Anton und Natalja sollen es noch einmal richten für die Demokratie in Russland. Es ist Freitag, der letzte Tag, an dem offiziell Wahlkampf geführt wird. Seit Stunden verteilen sie an einer Kreuzung in der Petersburger Innenstadt Wahlbroschüren von Jabloko, Russlands ältester Oppositionspartei. Es läuft schlecht. Der kühle Herbstwind kriecht unter die noch sommerliche Kleidung, Passanten hasten vorbei und die umliegenden Mülleimer quellen schon über mit Papierknäueln in Grün, Jablokos Parteifarbe.

Anton, Anfang 30, lässt sich die Laune dennoch nicht verderben. "Wen Sie wählen sollen, ist Ihre Entscheidung", lacht der Wahlkämpfer. Er jedenfalls sei für die LDPR, gegen Putin. Das sei für ihn seit Armeezeiten Tradition. Dass die LDPR vom kremlhörigen Politclown Wladimir Schirinowski geführt wird, kümmert ihn wenig. Und Jabloko? "Das ist nur ein Job." Kurz scheint es ihm peinlich zu sein, doch dann, wie zum Beweis, zieht er sein weißes Jabloko-Leibchen hoch, unter dem ein Shirt der Parnas-Partei steckt, dem wichtigsten demokratischen Gegner von Jabloko. Für die habe er auch schon gearbeitet.

Deutlich mehr auf Parteilinie ist seine Kollegin Natalja, Mitte 50, Buchhalterin. Sie erzählt, wie sie 2011 auf dem Bolotnaja-Platz demonstriert hat, schimpft über die Krim-Annexion. Heute ist sie froh, weil sie im Jabloko-Shirt wenigstens noch nicht angepöbelt wurde. Doch auch sie hat keine Wahlempfehlung. "Ich tendiere zu Jabloko, aber Parnas ist auch eine Option", sagt sie verlegen lächelnd. Man müsse gucken, wer die besseren Chancen hat.

Umfragen zufolge stehen diese beim heutigen Urnengang für beide Parteien ziemlich schlecht. Landesweit kommt keine Oppositionspartei über zwei bis drei Prozent hinaus. In der Fünf-Millionen-Metropole St. Petersburg aber haben Putins Gegner ein Heimspiel. Bei der letzten Wahl 2011 holte Jabloko hier über elf Prozent, dreimal mehr als landesweit. Auch im Stadtparlament sind die Linksliberalen vertreten. Auch deshalb haben sämtliche Parteien am letzten Tag vor dem offiziellen Tag der Stille alle Kräfte auf die Straße geworfen, Wahlhelfer verteilen Broschüren, Kandidaten geben ihre letzten Interviews und treffen Wähler.

Mediale Dominanz von Einiges Russland

Dabei kritisieren Experten schon seit Wochen, dass der Wahlkampf, verglichen mit 2011, apathisch geführt wurde. Tatsächlich hat die Opposition in den vergangenen Wochen keine einzige große Aktion auf die Beine gestellt. "Die totale mediale Dominanz von 'Einiges Russland' ist zum Teil auch der Passivität politischer Akteure geschuldet", schreibt etwa die unabhängige Organisation Golos, die die Rechte von Wählern schützt. Der Soziologe Denis Wolkow vom unabhängigen Lewada-Zentrum meint, dass die Liberalen es versäumt hätten, eine langfristige Kommunikation mit Unterstützern und Wählern aufzubauen. Doch der größte Kritikpunkt ist, dass es, anders als 2011, zu viele Parteien gibt, die sich gegenseitig die Stimmen wegnehmen und selbst bei Direktmandaten gegeneinander antreten.

Andrej Piwowarow will die Kritik nicht stehen lassen. Der Direktkandidat von Parnas klingt etwas aufgebracht am Telefon: "Es kann sein, dass wir heute wieder festgenommen werden", rattert er in den Hörer. Tags zuvor verbrachte Piwowarow ein paar Stunden auf dem Revier, weil seine Parteizeitung den Behörden nicht gepasst habe. Heute hält der Mann mit Lederjacke und Kurzhaarschnitt eine weiß-braune Parnas-Fahne vor der Metro Kirovsky Zavod, und verteilt wieder Zeitungen. Links und rechts vom Eingang haben sich Verteiler von Einiges Russland postiert, sie erinnern an gelangweilte Wachsoldaten. An den Kiosken gegenüber verteilen Studenten Flugblätter der Rost-Partei, einer neu gegründeten Pseudoopposition von Kremls Gnaden. Eine Frau hetzt an ihnen vorbei. "Nein danke, ich bin für Schirinowski", blafft sie den jungen Wahlkämpfern entgegen. Von Polizei weit und breit keine Spur.

"Vielleicht kommen sie ja noch", sagt Piwowarow. Auf seiner Zeitung prangt eine Karikatur auf den Petersburger Gouverneur, der vor einer Waage steht, auf deren Schalen die Geschäftsinteressen des Sohnes die Interessen von Ärzten, Lehrern und Rentnern überwiegen. Für ihn ein Grund, warum die Polizei seinen Wahlkampf schikaniert. Die Agitation auf der Straße und Treffen mit potenziellen Wählern hält der 34-Jährige dennoch für effektiv: "Heute ist der letzte Tag, deswegen muss alles an Material raus an die Leute. Heute sind unsere Unterstützer überall in der Stadt."