleich neben dem Pool seines 4-Sterne-Hotels in Mytilene, einer Hafenstadt auf Lesbos. "Es ist eine Katastrophe", beginnt er seine Erklärung über die Auswirkungen der Flüchtlingskrise auf den Tourismus, die örtliche Schwerindustrie, wie sie auf den griechischen Inseln genannt wird.

Während die internationale Presse Bilder der Aufstände auf Lesbos veröffentlicht, wird die lokale Wirtschaft zum zweiten Opfer der Tragödie. "Rund 75.000 europäische Touristen sind 2014 per Direktflug nach Lesbos gekommen. 2016 geht langsam zu Ende und wir zählen weniger als 30.000 Touristen – ein Rückgang um etwa 60 Prozent", sagt Antoniou. Dazu kommt, dass jährlich bisher mehr als 50.000 türkische Gäste ihren Urlaub auf Lesbos verbrachten, dieses Jahr sind es nur 30.000. Und dann sind da noch die Kreuzfahrtschiffe: In einem normalen Sommer steuern 30 bis 35 Schiffe die Insel an, in dieser Saison waren es weniger als zehn. Die Fährverbindung mit dem griechischen Festland wurde schon 2014 eingestellt, die Route führt seitdem über Istanbul. "Wenn all das keine Katastrophe beschreibt, was dann", klagt Antoniou.

Antoniou ist Präsident des Verbands der Hotelbesitzer auf Lesbos. Die Flüchtlingskrise hat ernste Konsequenzen für die Tourismusbranche. "Es ist ein Teufelskreis: Keine Touristen heißt keine Angestellten in Hotels oder Restaurants", erklärt Antoniou. Sein eigenes Hotel Heliotrope betreibt er seit 1992, die aktuelle Krise ist die Schlimmste, an die er sich erinnern kann. "Bei uns arbeitet die ganze Familie, aber viele andere Hotels waren gezwungen, Angestellte zu entlassen", sagt er. "Die erste Maßnahme der griechischen Behörden sollte sein, das schlechte Image von Lesbos in der internationalen Presse zu korrigieren. Wir sollten unsere Insel in der Welt bewerben und als Reiseziel wiederbeleben." Im Bezug auf die Flüchtlinge sagt Antoniou: "Die Menschen auf Lesbos sind nicht rassistisch. Rassistisch ist die Art, wie der Staat mit diesen verzweifelten Menschen umgeht."

In dieser Atmosphäre ist auch klar, dass Investoren das Interesse an Lesbos verlieren. Die schlechte Stimmung der Konsumenten ist ein weiterer Aspekt der verfahrenen Situation. "Wer will investieren oder konsumieren, wenn Menschen an der Küste stranden und in der Meerenge ertrinken?", fragt Panagiotis Paparisvas, Präsident der Handelskammer von Lesbos. Er betreibt ein Elektronikgeschäft im Zentrum von Mytilene. Paparisvas betont einen Aspekt der Flüchtlingskrise, von dem kaum berichtet wird: "Im Moment arbeiten mehr als 80 Nichtregierungsorganisationen auf Lesbos. Aber deren Angestellte und all die Freiwilligen kaufen ihre Kleidung und andere Dinge bei internationalen Firmen, nicht bei uns."

Nach den Aufständen im Flüchtlingslager Moria am vergangenen Montag gab es aus Regierungskreisen den inoffiziellen Vorschlag, ein Passagierschiff im Hafen von Mytilene für die Unterbringung von Flüchtlingen zu nutzen. Spiros Galinos, Bürgermeister von Lesbos, will nicht, das die Flüchtlinge unmittelbar in Mytilene untergebracht werden. Das könnte den Touristen noch mehr missfallen. Im Gespräch mit ZEIT ONLINE sagt er: "Das könnte ein Notfallplan sein, nur unmittelbar nach Aufständen, aber es kann nicht als permanente Lösung oder Langzeitprojekt funktionieren. Wir brauchen kein zweites, schwimmendes Moria." Galinos hat auch einen Beschwerdebrief an das griechische Ministerium für Schifferei und Inselpolitik geschrieben.

Auch manche Bewohner von Lesbos wehren sich gegen das Schiff, allerdings aus einem anderen Grund. Denn nicht alle leiden hier unter der Situation. An manchen Orten abseits von Mytilene läuft das Geschäft besser als zuvor: Taxifahrer und Fast-Food-Restaurants haben ihren Umsatz gesteigert. Und in den abgelegenen Dörfern und isolierten Buchten, in die früher kaum ein Tourist fand, sind die Zimmer nun ausgebucht.

Aus dem Englischen von Jakob Pontius

Flüchtlingskrise - "Wen sollte ich zuerst retten mit meinem kleinen Boot?" Die Fischer von Lesbos führten ein einfaches, ruhiges Leben – bis die Flüchtlingsboote kamen. Im Video erzählt der Fischer Kostas Pideris, wie sie ihre Arbeit ausgesetzt haben, um zu helfen, und wie ihn diese Erfahrung verändert hat.