Hillary Clinton bleibt weg, tritt schlicht nicht mehr auf im Wahlkampf und lässt ihren Rivalen Donald Trump einfach machen. Der wird immer lauter, immer schriller. Hetzt gegen verlogene Medien, das korrupte Establishment, wittert Wahlbetrug und warnt vor einer angeblichen Verschwörung der globalen Finanzelite gegen ihn. Warum Clinton ihn gewähren lässt? Trump ist im Moment selbst sein größter Feind – die Demokratin muss ihn nur weiter wüten lassen, dann erledigt er sich schon von alleine. So ihr Kalkül.

Doch Clinton kann sich nicht ewig wegducken. Noch ein Mal muss die Demokratin dem Milliardär gegenübertreten: Mittwochabend, Las Vegas, das dritte und letzte TV-Duell vor der Wahl. Für sie eine weitere Möglichkeit, Trump vor Millionenpublikum als Frauenfeind und Steuerbetrüger abzustempeln. Für ihn wohl die letzte Chance, seine Chaos-Kampagne noch zu retten.

Der Wahlkampf des republikanischen Kandidaten steht vor dem Ruin: Sieben Prozentpunkte liegt er aktuell in Umfragen hinter Clinton zurück, auch in den wichtigsten Swing States hat sie ihn abgehängt, dort, wo sich die Wahl entscheiden kann. Weibliche und junge Wähler wenden sich zu Hunderttausenden von ihm ab – angewidert von den Schilderungen all der Frauen, die Trump vorwerfen, sie belästigt, begrapscht und gegen ihren Willen geküsst zu haben. Derzeit liegen seine Chancen auf einen Wahlsieg am 8. November laut der Statistik-Website FiveThirtyEight bei gerade einmal 12,6 Prozent.  

Trump setzt deshalb jetzt auf volles Risiko. Anstatt auf seine Berater zu hören und um die Stimmen von Minderheiten und Vorstadt-Frauen zu werben, setzt er voll und ganz auf seine Kernwählerschaft: Jeder seiner Wahlkampfauftritte ist Amerikas weißen Männern gewidmet. Trump verspricht Law and Order, er will Arbeitsplätze schaffen, Steuern senken, Verbrecher einsperren und Terroristen töten. Und tatsächlich: In der Gunst der weißen Männer liegt Trump noch immer weit vor seiner Konkurrentin.

Doch in einem Amerika, in dem der Stimmanteil der Weißen seit Jahren schrumpft, reicht das nicht aus. Trump versucht deshalb mit allen Mitteln, Clintons Wähler von den Urnen fernzuhalten. Immer wieder spielt er auf die Affären ihres Ehemanns, des Ex-Präsidenten Bill Clinton, an, beschuldigt ihn sogar öffentlich des Missbrauchs. Über seine Kontrahentin sagt er: "Hillary Clinton trifft sich im Geheimen mit internationalen Banken und plant die Zerstörung der amerikanischen Souveränität." Die Anschuldigungen, mit denen der Immobilien-Tycoon seine Anhänger aufstachelt, werden immer wirrer.

Lange schon geht es Trump nicht mehr um die inhaltliche Auseinandersetzung mit seiner Konkurrentin – stattdessen will er ihr größtmöglichen Schaden zufügen. Denn nur, wenn sich die Bürger frustriert abwenden und die Wahlbeteiligung auf Rekord-Niveau sinkt, sieht Trump eine Chance auf den Sieg. Für ihn gibt es daher keine Tabuthemen mehr – die Debatte am Mittwochabend dürfte erneut zur Schlammschlacht werden.

Allerdings entgleitet Trump nach und nach die Kontrolle über seine Anhänger: Einige seiner Fans drohen Clinton mittlerweile offen mit Mord, halten bewaffnete Proteste vor einem Büro der Demokraten in Pennsylvania ab und kündigen an, am 8. November vor Wahllokalen im ganzen Land zu patrouillieren. Die Angst wächst, dass Trumps Unterstützer den Ausgang der Wahl nicht akzeptieren und sich mit Gewalt gegen das Ergebnis wehren.