ZEIT ONLINE: Frau al-Yussef, Sie haben in Saudi-Arabien eine Petition für mehr Frauenrechte mitorganisiert. Wem haben Sie das Bürgerbegehren übergeben?

Aziza al-Yussef: Wir haben versucht, die Petition am Montag persönlich am Königshof einzureichen – ohne Erfolg. Die offizielle Prozedur ist, dass solche Anliegen gesellschaftlicher Art per Mail geschickt werden müssen. Das werden wir diese Woche tun. Wir haben 14.700 Unterschriften gesammelt, darunter auch die vieler Männer – für Saudi-Arabien ist das eine erfreuliche Zahl. Wir haben eine öffentliche Debatte angestoßen. Seit wir unseren Hashtag "Saudische Frauen fordern das Ende der Vormundschaft der Männer" vor 82 Tagen starteten, haben sich sehr viele Leute beteiligt.

ZEIT ONLINE: Worum ging es in der Diskussion?

Al-Yussef: Für die Beziehungen zwischen Frauen und Männern gibt es im Islam zwei Konzepte – Qiwama und Wilayah. Qiwama heißt, der Mann ist finanziell verantwortlich für die Frau – damit haben wir kein Problem. Probleme haben wir mit dem Konzept von Wilayah, das dem Mann das Recht gibt, alles und jedes im Leben der Frau zu bestimmen. Für diese Unterscheidung haben wir in unserer Twitter-Kampagne das Bewusstsein geschärft, und dafür haben wir auch die Unterstützung prominenter Kleriker bekommen. Uns kommt es darauf an zu zeigen, dass die heutige Praxis in Saudi-Arabien nicht vom Islam gefordert, sondern eine Vorschrift der Regierung ist.

ZEIT ONLINE: Wie weit verbreitet ist die Praxis der männlichen Vormundschaft?

Al-Yussef: Sie ist absolut üblich. Wenn eine Frau ein Stipendium bekommt, kann sie es nicht annehmen gegen den Willen ihres männlichen Vormunds. Eine Frau kann nur aus dem Gefängnis entlassen werden, wenn ihr männlicher Vormund sie abholt. Tut er das nicht, kommt sie nicht frei, sondern in ein staatliches Heim. Gerade erst berichtete auf Twitter eine 52-jährige Frau, sie sei zum Amt gegangen, um einen Reisepass zu beantragen. Ihr wurde gesagt, ihr männlicher Vormund müsse mitkommen und seine Zustimmung geben. Der Vormund dieser Frau ist ihr 22-jähriger Sohn. Er muss ja sagen, sonst bekommt seine Mutter keinen Reisepass. Das ist doch eine absurde Situation.

ZEIT ONLINE: Wie groß sind die Aussichten auf Erfolg?

Al-Yussef: Wir warten auf Reformen. Angesichts der vielen wirtschaftlichen Probleme in Saudi-Arabien sind diese Änderungen unausweichlich und müssen bald kommen. Man kann keine Entwicklung in einem Land organisieren, wenn die Hälfte der Gesellschaft gelähmt ist. Ohne die Beteiligung von Frauen wird Vizekronprinz Mohammed ibn Salman die Ziele seiner Reformagenda Vision 2030 nicht erreichen können. Das gilt auch für das Autofahren. Wenn Frauen nicht selbst fahren dürfen, können nicht jeden Tag Millionen von ihnen zur Arbeit kommen.

ZEIT ONLINE: Sie haben schon viele Kämpfe für Frauenrechte in Saudi-Arabien ausgefochten – ohne großen Erfolg. Wird es diesmal anders sein?

Al-Yussef: Ich bin optimistisch. Wenn die männliche Vormundschaft abgeschafft wird, wäre das ein riesiger Schritt nach vorne. Ich bin überzeugt, wir werden schon bis Ende 2016 erste Schritte sehen. Die Regierung wird zunächst die krassen Fälle lösen, die Fälle von schwerem Machtmissbrauch. Es gibt Tausende solcher Schicksale. Zum Beispiel, wenn eine Frau die Scheidung einreicht, bleibt ihr entfremdeter Mann während des Scheidungsprozesses weiterhin ihr Vormund. Das kann sich über viele Monate hinziehen. Ich kenne einen Fall, da hat eine junge Frau die Scheidung eingereicht und bekam danach ein Stipendium für die USA. Ihr Noch-Ehemann verweigerte die Zustimmung, sodass sie nicht fahren konnte.

ZEIT ONLINE: Wie ist die Reaktion des Königshauses auf Ihre Petition?

Al-Yussef: Bisher keine. Vizekronprinz Mohammed ibn Salman hat lediglich in einem Interview gesagt, dass den Frauen in Saudi-Arabien viele Rechte fehlen. Immerhin, damit hat er das Problem zumindest anerkannt.