ZEIT ONLINE: Mr. Wuerker, Donald Trumps Markenzeichen ist seine Frisur, klar. Aber woran erkennt man Hillary Clinton?  

Matt Wuerker: Zu Donald Trump gibt es einfach keinen Vergleich. Seine Haare sind eine Metapher für seinen Wahlkampf. Er ist so exzentrisch, so laut, so unerwartet und eigen, dass er Hillary völlig überschattet. Verglichen mit ihm wirkt sie wirklich langweilig. Die Frisur ist Teil seines bösartigen Genies. Hillary zeichne ich seit den frühen Neunzigern. Ein Alleinstellungsmerkmal so wie Trump hat sie nicht, das macht mir natürlich Probleme. Auf die Gefahr hin, dass ich wie ein Sexist klinge: Am besten erkennt man sie an ihrem Hosenanzug. Man zeichnet noch einen Kopf und Haare dazu und gleich sagt jeder: Hey, das ist doch Hillary! 

ZEIT ONLINE: Seit 35 Jahren kommentieren Sie mit ihren Zeichnungen das politische Geschehen in den USA. Welchen Eindruck macht diese Wahl auf Sie? 

Wuerker: Neben dem offensichtlichen Kram – Hillary als erste Frau so nah an der Präsidentschaft – gibt es eine wirkliche faszinierende Besonderheit: Bei der Wahl tritt der ultimative Daddy-Kandidat gegen die ultimative Mommy-Kandidatin an. Trump ist ein Alpha-Tier, er schlägt sich auf die Brust, ballt die Fäuste. Hillary gibt sich mütterlich, ihr Credo lautet: "Wir verstehen uns alle prima, seid nett zueinander". Wir haben die Wahl zwischen Testosteron und Östrogen, zwischen Krawall und Kooperation. Und entsprechend gespalten ist unser Land.

ZEIT ONLINE: Donald Trumps Wahlkampf speist sich aus dem Hass auf die Politik-Elite in Washington. Können Sie die Frustration seiner Anhänger verstehen? 

Matt Wuerker ist 60 Jahre alt und Karikaturist der Nachrichten-Website Politico. Für seine Cartoons erhielt er im Jahr 2012 den Pulitzer-Preis, die weltweit höchste Auszeichnung für Journalisten. © Matt Wuerker

Wuerker: Absolut. Die Leute in Washington denken, sie seien unfehlbare Experten. Wir halten uns für die Besten und Schlausten, in unseren Augen führen wir nicht nur dieses Land, sondern die ganze Welt. Dabei machen wir einen bemerkenswert schlechten Job. Die Arbeiterschicht leidet unter den Freihandelsabkommen der letzten Jahre, unsere brillanten Außenpolitik-Strategen haben im Irak und im Kampf gegen die Terroristen von Al-Kaida kläglich versagt. Kein Wunder, dass die Wähler wütend sind und Trump für sein Versprechen feiern, diese Leute rauszuwerfen. 

ZEIT ONLINE: Sie benutzen das Wort "wir". Sind Sie Teil der Blase? 

Wuerker: Ich lebe nun seit 16 Jahren in dieser Stadt – und ja, auch ich bin zu einem Teil des Systems geworden. Hier bei Politico schaut man aus dem Fenster auf den Potomac, den großen Fluss, der durch Washington fließt. Insider sprechen vom Potomac-Fieber und ich leide ganz sicher daran. Dieses Geflecht aus Politik und Medien, die gegenseitige Bestätigung – das steigt einem irgendwann zu Kopf. Ehrlich gesagt glaube ich, dass wir den Bezug zum Volk verloren haben. Zwar ist Donald Trump nicht der Richtige, um unsere Blase zum Platzen zu bringen. Aber wir brauchen Veränderung. Vielleicht müssen wir es einfach so machen wie die Chinesen zu Zeiten Maos: Die Angehörigen der Medien-Eliten in New York sollten mal ein bisschen Zeit auf einer Farm in Ohio verbringen um die einfachen Leute dort kennen zu lernen. 

ZEIT ONLINE: Donald Trump brüstet sich damit, dass er keine TV-Werbung schalten muss, weil die Medien ohnehin rund um die Uhr über ihn berichten. Sind Sie mit der Arbeit Ihrer Kollegen zufrieden? 

Wuerker: Ich glaube, Trump hat die Medien ausgetrickst. Viele Journalisten müssen sich heute vorwerfen, dass sie auf ihn reingefallen sind. So hat er es irgendwie durch die Vorwahlen geschafft. 

ZEIT ONLINE: Hat der Journalismus einen schlechten Job gemacht? 

Wuerker: Wer eine Website betreibt, ist nun mal auf Klicks angewiesen. Du kannst also eine Geschichte über Trumps neuste, völlig verrückte Äußerung schreiben oder ganz nüchtern die Lage der US-Außenpolitik analysieren. Einer der beiden Texte bekommt eine Millionen Klicks, der andere 5000. Was sollen die Medien da machen? 

ZEIT ONLINE: Aber Sie zeichnen ihn doch auch. 

Wuerker: Ja, manchmal fühle ich mich ein bisschen schmutzig. Aber wir Karikaturisten können einfach nicht von Trump lassen. Eigentlich sollten wir versuchen, beide Kandidaten gleich oft zu zeigen. Aber wie soll das denn gehen? Trump hat verstanden, dass die Aufmerksamkeitsspannen heute viel kleiner sind als noch vor zwanzig Jahren. Und er hat den Umgang mit diesem Phänomen perfektioniert – das sieht man vor allem an seinen Tweets. Am Mittwoch bin ich aufgewacht und habe auf mein Handy geschaut. Da stand: Trump fliegt spontan nach Mexiko, um sich mit dem Präsidenten zu treffen. Hillary gab zur gleichen Zeit eine Grundsatzrede vor Amerikas Veteranen. Aber niemand interessiert sich für sie. Wir alle schauen nur auf Trump.