Am Dienstag postete eine Claudia Karl auf Facebook: "Und wieder einmal! Mein Mann bei der Arbeit angegriffen. Brille zerstört, Gesichtswunden. Androhung einer Messerstecherei. Wann wird jemand etwas dagegen unternehmen?"

Frau Karl und ihr ebenfalls deutscher Mann Michael leben im ostschottischen Aberdeen. In Schottland, dessen Regierung sich gerne als Zitadelle europäischer Ideale und europäischen Gemeinsinns feiert. Er ist Elektriker und arbeitet für die Stadtverwaltung.

Der Angriff am Arbeitsplatz war beileibe nicht die erste Erfahrung von Fremdenfeindlichkeit, mit der die Familie in Schottland konfrontiert wurde. Letztes Jahr, berichtet die Mutter, wurde eine Tochter in der Schule wegen ihrer Herkunft zusammengeschlagen und erlitt einen Schädelbruch. Ihre jüngere Schwester wurde gemobbt und jemand postete auf ihrer Facebook-Seite: "Du gehörst in die Gaskammer."

Drei Tage nach dem Brexit wendete die schottische Ministerpräsidentin Nicola Sturgeon sich in einem offenen Brief an alle in Schottland lebenden EU-Bürger. Sie geriet ins Schwärmen, wie willkommen und geschätzt diese hier seien. Kürzlich veranstaltete sie eine Sondersitzung ihres Kabinetts, zu der sie EU-Bürger aus ganz Schottland einlud.

Doch mit der (selbst-)gerühmten Europaliebe ist es aber nicht weit her. Dass es in Schottland genauso viele Fremdenfeinde wie anderswo gibt, mag erst mal nicht verwundern. In Glasgow startete die neofaschistische Gruppe National Action kürzlich eine Volksküche "nur für Weiße". So etwas wird von allen Parteien und gesellschaftlichen Gruppen einschließlich der regierenden Scottish National Party (SNP) umgehend verurteilt.

Anti-englische Propaganda

Aber wenn ein SNP-Mitglied sich ausländerfeindlicher Ausfälligkeiten gegen jemanden schuldig macht, der die nationalistische Ideologie nicht teilt, deckt ihn die Partei. Das Amtsgericht Portree auf der Insel Skye, einer Nationalistenhochburg im gälischen Westen des Hochlands, verurteilte kürzlich einen 51-jährigen Ian Henderson wegen rassistischer Gewaltandrohung, die der Richter "düster und bedrohlich" befand, zu siebzig Stunden Sozialdienst. Die West Highland Free Press, ein ehemals linkes und nun ins nationalistische Lager abgeglittenes lokales Wochenblatt, ignorierte den Fall. Prominent ignoriert wurde das Verfahren auch von der Parteiführung in Edinburgh, von dem soeben als schottischem Minister für Brexit-Verhandlungen ins Amt gehobenen Michael Russel – und von Nicola Sturgeon. Die SNP lässt ihre skrupellosen Elemente ungestraft gewähren.

Nicola Sturgeons großartig in Szene gesetzte "proeuropäische" Kampagne ist also ein Wolf im Schafspelz – als Weltoffenheit verkleidete anti-englische Propaganda. Ihr geht es in erster Linie darum, eine schottische Sonderstellung zu untermauern. Schottland stimmte tatsächlich gegen Brexit. Doch die Europabegeisterung hielt sich in Grenzen. Analysiert man das Ergebnis genauer, so wird klar, dass die Wahlberechtigten, die für den Verbleib in der EU votierten,  gerade einmal 41 Prozent ausmachen; die Wahlbeteiligung war weitaus geringer als im restlichen Großbritannien und lag fast 20 Prozent unter der des Unabhängigkeitsreferendums 2014. In der zur Freedom City stilisierten SNP-Hochburg Glasgow gingen gerade mal 56 Prozent zur Wahl.