Für die Vereinten Nationen war es eine fürchterliche Woche. Am selben Tag, als in New York die jährliche Generaldebatte begann, griffen mutmaßlich syrische oder russische Bomber westlich von Aleppo einen UN-Hilfskonvoi aus 31 Lastwagen mit Hilfsgütern für die belagerte syrische Stadt an. 18 Lastwagen gingen in Flammen auf, 20 Menschen starben. Ein Inferno.

Und eine Kampfansage nicht nur an den Westen, sondern auch an die Weltorganisation. Nie hat man deren Generalsekretär, den stillen Südkoreaner Ban Ki Moon, so außer sich vor Zorn gesehen. Einige der bei der UN-Vollversammlung am New Yorker East River vertretenen Regierungen hätten "Blut an den Händen", wütete Ban, und die schlimmste von allen sei die Regierung in Damaskus. Seine Vereinten Nationen, so schien Ban es zu empfinden, wurden von Syrern und Russen regelrecht vorgeführt.

Die Völker der Welt seien "fest entschlossen, künftige Geschlechter vor der Geißel des Krieges zu bewahren" – so beginnt die Präambel der UN-Charta, die am 26. Juni 1945 in San Francisco verabschiedet wurde. Es war nach den Schrecken des Zweiten Weltkriegs, noch bevor die Kämpfe im Pazifik zu Ende gingen, ein emphatischer Neubeginn.

Doch die Ernüchterung setzte rasch ein. In den bleiernen Jahren des Kalten Krieges standen die Vereinten Nationen hilflos am Rande, wenn auf der Welt wieder die Waffen sprachen – in Korea, in Vietnam, im Nahen und Mittleren Osten oder in Afrika. Die Feindschaft der Supermächte lähmte den Sicherheitsrat; wann immer sie ihre Interessen bedroht sahen, legten Amerikaner oder Russen ihr Veto ein.

Handlungsfähiger wurden die UN erst in den neunziger Jahren, nach dem Ende des Ost-West-Konflikts. Sprunghaft stieg damals die Zahl ihrer Friedenseinsätze an, in Kambodscha, in Somalia, auf dem Balkan. Die Vereinten Nationen seien "überfordert und unterfinanziert", klagte der damalige UN-Generalsekretär Boutros Boutros-Ghali. Er, der ägyptische "Pharao", repräsentierte die Weltorganisation überaus selbstbewusst. Und tatsächlich, ihre Dienste waren wieder gefragt.

Vieles schien damals möglich. In Den Haag nahm der Internationale Strafgerichtshof seine Arbeit auf; auch Regierungs- und Staatschefs, die sich schwerer Verbrechen schuldig gemacht hatten, sollten künftig nicht mehr straflos davonkommen. Völkerrechtler sprachen von einer Pflicht zum militärischen Eingreifen bei Völkermord, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Kriegsverbrechen: Die revolutionäre Norm der "Schutzverantwortung", der responsibility to protect, war geboren.

Noch herrscht kein neuer Kalter Krieg

Mit der russischen Aggression gegen die Ostukraine und der Annexion der Krim endete die Phase der Partnerschaft zwischen Moskau und dem Westen. Noch herrscht kein neuer Kalter Krieg, aber das Misstrauen hat sich wieder tief in die Beziehungen eingefressen.

Als die USA und Russland vor zwei Wochen eine Feuerpause für Syrien vereinbarten, keimte auch deshalb Hoffnung auf, weil das Abkommen eine militärische Zusammenarbeit vorsah: Amerikaner und Russen wollten nachrichtendienstliche Erkenntnisse teilen und ihre Angriffe auf Stellungen von Terrormilizen untereinander abstimmen.

Der Angriff auf den Hilfskonvoi machte diese Hoffnung zunichte. Im Sicherheitsrat und in der Syrien-Kontaktgruppe, die ebenfalls in New York tagte, krachte es zwischen Russen und Amerikanern wie lange nicht, Teilnehmer berichteten von einer "offenen Feldschlacht".

Wieder ist die Weltorganisation handlungsunfähig, blockiert wie zu den Zeiten, als Kremlchef Nikita Chruschtschow in der UN-Vollversammlung mit seinem Schuh herumfuchtelte und Moskaus Außenminister Andrej Gromyko jedem Vorschlag, der ihm nicht passte, ein hartes "Njet!" entgegensetzte.

Ein zweiter Kofi Annan wird sich so schnell nicht finden lassen

Und just in diesem Augenblick suchen die UN-Mitglieder einen neuen Generalsekretär, denn die Amtszeit von Ban Ki Moon endet am 31. Dezember. Schaut man sich die Riege der neun offiziellen Kandidaten an, dann sind darunter kaum Persönlichkeiten mit Gestaltungsanspruch und Führungswillen. "Generalsekretär der Vereinten Nationen wird man nicht, indem man kühne Visionen entwirft", schrieb die Frankfurter Allgemeine Zeitung. "Die Kunst besteht darin, niemandem auf die Füße zu treten."

Ein zweiter Kofi Annan wird sich so schnell nicht finden lassen, und wird von den Großmächten vielleicht auch gar nicht gesucht. Er war ein starker Generalsekretär, aber selbst er stieß mit seinen Reformvorstellungen rasch an Grenzen. Der UN-Generalsekretär – oder die UN-Generalsekretärin, nach 70 Jahren wäre es hohe Zeit für eine Frau an der Spitze der Vereinten Nationen – kann durch geschickte Diplomatie manches bewegen. Wirkliche Macht aber hat er nicht. Die liegt bei den großen Mitgliedstaaten.

Deshalb tragen sie auch die Verantwortung dafür, wenn in Syrien die Schwäche der Vereinten Nationen zur Schmach wird. Sie müssen den Frieden wollen, die UN können ihn am Ende mit ihren Blauhelmen allenfalls absichern. Jetzt schon aber könnten sie die leidende Bevölkerung in Aleppo und anderen syrischen Städten mit dem Lebensnotwendigsten versorgen. Ihre Lastwagen stehen bereit, auch nach dem jüngsten Bombardement. Wieder einmal ein Höllenkommando – wie so oft in der Geschichte der Vereinten Nationen.