Die Bombenanschläge in New York und New Jersey werden den Wahlkampf in den USA verändern. Sieben Wochen vor der Wahl am 8. November senden die US-amerikanischen Nachrichtensender die Bilder von dem gefassten Verdächtigen, den Tatorten und der massiven Polizeipräsenz in Dauerschleife in die Wohnzimmer der Bürger.

Unterbrochen werden diese Bilder nur von Hillary Clinton und Donald Trump. Beide Präsidentschaftskandidaten versuchen, die Deutungshoheit über das Thema Terror zu erringen. Die Demokratin Clinton betont ruhig ihre Erfahrung als Außenministerin. Tenor: Ich bin die Frau, die mit Barack Obama in einem Raum saß, als Osama bin Laden getötet wurde, ich habe eine Strategie, um den Terrorismus einzudämmen. Der Republikaner Trump setzt dagegen wie gewohnt auf seine einfache Siegerrhetorik: Das passiert, wenn man Obama und Clinton die Kontrolle über die USA überlasst. Als Präsident werde ich den "Islamischen Staat" verfolgen und besiegen. Nur ich weiß, wie man gewinnt.

Soweit, so erwartbar. Doch was macht das so kurz vor der Wahl mit einem Land, dessen Gesellschaft in vielerlei Hinsicht von Angst geprägt ist? Beide Kandidaten werden alles dafür tun, die Nachrichtenlage zu ihren Gunsten auszunutzen. Trump jedoch hat derzeit einige Vorteile auf seiner Seite. Clinton agiert aus einer Schwächephase heraus. Durch ihre Zwangspause während ihrer Lungenentzündung und der schlechten Kommunikation über ihre Krankheit ist sie derzeit im Wahlkampf nicht besonders präsent.

Noch immer führt sie in Umfragen vor Trump, doch der Republikaner kommt ihr näher. In wichtigen Swing States wie Florida und Ohio führt Trump gar. Amerikaner nennen solch einen Punkt im Wahlkampf gerne Momentum. Dieser Augenblick, in dem alles passt für einen Kandidaten und die Chance groß ist, das Rennen zu gewinnen. Trump hat dieses Momentum gerade. Dabei hatte er noch nach dem Anschlag auf einen Club in Orlando vor wenigen Monaten so ziemlich alles falsch gemacht: Er polterte und pöbelte. In den Umfragen aber hat ihm das nicht geholfen.

USA - Trump macht US-Einwanderungssystem für Anschläge verantwortlich Nach den Bombenanschlägen in New York und New Jersey hat der republikanische US-Präsidentschaftskandidat Donald Trump das "extrem offene Einwanderungssystem" der USA für derartige Angriffe verantwortlich gemacht. © Foto: AFP-TV

Dennoch wäre er nicht Trump, hätte er sich nach den Bombenanschlägen vom Wochenende nicht geäußert. Er musste ein Statement abgeben, genau wie Clinton, schließlich ist Terrorbekämpfung ein zentrales Wahlkampfthema. Seit Orlando ist außerdem viel passiert. Trump hat sein Wahlkampfteam mehrfach gewechselt, er liest jetzt schon mal vom Teleprompter ab. Aber seine Popularität speist sich nicht daraus, staatsmännisch zu wirken, sondern daraus, anders zu sein, einen Gegenpol zum politischen Establishment in Washington zu inszenieren.

Clintons Vertrauensproblem

Trump spielt mit der Angst, Clinton gibt die ruhige Politikerin. Angst jedoch ist irrational. Auch wenn Besonnenheit sehr wohl die politisch richtige Antwort auf Anschläge und Ängste sein kann, sind doch Emotionen oft wahlentscheidend. Und die bedient Trump bei diesem Thema besser. Die Mauer zu Mexiko, ein Einreiseverbot gegen Muslime: Trump verkörpert eine protektionistische Abschottungspolitik, in der sich Menschen wiederfinden, die den eigenen Nachbarn skeptisch betrachten, wenn der nicht aussieht wie sie.

Dazu kommen Faktoren, die mit Terrorismus nur indirekt zu tun haben, aber dennoch vorteilhaft für Trump sind. Er, der es mit der Wahrheit nicht so genau nimmt, tritt gegen eine Kandidatin an, der die Wähler bald noch weniger glauben als ihm. Clinton genießt nur wenig Vertrauen bei den Menschen. Der Versuch, ihre Lungenentzündung herunterzuspielen, hat diese Sichtweise auf sie noch bestärkt. In ihrer Zeit als Außenministerin wurde das US-Konsulat in Bengasi in Libyen angegriffen. Bis heute geben viele Clinton dafür die Schuld, obwohl alle Untersuchungsausschüsse sie von jeglicher Verantwortung freisprachen.

Das Sicherheitsgefühl im Land ist während Obamas Amtszeit nicht gestiegen, das zeigen Umfragen. Da Clinton aber Teil der Regierung war und Obama im Wahlkampf braucht, kann sie sich jetzt nicht von seiner außenpolitischen Linie distanzieren. Die griffige Law-and-Order-Rhetorik muss Clinton komplett Trump überlassen.

In einer aktuellen Bloomberg-Umfrage werden die Wähler gefragt: "Glauben Sie, dass die Dinge in diesem Land grundsätzlich in die richtige Richtung gehen oder ernsthaft auf einem falschen Kurs sind?" 64 Prozent der Befragten sehen das Land ernsthaft auf einem falschen Kurs. Unter Weißen antworteten sogar 71 Prozent entsprechend. Und wer könnte sich besser als Retter gegen falsche Politik und das festgefahrene Washington inszenieren als der Außenseiter Donald Trump. "Ich weiß, wie man gewinnt." Diesen Satz sagte Trump am Montag nach den Anschlägen erneut bei Fox News. Wie, wird nicht wenigen Amerikanern in ängstlichen Zeiten egal sein.