Es ist eine Tragödie. Auch die jüngste Feuerpause in Syrien hat nur wenige Tage gehalten. Am Montag kündigte Assads Armee die Waffenruhe offiziell auf. Schlimmer noch: Das Regime in Damaskus ließ Lastwagen bombardieren, die Hilfsgüter in das belagerte Aleppo bringen sollten. Dieser Angriff ist eine Schande.

Aber ein anderer Angriff war ihm vorangegangen und hatte zum Scheitern der Feuerpause beigetragen. Am Samstag hatten Flugzeuge der amerikanisch geführten Anti-IS-Koalition bei Deir ez-Zor im Osten des Landes statt Kämpfer des "Islamischen Staats" eine Stellung der syrischen Streitkräfte angegriffen, mindestens 62 Soldaten kamen dabei ums Leben. Schwer vorstellbar, dass dieser Angriff, wie von russischer Seite insinuiert wird, absichtlich auf die syrische Armee zielte. In jedem Fall war er ein schrecklicher Fehler, die Feuerpause danach kaum noch zu retten.

Entsetzliches Leid für die Menschen

Scheiterte die Waffenruhe endgültig, es wäre ein Drama, nicht nur wegen der entsetzlich leidenden Zivilbevölkerung. Es wäre auch die Hoffnung auf eine vorsichtige Annäherung zwischen Washington und Moskau zunichte gemacht. Denn Teil des Abkommens zwischen Kerry und Lawrow war der Plan, bei der Bekämpfung der Terrormilizen "Islamischer Staat" und Nusra-Front künftig militärisch zusammenzuarbeiten. Das hätte eine Signalwirkung über Syrien hinaus gehabt.

Beide Seiten waren übereingekommen, ein gemeinsames militärisches Zentrum (Joint Implementation Center) einzurichten, in dem sie nachrichtendienstliche Erkenntnisse austauschen und ihre Luftangriffe auf die Terrorgruppen koordinieren wollten. Gegen diesen Plan hatte allerdings das Militär in Washington von Beginn an Bedenken; auch Verteidigungsminister Ashton Carter und Geheimdienstdirektor James Clapper sprachen sich dagegen aus. Den Russen, argumentierten sie, sei nicht zu trauen; man dürfe sie am eigenen Wissen nicht teilhaben lassen. Am Ende schlug sich US-Präsident Obama auf die Seite seines Außenministers. Aber das Pentagon hielt seine Bedenken aufrecht und mauerte. Während Russland eine Veröffentlichung der Abmachungen forderte, waren die Amerikaner nicht einmal bereit, eine Zusammenfassung zu publizieren.

Wie schon im Ukrainekonflikt widersetzen sich die Hardliner in Washington auch jetzt dem Dialog mit Russland. Es dürfe nach der Aggression gegen die Ostukraine und der Besetzung der Krim kein business as usual geben, lautete damals die Begründung. Das versteht sich eigentlich von selbst und dennoch muss das Gespräch zwischen den beiden Seiten – gerade auch zwischen den Militärs – weitergehen. Denn Sicherheit kann es immer nur gemeinsam geben, das ist die Lehre aus dem Kalten Krieg.

John Kerry gehört zu denen, die das begriffen haben. Aber in Washington hat er viele Kritiker, sie sagen dem rastlos um die Welt reisenden Außenminister Naivität und missionarischen Drang nach. Barack Obama hat sich hinter seinen Außenminister gestellt und damit die Vereinbarung mit Russland erst möglich gemacht. Er sollte dem Pentagon seinen hinhaltenden Widerstand gegen eine Zusammenarbeit mit Russland, da wo sie möglich und sinnvoll ist, nicht durchgehen lassen.

Wie man John Kerry kennt, wird er sich trotz aller Widerstände nicht entmutigen lassen. Die New York Times attestierte ihm dieser Tage, es sei "etwas Ehrenhaftes, sogar Heroisches an der Beharrlichkeit, der harten Arbeit und dem Glauben an die Diplomatie, die dieser hochdekorierte Vietnamveteran und frühere Vorsitzende des Auswärtigen Senatsausschusses in seine Suche nach friedlichen Lösungen eingebracht" habe.

Das Scheitern jedenfalls war für Amerikas Außenminister, wie für jeden richtigen Diplomaten, noch nie eine Option.