Das hartgekochte Ei schlägt auf den Holztisch auf. Mit sehr viel Ruhe knibbeln die Finger, die schon etwas faltig sind, an der brüchigen Stelle die Schale ab. "Natürlich ist das alles manipuliert", sagt Suzanne Mortimer: "Vielleicht nicht die Wahlen. Aber das System ganz sicher."

Ein Café in Brooklyn, am Abend des letzten TV-Duells. Der US-Wahlkampf nähert sich dem Ende, es sind noch 20 Tage bis zur Präsidentschaftswahl am 8. November. Auf einer ausgezogenen Leinwand im Hinterzimmer des Brooklyn Commons, Café und Anlaufstelle für die Menschen aus der Nachbarschaft in Boerum Hill, analysieren Fernsehkommentatoren die hohe Wahrscheinlichkeit, dass Hillary Clinton zur nächsten US-Präsidentin gewählt wird. Mortimer lächelt müde über die Aussagen aus dem Fernsehen.

Sie ist eine von etwa 70 Zuschauern, die in dem Café sitzen, um die dritte und letzte TV-Debatte zu verfolgen. Der Großteil der Zuschauer sind ehemalige Wähler von Bernie Sanders, dem Senator und selbst ernannten Sozialisten aus Vermont. Geboren wurde der Politiker 1941 in Brooklyn als Sohn jüdischer Eltern. Das Publikum heute Abend ist Bernie Sanders treu geblieben, auch nachdem Hillary Clinton im Sommer zur Präsidentschaftskandidatin der Demokraten gewählt wurde.

Clinton, der neue Henry Kissinger?

"Ich bin Demokratin, durch und durch. Aber Hillary kann ich nicht wählen", sagt Mortimer. Zu sehr sei sie "enttäuscht vom Machtgehabe der Clintons", das nur vordergründig das Wohl des Wähler im Sinn habe. Neben dem hartgekochten Ei steht auf dem Holztisch eine Weißweinschorle.  Daneben liegt ein altes Klapphandy. "Nicht internetfähig", so die 57-jährige Erzieherin. "Wegen der ganzen Daten, die sie einem klauen", sagt sie und fegt ein paar Eierschalenkrümel über die Tischkante in ihre flache Hand.

Die Clinton und die Daten, das ist an diesem Abend mehrfach Thema. Bevor die TV-Debatte beginnt, wird auf einer kleinen Bühne die Katie Halper Show für den New Yorker Radiosender WBAI aufgezeichnet. Greg Grandin, Autor und Journalist, ist zu Gast in der Show. Hillary Clinton erinnert ihn an ein altes Schwergewicht: "Es ist schon verblüffend, wie Kissinger-esque Clinton ist. Diese ständige Abhängigkeit, politische Entscheidungen im administrativen Dickicht aus allenfalls Halbwahrheiten zu verschleiern, sieht aus wie eine Vorlage aus dem Henry-Kissinger-Handbuch."

Clinton ist für sie der Falke

Der Journalist nennt Clinton mehrfach "hawk", einen Turmfalken. Clinton habe in ihrer Zeit als Außenministerin Militäreinsätze veranlasst, die als "higher cause" gerechtfertigt worden wären, also angeblich einem höheren Interesse dienten. Vor allem im ölreichen Nahen Osten sei es doch vorwiegend um amerikanische Wirtschaftsinteressen gegangen, glauben die Zuschauer in Brooklyn. 

Sie trauen Clinton Skrupellosigkeit zu. So erinnert an diesem Abend noch einmal ein Mittvierziger daran, dass Clinton im Interview zum (weiterhin nicht vollständig aufgeklärten) Tode Muammar al-Gaddafis sagte: "We came, we saw, he died."