Eid al-Adha, das muslimische Opferfest, beginnt am Montag. Schafe, Ziegen, Kühe werden geschlachtet, das Fleisch mit den Armen geteilt. In Ostaleppo, in Duma oder Erbin haben die Menschen solche Tiere schon lange nicht mehr gesehen. Sie sind seit Jahren vom syrischen Regime belagert. Aber wenn das Papier, das John Kerry und Sergej Lawrow am Samstag in Genf unterzeichnet haben, irgendetwas wert ist, dann müssten die Bewohner dieser Städte nächste Woche zumindest Hilfsrationen der UN erhalten – und diese zum Fest ohne Bombardierung verzehren können. 

Ab Montag soll, so Kerry, für sieben Tage ein "ernsthafter Rückgang der Gewalt" einsetzen und Hilfsorganisationen Zugang zum mittlerweile wieder eingeschlossenen Ostaleppo und anderen belagerten Städten gewährt werden. Soll heißen: Moskau hält seinen Schützling Baschar al-Assad davon ab, in den kommenden Tagen weiterhin Fassbomben und Chlorgas auf oppositionelle Städte zu werfen. Das Regime in Damaskus ließ durch seine staatliche Nachrichtenagentur Sana ausrichten, es sei einverstanden – und setzte dann zum nächsten Luftangriff an. Am Wochenende sind nach Angaben von syrischen Aktivisten bei Bombardements auf einen Marktplatz in Idlib und auf Orte in der Provinz Aleppo mindestens 100 Menschen getötet wurden.

Nach rund fünf Jahren dieser unentwegten Horrormeldungen aus Syrien ist man versucht, in jede Vereinbarung das Anfang vom Ende dieses Krieges hineinzulesen. Bloß: Ein Abkommen über einen Waffenstillstand ist es eben nicht, was Russland und die USA da vorgelegt haben. Es ist vielmehr eine Vereinbarung darüber, wer ab Montag wen bombardieren darf. 

Moderate Rebellen fühlen sich verraten und verkauft

Und dabei hat Russland einen diplomatischen Punktsieg erzielt, hinter dem es schon lange her war: die USA dazu zu bringen, den "Krieg gegen den Terror" nun gemeinsam mit dem russischen Militär zu führen. Nicht mehr nur gegen den "Islamischen Staat", sondern auch gegen die Nusra-Front, den Ableger von Al-Kaida in Syrien, der sich vor Kurzem aus taktischen Gründen von dem Terrornetzwerk losgesagt und in "Dschabhat Fatah al-Scham" umbenannt hat. Die Gruppe ist inzwischen die stärkste militärische Fraktion in den Reihen der Anti-Assad-Kräfte – und war im Übrigen auch immer wieder die stärkste Truppe im Kampf der Rebellen gegen den IS, mit dem sie ein inniger dschihadistischer Bruderhass verbindet.

Genau darin liegt der größte Knackpunkt dieser Vereinbarung von Genf. Moskau soll Assads Luftkrieg gegen die Zivilbevölkerung (etwas) bremsen – wobei dieser übrigens in bestimmten Gebieten durchaus weiter bombardieren darf. Washington soll die moderateren Rebellen dazu bringen, sich in den nächsten Tagen nicht nur militärisch, sondern auch räumlich von der alten Nusra-Front zu distanzieren, damit diese von den USA und Russland ins Visier genommen werden kann. 

Das Problem dabei: Die nicht dschihadistischen bewaffneten Gruppen, darunter auch die "Freie Syrische Armee" wähnen sich von den USA und ihren westlichen Verbündeten an Assad und Putin verraten und verkauft. Aus nachvollziehbaren Gründen: Nach dem letzten Anlauf zu einem Waffenstillstand im Februar dieses Jahres hatten sich die oppositionellen Kräfte – auch die islamistischen – weitgehend daran gehalten. Russland wie auch die syrische Luftwaffe bombardierten weiterhin mehrere oppositionelle Gebiete mit der Begründung, dort hielten sich "Terroristen" auf. Westliche Regierungen unternahmen nichts.

Die weiter erstarkte Ex-Nusra-Front ist inzwischen die Lebensversicherung vieler moderater Rebellengruppen. Diese aufzukündigen, dürften die meisten vermutlich als politischen und militärischen Selbstmord ansehen. Die sehr wahrscheinliche Folge: Bei russisch-amerikanisch abgestimmten Luftangriffen auf Nusra-Kämpfer werden auch nicht dschihadistische Rebellen getroffen – und Zivilisten, in deren Wohngebieten sie sich bewegen.