Der Minister ahnte es: "Wer den Schaden hat, muss sich nicht um den Spott sorgen." Als oberster Chef der Wahlbehörde war Wolfgang Sobotka vier Tage lang auf Tauchstation gegangen, um dann am Montag das Unvermeidliche kundzutun: Er werde das Parlament ersuchen, den Termin für die Wiederholung der Bundespräsidentenwahl zu verschieben, da er einen reibungslosen Ablauf an dem ursprünglich ins Auge gefassten Tag, dem 2. Oktober, nicht garantieren könne. Schuld daran sind die Kuverts für die Briefwahlkarten, bei denen sich in den vergangenen Wochen reihenweise die Kleberänder gelöst hatten. Eine in einem offenen Kuvert abgegebene Stimme aber wäre ungültig gewesen.

Die Atmosphäre vor der Pressekonferenz, bei welcher der Innenminister die Blamage einräumen musste, erinnerte ein wenig an die Vorfreude anlässlich der Premiere eines beliebten Kabarettisten, bekannt für seinen tollpatschigen Democracy Slam. Längst sind die Versuche, in Österreich ein Staatsoberhaupt zu küren, zu einer Lachnummer verkommen.

Zunächst war die erste Stichwahl daran gescheitert, dass sich Behördenleiter und Wahlzeugen nicht um die Anordnungen zur Auszählung der Briefwahlkarten scherten. Das nutzte der knapp unterlegene FPÖ-Kandidat Norbert Hofer, um die Wahl insgesamt anzufechten. Der Verfassungsgerichtshof gab ihm Recht – allerdings in einer Entscheidung, die viele Verfassungsjuristen als glattes Fehlurteil werteten, da konkrete Manipulationen nirgendwo nachgewiesen wurden. Jedenfalls, so gab die Wahlbehörde im Anschluss an die Aufhebung bekannt, werde man für den zweiten Anlauf Wahlbeobachter der OSZE ins Land bitten.

Diese Demokratieexperten müssen nun ihre Reise um zwei Monate verschieben. Mehr und mehr waren defekte Wahlkartenkuverts in Umlauf geraten. Mal kamen sie bereits kaputt beim Wähler an, mal lösten sich die Klebestellen erst beim Versuch, den Stimmzettel hineinzustecken, mal öffneten sie sich wie von Geisterhand erst nach Stunden oder Tagen. Das Chaos war perfekt: Niemand wusste zu sagen, wie viele der erwarteten 900.000 Wahlkartenwähler in der Lage sein würden, eine gültige Stimme abzugeben.

Wie kam es zum Uhugate?

Inoffiziell riet ein Mitarbeiter des Innenministeriums besorgten Anrufern der Wählerhotline, die defekten Kuverts doch selbst "mit einem Uhu-Stick oder Ähnlichem" zu verschließen. "Aber von mir haben Sie das nicht", schränkte der Beamte ein. Unter diesen Umstände wäre die nächste Wahlanfechtung programmiert gewesen. Schon geisterte ein gallbitterer Spruch durch die sozialen Netzwerke: "Anfechten bis zum Endsieg!"

Zunächst gab das störrische Innenministerium noch die Parole aus: Augen zu und durch das Schlamassel durchtauchen. Doch schließlich zogen die Politiker doch die Reißleine. Dabei stellte sich allerdings heraus, dass es eines formaljuristischen Hindernislaufes bedarf, um genügend Zeit zu gewinnen, den Wahlvorgang erneut zu organisieren. Damit die im Mai eingefrorene Wählerliste an die demografische Realität angepasst werden kann, muss sogar ein Verfassungsgesetz mit Zweidrittelmehrheit beschlossen werden – denn seit der aufgehobenen Wahl sind Zehntausende Wahlberechtigte verschieden, während andererseits Zehntausende das Wahlalter erreicht haben.

Warum es überhaupt zu dieser Uhugate getauften Pleite-, Pech- und Pannenserie gekommen war, ist noch Gegenstand intensiver Untersuchungen des Bundeskriminalamtes. Genauere Angaben konnte der zuständige Polizeigeneral nicht machen, seine Forensiker seien derzeit noch an der Arbeit. Nur so viel stehe fest: Der verwendete Klebstoff, der so viel Schwierigkeiten macht, sei aus Deutschland importiert worden.

Das in Österreich verwendete Wahlkartenkuvert, dessen Spezifikationen gesetzlich geregelt sind, ist allerdings auch ein besonders kompliziertes Modell, das jegliche Unkorrektheit verhindern soll. Es verfügt, wohl weltweit einzigartig, über eine Speziallasche, welche die Unterschrift des Wählers verbirgt, mit der ein Stimmberechtigter verbürgt, dass er es war, der den Stimmzettel in den Umschlag gesteckt hat.

Sicherheitshalber hat sich die Herstellerfirma dieses demokratische Präzisionswerkzeug patentieren lassen. Deshalb will man nun wieder zu den herkömmlichen Umschlägen von anno dazumal zurückkehren und diese von der mittlerweile privatisierten Staatsdruckerei herstellen lassen, die nun aus diesem Anlass auch gleich wieder verstaatlicht werden soll, wie Minister Sobotka von der sonst sehr liberalisierungsfrohen Volkspartei anregte.

Auf eines werden die Österreicher, die nun am 4. Dezember ihr Staatsoberhaupt wählen sollen, wohl verzichten müssen: Auf die Neujahrsansprache ihres Staatsoberhauptes. Selbst den China-Korrespondenten des öffentlich-rechtlichen Fernsehsenders ORF schreckten die heimatlichen Verwerfungen auf. "Bin ratlos! Wie soll ich das alles chinesischen Kollegen erklären??", meldete er sich mit einer Twitter-Nachricht aus Peking: "Ist Demokratie Durcheinander, fragen die erstaunt?"