Zwei Wochen vor der Parlamentswahl droht einem der renommiertesten Meinungsforschungsinstitute Russlands das Ende. Das Lewada-Zentrum muss sich künftig als "ausländischer Agent" ausweisen, teilte das russische Justizministerium mit. Dies sei nach einer "außerplanmäßigen Kontrolle" des Zentrums beschlossen worden, hieß es in der offiziellen Stellungnahme des Ministeriums. Was genau bei dieser Kontrolle festgestellt wurde, kommentierte das Ministerium nicht.

Derzeit ist die Website von Lewada nicht zu erreichen. In einer Erklärung des Direktors Lew Gudkow heißt es die Gründen des Aussetzens der Seite lägen "außerhalb der Kontrolle" des Instituts.

Das Lewada-Zentrum wird rechtlich gegen diesen Beschluss vorgehen, sagte der Direktor des Zentrums, Lew Gudkow, ZEIT ONLINE. Allerdings hält er die Chancen eines rechtlichen Widerrufs der Ministeriumsentscheidung für gering, da die Justiz in Russland nicht unabhängig sei. Sollte der Einspruch ohne Erfolg bleiben, müsse das Institut seine Tätigkeit womöglich einstellen, sagt Gudkow.

Erst vor einigen Tagen hatte das Lewada-Zentrum eine Studie veröffentlicht, laut der nur 31 Prozent aller Befragten vorhatten, die regierende Partei Einiges Russland zu wählen – 8 Prozentpunkte weniger als im Monat zuvor. "Wir halten dem Land einen Spiegel vor",  sagt Gudkow. Das Ende des Zentrums bedeute das Ende dieser Selbstreflexion.

Auch für das Verständnis Russlands im Ausland spielen die Studien des Lewada-Zentrums eine große Rolle. Ausländische Journalisten und Russland-Beobachter zitieren häufig deren Meinungsanalysen, die es auch zu kontroversen Themen gibt. Im vergangenen Jahr veröffentlichte das Lewada-Zentrum unter anderem umfangreiche Umfragen zum Demokratieverständnis, zum Konflikt in der Ukraine, zu Homophobie und Patriotismus. Die Resultate lassen die Regierung nicht immer im besten Licht erscheinen. Kein anderes Institut in Russland produziere Analysen, die einen vergleichbar tief gehenden und vielseitigen Einblick in die Meinungswelt der russischen Gesellschaft ermöglichen, sagt Gudkow.

Gesetz schädigt Nichtregierungsorganisationen

Infolge eines 2012 erlassenen Gesetzes können Nichtregierungsorganisationen, die Geld aus dem Ausland erhalten, von den Behörden auf eine Liste von sogenannten ausländischen Agenten gesetzt werden. Organisationen, die auf dieser Liste stehen, sind verpflichtet, sich in ihren Publikationen und bei öffentlichen Tätigkeiten als "ausländischer Agent" zu kennzeichnen.

Wenn das Lewada-Zentrum nun als "ausländischer Agent" gelte, müssten die Mitarbeiter Umfragen mit Menschen führen, "die uns misstrauen", sagt Gudkow. Das mache die Art der Forschung, die das Institut immer betrieben hat, unmöglich.

Kritiker und Menschenrechtsgruppen sehen die Agentenliste als Mittel des Kreml, um regierungskritische Gruppen zu diskreditieren und Russlands Zivilgesellschaft weiter zu schwächen.

Das nach dem russischen Soziologen Juri Lewada benannte Lewada-Zentrum wurde 1987 im Rahmen des Meinungsforschungsinstituts WZIOM gegründet. 2003 wurde das Zentrum unabhängig.