US-Präsident Barack Obama und Bundeskanzlerin Angela Merkel haben die Luftangriffe der syrischen und russischen Luftwaffe auf Aleppo aufs Schärfste verurteilt. Sie seien sich darüber einig, dass es an Russland und dem syrischen Regime liege, die Kämpfe in dem Bürgerkriegsland zu beenden, teilte das Weiße Haus mit und berichtete von einem Telefonat von Obama und Merkel, in dem beide von "barbarischen Angriffen" auf Aleppo gesprochen hätten. Syrien und Russland müssten den Zugang von UN-Hilfslieferungen zu den belagerten und schwer zugänglichen Gebieten ermöglichen.

Nach einem Erfolg in dem Bemühen darum, oder um Frieden in Syrien überhaupt, sieht es derzeit aber nicht aus. Die Rhetorik zwischen den beiden entscheidenden Konfliktparteien, Russland und den USA, hat sich verschärft; die USA haben dem Kreml wegen der anhaltenden Luftangriffe mit einem Abbruch der Gespräche über eine neue Waffenruhe in Syrien gedroht. Es sei "irrational", einfach herumzusitzen und zu versuchen, die Dinge ernst zu nehmen, sagte US-Außenminister John Kerry. "Dies ist einer der Momente, in denen wir Alternativen verfolgen müssen."

Russland sieht allerdings keinen Grund, seine Strategie zu ändern. Moskau werde seine Lufteinsätze fortsetzen, um den "Antiterrorkampf der syrischen Truppen zu unterstützen", sagte Kreml-Sprecher Dmitri Peskow. Falls Washington die gemeinsamen Bemühungen zur Beendigung des Bürgerkriegs abbreche, sei dies das größtmögliche "Geschenk an Terroristen", erklärte wiederum die Sprecherin des Außenministeriums, Maria Sacharowa, auf Facebook. Peskow zufolge nehme sein Land den "nicht konstruktiven Charakter der Rhetorik aus Washington" zur Kenntnis.

Obama ohne wirkliche Optionen

In den vergangenen Tagen war der Druck auf Russland, die Luftangriffe auf Aleppo und damit die Unterstützung für das Assad-Regime zu beenden, stetig gestiegen. Bereits am Mittwoch hatte Kerry seinen russischen Kollegen Sergej Lawrow in einem Telefonat gewarnt, Washington werde die Syrien-Gespräche abbrechen, sollten die Angriffe weitergehen. Moskau müsse unverzüglich für ein Ende der Attacken sorgen. Die USA wollen eine siebentägige Feuerpause in Aleppo, die russische Regierung lehnt dies ab.

Vor rund eineinhalb Wochen war eine Waffenruhe in Syrien gescheitert. Die Kämpfe flammten wieder auf, nachdem die US-geführte Koalition versehentlich Stellungen der syrischen Armee aus der Luft angriff und einige Tage später ein Hilfskonvoi bombardiert wurde. Die USA werfen Russland und der syrischen Führung vor, den Angriff auf die unbewaffneten Helfer angeordnet zu haben. Russland weist die Vorwürfe zurück. Nach der Feuerpause leiteten die syrischen Einheiten eine Großoffensive auf Aleppo ein, die von Russland unterstützt wird.

"Größte humanitäre Krise seit Kriegsbeginn"

Aus dem Umfeld der US-Regierung verlautete, man wäge Möglichkeiten für eine härtere Reaktion ab. Dazu zählten auch militärische Optionen wie eine bessere Ausrüstung der Rebellen durch US-Verbündete in der Region, sagten Insider der Nachrichtenagentur Reuters. Die Möglichkeiten seien jedoch begrenzt, weil Präsident Barack Obama wiederholt einen Militärschlag gegen die syrische Armee und einen größeren Einsatz von US-Truppen abgelehnt hat. Ein US-Angriff auf einen syrischen Luftwaffenstützpunkt sei unwahrscheinlich, weil es dabei zu russischen Opfern kommen könnte, was die Lage weiter verschlimmern würde. Es sei daher unklar, ob Obama überhaupt andere Alternativen habe, als den Ton zu verschärfen.

In den vergangenen Tagen waren in dem von Rebellen gehaltenen Ostteil Aleppos auch Krankenhäuser, die Wasserversorgung und andere zivile Einrichtungen zerstört worden. Der Leiter der UN-Hilfseinsätze, Stephen O'Brien, nannte die Lage dort die "größte humanitäre Krise" in Syrien seit Beginn des Bürgerkriegs vor fünf Jahren. Das Gesundheitssystem im belagerten Ostteil der Stadt sei "kurz vor dem vollständigen Zusammenbruch". Die Organisation Save the Children beklagte vor allem den Einsatz von bunkerbrechenden Bomben, bei denen mehrstöckige Gebäude zusammenfallen und selbst Keller zerstört werden. Damit gebe es praktisch keinen Ort mehr, an dem Kinder – die oft in unterirdischen Schulen unterrichtet werden – sicher sind.