Der 2008 verstorbene irische Politiker und spätere Chefredakteur des britischen Observer, Conor Cruise O’Brien, beschrieb den Nationalismus in einem Essay einmal als Gespenst, das nicht zur Ruhe kommt, bis in seinem Namen getötet wurde. In Schottland wird kein Blut vergossen. Aber die Geister, die die Scottish National Party (SNP) geweckt hat, geben keine Ruhe.

Gerufen wurden sie von Parteiführer und Ministerpräsident Alex Salmond, der den Nationalismus mit einer Mischung aus Rücksichtslosigkeit und Leichtsinn für seinen Machterhalt eingesetzt hat. Als er das Volk 2014 vor die Wahl stellte, Teil des Vereinigten Königreichs zu bleiben oder unabhängig zu werden, handelte er sich zwar eine vernichtende Niederlage ein. Seine Nachfolgerin Nicola Sturgeon, der man ein vernünftigeres Naturell nachsagt, hat nun aber Schwierigkeiten, den von dem Referendum gestärkten Nationalismus in Bahnen zu lenken, in denen das Land nicht in eine Katastrophe stürzt.

Seit dem Brexit-Votum heißt es überall, der Tag eines zweiten schottischen Unabhängigkeitsreferendums stünde bevor. Die Schotten hatten mehrheitlich gegen den Brexit gestimmt. Tausende Nationalisten marschierten danach unter einem weißblau-schottischen Fahnenmeer durch Glasgow. Nationalistische Hochburgen wie Glasgow, Dundee und, auf dem Lande, die Hebrideninsel Skye waren bald mit "YES2"- und "Indyref2"-Aufklebern übersät. Man könnte meinen, das schottische Volk befände sich in hellem Aufruhr.

Sturgeons Ablenkungsmanöver

Allerdings hatte kaum jemand genau hingehört, als Nicola Sturgeon sich in den Tagen nach dem Brexit äußerte. Sie sprach von der Möglichkeit eines zweiten Referendums, nie von der Wahrscheinlichkeit. Sie spielte Spekulationen herunter – ohne ihrem radikalnationalistischen Parteiflügel weh zu tun. Jenen Fundamentalisten, für die die Unabhängigkeit ein Glaubensbekenntnis ist, dem sich jeder Schotte unterordnen muss. Es sei denn, er sei ein "Verräter".

Am Freitagmorgen hielt die Parteiführerin symbolträchtig in der William-Wallace-Stadt Stirling eine groß angekündigte Rede, über die die britischen Onlinemedien mit Schlagzeilen wie "Nicola Sturgeon startet neue Unabhängigkeitskampagne" berichteten. Der altgediente BBC-Kommentator James Naughtie, selber ein Schotte, war allerdings vorsichtiger. Er verwendete die schöne englische Redewendung, etwas "in das lange Gras zu kicken". Eine vom Golf übernommene Metapher. Wer aus dem Rough nicht mehr herauskommt, befördert den Ball heimlich in ein Terrain, in dem ihn niemand mehr findet. Er könne das lange Gras förmlich riechen, sagte Naughtie.