Russland hat die Vorwürfe der USA und Großbritanniens in der Syrien-Sondersitzung des UN-Sicherheitsrats zurückgewiesen und vor einer Belastung der Beziehungen zu den beiden Ländern gewarnt. Die scharfe Wortwahl der UN-Botschafter könnten die Aussichten für eine Lösung des Syrien-Konflikts eintrüben, sagte Präsidialamtssprecher Dmitri Peskow. Zudem könnten sie den bilateralen Beziehungen Russlands zu den USA und Großbritannien schaden.

Die russische Führung hofft nach eigenen Angaben immer noch auf eine politische Lösung für Syrien. Allerdings, so Außenminister Sergej Lawrow, erweckten die USA den Eindruck, dass sie ihren Verpflichtungen nicht gerecht würden. "Ich kann ihnen nicht zu 100 Prozent trauen", sagte er dem Sender NTW. Der russische UN-Botschafter Witali Tschurkin drang auf einen "ernsthaften Prozess ohne faulen Zauber". Es sei notwendig, "dass die Menschen nicht alle zwei Tage die Bedingungen ändern, denn die Abmachung war, dass alles, was getan werden muss, auch umgesetzt wird". Auch er glaube nicht, dass der Deal mit den USA tot ist. 

In der von den USA und Großbritannien beantragten Dringlichkeitssitzung des UN-Sicherheitsrats hatte die amerikanische UN-Botschafterin Samantha Power Russland am Sonntag vorgeworfen, es betreibe in Aleppo "keinen Anti-Terror-Kampf, sondern Barbarei". Der britische Außenminister Boris Johnson warf Russland vor, den Krieg in die Länge zu ziehen und möglicherweise Schuld an Kriegsverbrechen zu haben.

"Was wir derzeit in Syrien, insbesondere in Aleppo, erleben, ist Barbarei", sagte auch Regierungssprecher Steffen Seibert und übernahm damit im Namen der Bundesregierung die deutliche Kritik am Vorgehen der syrischen und russischen Streitkräfte. "Ohne Russlands Unterstützung wäre dieses Regime nicht in der Lage, seinen menschenverachtenden Krieg gegen die eigene Zivilbevölkerung in dem Maß fortzusetzen", sagte er und bekräftigte, es bestehe weiter ein "eklatanter Widerspruch zwischen Russlands Behauptung, eine diplomatische Lösung zu unterstützen, und den anhaltenden Berichten über die Bombardierung eines humanitären Hilfskonvois". Die Bundesregierung dränge Russland, den heftigen Angriffen der syrischen Regierung auf die Zivilbevölkerung ein Ende zu machen.

"Die Situation ist katastrophal"

Danach sieht es nach Angaben der syrischen Opposition aber nicht aus: So wie in den vergangenen Tagen wurde die einstige Metropole Aleppo in der Nacht zum Montag erneut massiv aus der Luft bombardiert. Es habe Dutzende Angriffe auf den von den Rebellen gehaltenen Ostteil gegeben, teilte die oppositionsnahe Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte in London mit. "Besonders nachts werden die Bombenangriffe intensiver, sie werden brutaler. Es werden alle Arten Waffen eingesetzt, Phosphor-, Napalm- und Streubomben", hieß es seitens des Zivilschutzes. "Die Situation ist katastrophal."

Die Versorgung der noch in Aleppo ausharrenden Menschen wird immer schwieriger. Dem Bericht eines Reporters der Nachrichtenagentur AFP nach werden Lebensmittel und medizinische Ausrüstung zusehends knapp. Die rund 250.000 Einwohner in den Rebellenvierteln erhalten praktisch seit zwei Monaten keine Hilfe mehr von außen, seit Samstag haben sie nach Angaben des UN-Kinderhilfswerks Unicef wegen der Angriffe kein frisches Wasser mehr. In den Krankenhäusern steige der Druck wegen der zahlreichen Verletzten und aufgrund des Mangels an verfügbaren Blutreserven, auch weil es an Chirurgen fehle, die auf Bluttransfusionen spezialisiert seien, sagten Ärzte. "Deshalb werden bei den am schwersten Verletzten sofort Amputationen vorgenommen."

"Vergleichbar mit den Gräueltaten des Zweiten Weltkriegs"

Unicef warnte, im Osten Aleppos seien schätzungsweise 100.000 Kinder in akuter Gefahr. "Die Intensität und die Rücksichtslosigkeit sind vergleichbar mit den Gräueltaten, die im Zweiten Weltkrieg verübt wurden", sagte der Sprecher von Unicef-Deutschland, Rudi Tarneden, dem NDR. In Syrien gehe es um die Rettung eines Minimums an Menschlichkeit. "Die Helfer, die in Syrien und in Aleppo tätig sind, tun ihr Möglichstes, sie unterstützen die Bevölkerung, aber sie werden nicht mehr sehr lange durchhalten können", so der Unicef-Sprecher.

Eine von Russland und den USA vermittelte Waffenruhe war vor einer Woche nach nur wenigen Tagen zerbrochen – seitdem flammten die Kämpfe besonders in Aleppo wieder mit brutaler Gewalt auf. Westliche Regierungen und Russland hatten sich gegenseitig für die Eskalation der Gewalt verantwortlich gemacht. Der UN-Sonderbeauftragte für den Syrien-Konflikt, Staffan de Mistura, schilderte die Lage vor dem UN-Sicherheitsrat in bewegenden Worten: "Wir haben Berichte, Videos und Bilder von gemeldeten Brandbombeneinsätzen gesehen, die so gewaltige Feuerbälle erzeugen, dass sie die pechschwarze Dunkelheit in Ost-Aleppo erleuchten, als ob es Tag wäre.". Die genaue Anzahl der Luftangriffe könne man nicht ermitteln, schreibt er weiter: "Wir hörten die Worte 'nie da gewesen', sowohl bei der Anzahl als auch dem Umfang und Typ der Bombenangriffe." Von bunkerbrechenden Bomben sei die Rede, es gebe Bilder von Erdkratern, die viel größer als bei früheren Bombenangriffen seien. "Zivilisten überall in der Stadt müssen sich fragen, wo auf Erden sie in dieser gequälten Stadt noch sicher sein können."

AFP/Getty
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