Die Kämpfe beginnen mit der Dunkelheit, wie so oft in diesem Krieg. Kurz vor neun Uhr erfolgt der erste Beschuss, dumpf detonieren die Geschosse. Die folgenden Salven explodieren lauter, die Einschläge sind näher: Erst einen Kilometer, dann dreihundert, dann zweihundert Meter entfernt, aus südlicher Richtung. Mörserfeuer, Granaten. Das Haus erzittert, der Strom erlischt. Die fünf Beobachter der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit (OSZE) notieren die Einschläge – und fliehen selbst.

Die Sonderbeobachter, die eine Waffenruhe überwachen sollen – und selbst vor den Waffen fliehen müssen: Es gibt wohl kein Bild, das die Aussichtslosigkeit auf einen Frieden im Osten der Ukraine besser illustrieren würde. Am Dienstagabend dieser Woche kam die OSZE-Basis in der von ukrainischen Truppen kontrollierten Kleinstadt Schtschastja unter Beschuss. "Infolge von Mörserfeuer hat die OSZE-Sondermission ihren Stützpunkt in Schtschastja evakuiert", wird die Organisation später nüchtern mitteilen.

Die OSZE-Beobachter sind seit mehr als zwei Jahren als Chronisten des Krieges in der Ostukraine im Einsatz. Laut Minsker Protokoll sollen sie den Abzug schwerer Waffen und die Feuerpause überwachen. Eine Feuerpause, die keine ist: Im Sommer haben die Kämpfe zwischen ukrainischen Truppen und prorussischen Separatisten wieder einen Höhepunkt erreicht. Fünfhundert Explosionen haben die Beobachter Ende August in der Ostukraine gezählt – an einem Tag. "Eine hohe Zahl von Verstößen gegen die Waffenruhe", mit diesen Worten beginnen die täglichen OSZE-Berichte jetzt wieder. Zuletzt hatte die ukrainische Armee wieder so viele Todesopfer zu melden wie seit einem Jahr nicht mehr.

Forderungen nach einer robusteren Mission

Dass auch die Worte und die täglichen Protokolle der knapp 600 OSZE-Beobachter nichts gegen die Kämpfe, die Toten und das Leid ausrichten können, hat zu Frust in der Ukraine geführt. So alt wie der Krieg ist deshalb die Forderung, die zivile Mission der OSZE auf eine militärische auszuweiten. Die ukrainische Regierung schlägt vor, eine bewaffnete OSZE-Polizeimission einzusetzen, um die ukrainisch-russische Grenze zu überwachen und die Lokalwahlen nach ukrainischem Recht durchzuführen. "Wir benötigen auch eine bewaffnete Polizeimission, die wirklich die Lage vor Ort kontrollieren, Provokationen verhindern und auf Zwischenfälle reagieren kann", sagte der ukrainische Außenminister Pawlo Klimkin zuletzt dem Tagesspiegel.

Ein Vorschlag, dem auch Experten – wenngleich vorsichtig – etwas abgewinnen können. "Sollte die Gewalt eskalieren, könnte es notwendig werden, eine stärkere Art der Präsenz inklusive militärischer Komponenten in Betracht zu ziehen", analysierte Stefan Lehne, Experte für europäische Außenpolitik bei Carnegie Europe, bereits vor einem Jahr.

Ein solcher Schritt dürfte aber an den politischen Realitäten scheitern: Eine Ausweitung des Mandats bräuchte die Zustimmung aller 57 OSZE-Mitgliedsstaaten – und somit auch Russlands. Eine bewaffnete OSZE-Mission ist auch für die Führung der selbst erklärten Separatistengebiete ausgeschlossen: Denis Puschilin, Wortführer der sogenannten Donezker Volksrepublik in der Minsker Kontaktgruppe, hat zuletzt gedroht, eine derartige Mission in den Separatistengebieten als "versuchte Intervention" zu werten.