Ein mutmaßlich irrtümlicher Luftangriff des US-Militärs auf syrische Regierungstruppen gefährdet die ohnehin wackelige Waffenruhe in dem Bürgerkriegsland Syrien. Dem syrischen Militär zufolge kamen bei der Attacke auf einen Armeestützpunkt im Osten des Landes mindestens 62 Soldaten um, mehr als 100 wurden verletzt. Bei dem Angriff sei die US-geführte Militärkoalition davon ausgegangen, dass es sich um einen IS-Stützpunkt handelte, hieß es von amerikanischer Seite. Als sich herausstellte, dass es sich stattdessen um syrische Regierungstruppen handeln könnte, hätten die Streitkräfte die Angriffe sofort abgebrochen. 

Russland, das in Syrien an der Seite der Regierungstruppen kämpft, reagierte verärgert. Der russische UN-Botschafter Witali Tschurkin verließ eine kurzfristig einberufene Dringlichkeitssitzung des UN-Sicherheitsrats, als seine amerikanische Kollegin Samantha Power ankam. Zudem bezeichnete er den Angriff als möglicherweise gewollt.

Angriff auf Regierungstruppen gefährdet Waffenruhe Ein mutmaßlicher US-Luftangriff in Syrien verschärft die russisch-amerikanischen Spannungen. Hinter der ausgehandelten Waffenruhe stehe nun ein „sehr großes Fragezeichen“, sagte der russische UN-Botschafter Witali Tschurkin. © Foto: Reuters

Ranghohe US-Vertreter äußerten ihr Bedauern und übten sich in Schadensbegrenzung. Russland sei eine Mitteilung des Weißen Hauses übermittelt worden, in der der unbeabsichtigte Tod syrischer Regierungssoldaten bedauert werde, hieß es. Die USA würden weiter nach Einhaltung der Waffenruhe für Syrien streben und zugleich – gemäß der Vereinbarung – den "Islamischen Staat" (IS) weiter bekämpfen.

UN-Botschafter Tschurkin hält es dagegen für möglich, dass die amerikanischen Streitkräfte den "rücksichtslosen" Luftangriff ausgeführt haben, um die Umsetzung der mühsam ausgehandelten Syrien-Vereinbarung zu behindern. Die USA hätten die Waffenruhe aus seiner Sicht nicht eingehalten. "Ehrlich gesagt, weiß ich nicht, was der nächste Schritt sein wird", sagte Tschurkin. Als endgültig gescheitert bezeichnete er die Vereinbarung aber nicht.

US-Botschafterin wirft Russland Effekthascherei vor

Die amerikanische US-Botschafterin Power verpasste den Kommentar des russischen Botschafters im höchsten UN-Gremium, weil sie laut Tschurkin mit Journalisten sprach. Sie bezichtigte Russland später der Effekthascherei. "Selbst nach russischen Standards ist die Nummer von heute Abend – eine Nummer voller Moralismus und Effekthascherei – auf einzigartige Weise zynisch und scheinheilig", sagte Power. Sie zeigte sich empört, dass Russland eine Dringlichkeitssitzung einberief, unzählige Angriffe auf die Bevölkerung durch das syrische Regime aber unbeantwortet gelassen hatte. Zugleich drückte die Botschafterin das Bedauern der USA aus, dass bei dem Angriff Menschen ums Leben gekommen seien.

Das US-Militär verwies in seiner Erklärung des Vorfalls auf eine "komplexe Situation" in Syrien. Die Koalition würde niemals absichtlich Luftangriffe auf eine bekannte syrische Militäreinheit fliegen. "Die Koalitionstruppen glaubten, sie attackieren Daesch-Kampfstellungen", sagten Vertreter des US-Verteidigungsministeriums; Daesch ist die arabische Bezeichnung für den IS. Bevor die Einheiten den Angriff flogen, habe man die Zielposition für eine erhebliche Zeit beobachtet, teilte das US-Zentralkommando mit.

Das russische Verteidigungsministerium sprach unter Berufung auf das örtliche syrische Kommando von mehr als 60 getöteten Regierungssoldaten. Etwa 100 seien verletzt worden. Die in London ansässige Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte geht von mindestens 83 Toten und mehr als 120 Verletzten aus. Angaben unabhängiger Beobachter gibt es, wie überhaupt zur Kriegssituation in Syrien, keine.