Es war eine tödliche Falle. Die Genehmigungen aus Damaskus lagen vor, die Route war abgesprochen, der Inhalt der Kisten akribisch aufgelistet und vom syrischen Regime abgesegnet. 31 Fahrzeuge, klar als Hilfstransporte markiert und eskortiert durch den Syrischen Roten Halbmond, waren am Montag auf dem Weg in die Provinz Aleppo, um Hilfsgüter in von Rebellen kontrollierte Orte zu liefern – und damit auch jenen Teil der amerikanisch-russischen Waffenruhe umzusetzen, der bislang systematisch blockiert worden war. Dann tauchten Kampfflugzeuge am Himmel auf.

Augenzeugen berichten von einem double tap: Die Piloten kehrten nach einem ersten Bombenangriff zurück, um inzwischen eingetroffene Rettungssanitäter ins Visier zu nehmen. Das vorläufige Fazit: mindestens 20 getötete Helfer, 18 zerstörte Lastwagen, Fassungslosigkeit beim Syrischen Roten Halbmond und unverhohlene Wut in der UN-Führungsriege. Wenn diese Angriffe mit Vorsatz erfolgt seien, so der Chef des UN-Büros für humanitäre Angelegenheiten, Stephen O'Brien, "dann war das ein Kriegsverbrechen". Unklar ist bis auf Weiteres, ob es Flugzeuge der syrischen oder der russischen Luftwaffe waren.

Die "Waffenruhe", die US-Außenminister John Kerry und sein russischer Kollege Sergej Lawrow am vergangenen Wochenende unter reichlich Bekundungen von Skepsis ausgehandelt hatten, war zu diesem Zeitpunkt bereits gescheitert. Das syrische Regime hatte sie kurz vor dem Angriff auf den Hilfskonvoi aufgekündigt und prompt seine massiven Luftangriffe auf den oppositionellen Ostteil Aleppos wie auch auf andere Orte wieder aufgenommen. Kerry und Lawrow wollen bis Freitag mit den Staaten der Syrien-Unterstützergruppe am Rande der jährlichen UN-Generalversammlung in New York noch einmal über ihre Vereinbarung verhandeln. Die Frage ist nur, was es noch zu bereden gibt.

Nur ein paar Tage Ruhe

Sieben Tage deutlicher Rückgang der Gewalt, Hilfslieferungen in abgeriegelte Gebiete, dann gemeinsame Militäraktionen Moskaus und Washingtons gegen den "Islamischen Staat" und der Al-Kaida-nahen Fatah al-Scham-Front, besser bekannt unter ihrem alten Namen Al-Nusra-Front. Von Letzterer sollten sich alle anderen Rebellengruppen militärisch und geographisch absetzen. Das waren die Kernpunkte der amerikanisch-russischen Vereinbarung, der zunächst alle zähneknirschend zugestimmt hatten.

Und tatsächlich erlebten Aleppo, Talbiseh, Idlib, aber auch Damaskus einige ruhige Tage. Soll heißen: Es fielen keine Fassbomben des Regimes und keine Raketen der Rebellen. Nur: Die Hilfsgüter kamen nicht vom Fleck. Damaskus setzte seine Politik des Aushungerns oppositioneller Gebiete fort, indem es Genehmigungen für Konvois verweigerte.

Prompt häuften sich die Verstöße gegen die Waffenruhe. Hier ein Raketenbeschuss von Rebellen, dort ein Luftangriff des Regimes – und schließlich ein kapitaler Fehler des US-Militärs: Bei Angriffen auf Stellungen des IS in Deir al-Sur trafen amerikanische Piloten stattdessen Soldaten der syrischen Armee. Die Angaben schwanken zwischen 60 und 90 Toten. Aus Washington war ein eher lakonisches "Sorry" zu hören, Damaskus sprach von Absicht, Moskau wusste nicht so recht, wie empört es reagieren sollte. Ein Sprecher des US-Verteidigungsministeriums erklärte der New York Times, die US-Piloten hätten womöglich ein Camp für internierte syrische Soldaten bombardiert, denen aus Disziplinargründen die Uniformen abgenommen worden waren.

Fest steht jedenfalls: Dem syrischen Regime lieferte der Angriff den willkommenen Vorwand, die gesamte "Waffenruhe" zu unterminieren. Und im Pentagon gibt es wiederum einige, die darüber nicht unglücklich sind. Die Vorstellung, mit dem russischen Militär Informationen über eigene Waffen und Aufklärungsstrategien zu teilen, behagt amerikanischen Generälen überhaupt nicht.

USA und Russland haben begrenzten Einfluss

Was immer Kerry und Lawrow in New York noch weiter aushandeln, eines hat diese gescheiterte "Waffenruhe" endgültig gezeigt: Die USA und Russland sind nicht die Akteure im Syrien-Krieg, die einen Rahmen für dessen Ende abstecken können. Denn ihr Einfluss auf ihre lokalen Schützlinge schrumpft.

Im Falle Washingtons war er nie besonders groß, dafür aber umso chaotischer gewesen. Barack Obamas "Strategie", Syrien nur unter der Rubrik "Krieg gegen den IS" zu verbuchen, hier die syrischen Kurden, dort ein paar wie auch immer gemäßigte Rebellen zu unterstützen, Assad aber in Ruhe zu lassen, hat sich als absolutes Desaster erwiesen. Die USA hatten spätestens seit den Giftgasangriffen auf Gebiete der Opposition im Sommer 2013 und dem Verwischen von Obamas "Roter Linie" keinen maßgeblichen Einfluss mehr auf die verschiedenen Rebellenfraktionen. Ihre konfusen Bewaffnungsprogramme von Kurden und kleinen arabischen Gruppen im Norden wiederum haben nun mit dazu geführt, dass die kurdisch-arabischen Spannungen dort überkochen.

Und Russland?

AFP/Getty
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