Diese Übersicht versucht, 18 Teilerklärungen des Phänomens Trump zu liefern. Welches Kapitel Sie zuerst lesen, ist unerheblich, sie sind alphabetisch geordnet. Alle Kapitel sollen, wie Puzzleteile zu einem Gesamtbild zusammengesetzt, eine möglichst vollständige Erklärung bieten.

"Erkläre Trump" ist 2016 zur Prüfungsaufgabe im weltweiten Zentralabitur für Intellektuelle geworden. Seit er vom verspotteten Außenseiter zum republikanischen Nominierten und aussichtsreichen Anwärter auf die Präsidentschaft der USA wurde, bemühen sich Experten aller Art, Trumps unwahrscheinlichen Aufstieg verständlich zu machen. Das gesamte Arsenal historischer, kulturgeschichtlicher, psychologischer, soziologischer, ökonomischer und politikwissenschaftlicher Deutungsmuster wird bemüht. Der Rolling Stone hat das auf die Spitze getrieben, indem er "20 Filme, die Trumps Aufstieg vorhergesehen haben" zusammengestellt hat.

Wie jedes komplexe Phänomen hat der Aufstieg Trumps viele Gründe und Ursachen, jeder Trump-Unterstützer hat seine eigenen Motive. Für seinen Erfolg bei den republikanischen Vorwahlen kann es andere Gründe geben als für seine Zustimmung im eigentlichen Wahlkampf um die Präsidentschaft. Wichtig sind auch die Schwächen und Besonderheiten seiner demokratischen Gegenkandidatin Hillary Clinton, die aber hier nicht in Betracht gezogen werden.

Abstiegsangst

Interessanterweise scheinen für Trumps Botschaft nicht jene am empfänglichsten zu sein, die unter der Globalisierung besonders leiden.

So neigen Wähler, aus deren Wohnort Arbeitsplätze ins Ausland abgewandert sind, nicht besonders stark zu Trump. Das hat der Ökonom Jonathan Rothwell vom Forschungsinstitut Gallup herausgefunden. Trump-Anhänger sind nicht arm, auch wenn die weniger Gebildeten und die klassischen Arbeiter einen relativ großen Anteil ausmachen.

Die besten Indikatoren dafür, ob jemand Trump-Anhänger ist oder nicht, sind laut Rothwell der Gesundheitszustand, die Mobilität, und der Pessimismus. Beispielsweise "haben extrem wohlhabende Trump-Unterstützer genauso viel Angst um ihre ökonomische Sicherheit wie Amerikaner aus der unteren Mittelschicht, die Trump nicht unterstützen", schreibt Rothmann. "Der reale Stress, ökonomischer oder anderer Art, der auf gesundheitliche Probleme oder subjektive Angst zurückgeht, was auch immer deren Ursprung oder Zusammenhang zu objektiven Umständen ist, könnte sehr wohl extreme politische Ansichten begründen."

Mit anderen Worten wählen Menschen Trump nicht, weil sie arm sind, sondern weil sie sich arm fühlen – und bedroht: von einem möglichen Abstieg, von Terror, von Ausländern.

Wahrscheinlich ist, dass diese Furcht der Trump-Wähler mit bereits vorhandenem Rassismus zusammenhängt, dass sie mit der Ausgrenzung von Hillbillys und mit liberaler Arroganz zu tun hat. Und sie ist auch einer aktiven Angstpolitik der Republikaner geschuldet.

Angstpolitik – Aussehen

Ein Trump-Anhänger bei einer Veranstaltung im Oktober 2016 © [M] Gregg Newton/AFP/Getty Images

Angstpolitik

Im Dezember 2015 traf Trump bei einer Wahlkampfveranstaltung in South Carolina ein zwölfjähriges Mädchen. "Ich habe Angst", sagte das Mädchen zum Kandidaten und fragte: "Was wirst du tun, um das Land zu beschützen?" Trump antwortete: "Weißt du was, mein Schatz? Bald wirst du keine Angst mehr haben. Die anderen werden Angst haben."

Trumps Kampagne wird angetrieben von einer immer ängstlicheren und pessimistischeren Bevölkerung. Das ist unstrittig und mit etlichen Umfragen und Studien belegt. Vor zwei Jahren noch fürchtete ein Drittel der Amerikaner, Opfer eines Terrorangriffs zu werden, mittlerweile ist es über die Hälfte. 83 Prozent der Trump-Unterstützer sind der Meinung, das Land müsse vor äußeren Einflüssen besser beschützt werden, in der Gesamtbevölkerung sind es 55 Prozent.

Diese Ängste werden von Politikern genutzt und geschürt. Angstpolitik hat in den USA eine lange Tradition. Der Historiker Bernd Greiner spricht von "Generationen von Angstunternehmern". Deren Geschäft bestehe darin, "Unsicherheit in Angst zu verwandeln, abstrakte Risiken in akute Gefahren umzudeuten und Gefahren umstandslos als Bedrohung innerer oder äußerer Sicherheit aufzubauschen." Zwischen dem Ersten und dem Zweiten Weltkrieg beschworen die Aktivisten der American Legion eine existenzielle linke Gefahr herauf und denunzierten jeden, den sie für unamerikanisch hielten. In den 1960er Jahren nahm der Republikaner Joseph McCarthy diese Vorlage auf und schürte die Kommunistenparanoia, um ordentlich aussortieren zu können. "Das Panikskript Donald Trumps ist also über 100 Jahre alt", schreibt Greiner.

Vom "paranoiden Stil in der amerikanischen Politik" schrieb der Historiker Richard Hofstadter in einem wegweisenden Essay 1964. Er machte die Ursprünge dieser Paranoia im 18. und 19. Jahrhundert aus, als sich in den USA die Angst vor den Illuminati und anderen Geheimbünden verbreitete, die die junge Demokratie angeblich von außen (europäische Mächte, später die UN) oder von innen (durch Jesuiten, Katholiken, Banker) zerstören wollten. Die Rechte in den USA machte sich diesen Horror vor dem antiamerikanischen "Antichrist" zu eigen. Hofstadter schreibt: "Der Paranoiker aber leidet doppelt, weil er nicht nur von der realen Welt wie der Rest von uns geplagt ist, sondern genauso auch von den eigenen Fantasien." Diese Fantasien können schnell apokalyptisch werden. Der Paranoiker "verhandelt die Geburt und den Tod ganzer Welten, ganzer politischer Ordnungen, ganzer Systeme menschlicher Werte. Immer besetzt er die Barrikaden der Zivilisation. Er lebt dauerhaft an einem Wendepunkt."

Dieses Muster ist es, an das Trump mit seiner ständig wiederholten Behauptung anknüpft: "America is going to hell." Wichtig sind dabei nicht die einzelnen Bedrohungen und ihr tatsächliches Ausmaß. Wichtig ist das apokalyptische Rauschen, das Trump im Kopf und im Bauch seiner Anhänger erzeugt, indem er ihre Sorgen und Unsicherheiten aufnimmt, übertreibt und so zum Endzeitszenario aufbläst.

Ein Nebeneffekt dieser Weltuntergangspolitik ist, dass daneben alles andere unwichtig erscheint. Rücksicht auf Minderheiten oder überhaupt auf Empfindlichkeiten derer, die irgendwie im Weg stehen, spielen keine Rolle mehr. Wenn die Apokalypse droht, müssen alle die Zähne zusammenbeißen, robuster sein. Aus dieser Perspektive wird zum nutzlosen Weichei, wer auf Political Correctness beharrt, statt sich den vermeintlich viel größeren Problemen zu widmen. Das erklärt, warum selbst Trumps jüngster und vielleicht heftigster Skandal, die beleidigenden Sprüche über Frauen ("grab her by the pussy"), seiner Kampagne nicht nachhaltig geschadet haben.

Manche halten Angst für den eigentlichen Kern des Konservatismus. Daran erinnert Molly Ball im Atlantic. "Die gemeinsame Basis all der verschiedenen Komponenten der konservativen Einstellung ist die allgemeine Anfälligkeit dafür, auf Ungewissheit mit Sorgen oder dem Gefühl der Bedrohung zu reagieren", schrieb der britische Psychologe G.D. Wilson 1973 in seinem Buch Die Psychologie des Konservatismus.

Der Philosoph Zygmunt Bauman macht diese Einstellung nicht nur bei Trump-Anhängern aus, sondern in allen westlichen Gesellschaften. Er hat dafür den Begriff Retrotopia erfunden. Weil es keine echten politischen Utopien mehr gibt, stürzt sich die Fantasie auf die Vergangenheit.

Wenn Angstpolitik eine Konstante der US-amerikanischen Geschichte ist, erklärt diese Deutung, wo die heutige Trumpsche Version herkommt. Warum sie gerade heute so mächtig wird, müssen andere Puzzleteile erklären.

Aussehen

"Der Weg ins Herz der Massen ist, nicht so zu tun, als wäre man wie sie", schreibt Ian Buruma. Trumps mächtige blonde Mähne, ebenso wie die ähnlich exzentrischen Haare von Boris Johnson, Geert Wilders und Silvio Berlusconi oder die prägnante Glatze von Pim Fortuyn werden so zu politisch wertvollen Merkwürdigkeiten. Sie zeigen: Diese Männer sind nicht wie alle anderen und wollen es auch gar nicht sein.

Die Inszenierung Trumps ist voller Gold und frivolem Prunk. Er steht für Männer, die es geschafft haben und auf Regeln nichts geben. Die nicht zum Establishment der Angepassten gehören, das so viele Wähler verachten. Sich über Äußerlichkeiten dieses Wahlkampf zu mokieren bringt deshalb nichts, schreibt Buruma. "Je mehr die cleveren Comedians aus New York ihn verspotten, desto mehr werden seine Fans ihn unterstützen."

Buruma behauptet nicht ernsthaft, dass Trumps Aussehen wahlentscheidend ist. Seine Deutung ist eher eine Variante der Debatte um kulturelle Dominanz und liberale Arroganz, beispielsweise gegenüber Hillbillys.

Autoritarismus – Globalisierung – Heimat

Autoritarismus

Im Februar 2016 veröffentlichte der Politologe Matthew MacWilliams eine beeindruckende Grafik. Zu dem Zeitpunkt fanden die Vorwahlen in South Carolina statt. MacWilliams fragte Wähler nach ihrer Präferenz für Trump und stellte ihnen außerdem Fragen, um herauszufinden, wie autoritär sie eingestellt sind. Beides trug er auf Skalen ein, auf denen Eins der Maximalwert für Trump-Unterstützung beziehungsweise autoritäre Einstellung war.

Der Zusammenhang zwischen den beiden Werten war bemerkenswert eindeutig – eine steil ansteigende, beinahe gerade Linie: Je autoritärer die Wähler, desto eher stimmten sie für Trump. Wer nicht autoritär war, wählte ihn nur mit einer Wahrscheinlichkeit von unter 10 Prozent, wer sehr autoritär war, bei dem lag die Wahrscheinlichkeit bei über 60 Prozent. "Nur autoritäre Einstellungen und die Angst vor Terrorismus können mit statistischer Signifikanz vorhersagen, ob jemand Trump unterstützt", schreibt MacWilliams.


Was heißt es, autoritär eingestellt zu sein, und warum wird es jetzt politisch wirksam? Amanda Taub nennt "das Bedürfnis nach Ordnung und die Furcht vor den Fremden" als zentrale Merkmale und schreibt: "Wenn sie sich bedroht fühlen, halten sie nach starken Anführern Ausschau, die versprechen, alles Nötige zu tun, um sie vor den Fremden und den gefürchteten Veränderungen zu schützen." Autoritarismus baut also auf Angstpolitik und Fremdenangst auf.

44 Prozent der weißen Amerikaner fielen in einer aktuellen Studie in die Kategorie "Autoritär", in älteren Studien war die Gruppe ähnlich groß. Doch früher, so argumentiert die Wissenschaftlerin Karen Stenner, wurden diese autoritären Einstellungen nicht aktiviert, sondern waren nur latent. Das lag auch daran, dass es keine geeigneten, aussichtsreichen autoritären Parteien und Kandidaten gab, die diese Menschen banden. Die autoritär Eingestellten verteilten sich über die Parteien.

Erst mit der Südstaatenstrategie der Republikaner, die in den sechziger Jahren gezielt jene Ressentiments nutzte, die auch die Autoritären pflegten, sortierten sich die Lager. "In den nächsten Jahrzehnten sammelten sie sich natürlicherweise in der republikanischen Partei", schreibt Taub, dort gewannen sie an Einfluss. Heute stellen sie die Mehrheit und können deshalb den Kurs der Partei bestimmen. 55 Prozent aller Republikaner sind autoritär oder sehr autoritär eingestellt.

Aktiviert wird der Autoritarismus durch das Gefühl, bedroht zu sein. Durch Terrorismus, durch Fremde, durch Abstiegsangst. Der eigene Status quo scheint ebenso bedroht wie das Bild, das sich die Autoritären von Amerika machen.

Hinzu kommt ein Gefühl der Machtlosigkeit. Das ist zum Teil ein Leiden an der Globalisierung, wegen der die Politik offenbar entscheidende Dinge des Lebens nicht mehr regeln kann. Die Machtlosigkeit wird aber auch politisch bewusst verstärkt. Die moderne Rechte habe "ein Ohnmachtsgefühl der Enteignung kultiviert", schreibt Hans Hütt. Und J. D. Vance spricht von "antrainierter Hilflosigkeit als politischem Wert".

Viele glauben nicht mehr daran, dass sie die Herren auch ihres politischen Schicksals sind – was gerade in den USA eine unerhörte Wende ist. "Zu glauben, man habe keine Kontrolle mehr, ist unglaublich destruktiv", sagt Vance. Das ist der Zeitpunkt, zu dem die autoritären Wähler bereit sind für einen Politiker, der die Handlungsfähigkeit verspricht, die sie selbst nicht mehr haben: "I will fix it", sagt Trump.

Mit dem Deutungsmuster Autoritarismus kann man die Unterstützung für Trump umfassend erklären. Aber gerade weil das Konzept so umfassend ist und die autoritäre Einstellung Einzelner als gegeben annimmt, muss man es mit anderen, kleinteiligeren Erklärungsversuchen verbinden.

Globalisierung

Trumps Kritik am Wirtschaftssystem interessiert sich kaum für statistische Details, sondern bleibt allgemein. Er macht die Globalisierung für einen vermeintlichen Abstieg der Amerikaner verantwortlich. Ähnlich wie der Front National in Frankreich und andere rechte Politiker macht Trump der Linken ihr Monopol auf Globalisierungskritik streitig. Der Linken ging es immer um das Leid in Entwicklungsländern und um eine fairere Globalisierung. Sie wollen Wohlstand für die ganze Welt. Trump dreht das um: Er will den amerikanischen Wohlstand vor dem Rest der Welt abschirmen.

Schadet die Globalisierung tatsächlich den Amerikanern und ist Trump nur der erste, der das politisch nutzt? Ja und Nein. Als bester Beleg gilt aktuell die Elefantengrafik. Sie zeigt, wie zwischen 1988 und 2008 die verschiedenen Einkommensschichten weltweit von der Globalisierung profitiert haben.

Der Verlauf der Linie sieht aus wie das Profil eines Elefanten, und dort, wo der Rüssel auf den Boden hängt, befindet sich vermeintlich die Mittelschicht in den USA und Europa. Sie haben während dieser Zeit scheinbar sogar an Kaufkraft verloren, während die Bevölkerungsgruppen weiter links (in den Schwellenländern, auf dem Rücken des Elefanten) und weiter rechts (in der westlichen Oberschicht, an der erhobenen Spitze des Elefantenrüssels) stark dazugewonnen haben. Diese Grafik passt zum Frust vieler Trump-Wähler und Brexit-Befürworter: Die Mittelschicht als die Gruppe der Enttäuschten und zu kurz Gekommenen der Globalisierung, der nun wieder zu ihrem Recht verholfen werden soll.

Doch ein britischer Thinktank hat eine Schwäche in der Elefantengrafik entdeckt: Sie berücksichtigt die Bevölkerungsentwicklung zwischen 1988 und 2008 nicht. Berechnet man ein, dass in den Entwicklungs- und Schwellenländern viel mehr Menschen geboren wurden als in den Industrieländern, verändert der Elefant sein Profil ein wenig: Der Rüssel hängt nicht mehr ganz so tief. Die westlichen Mittelschichten haben an Einkommen dazugewonnen, wenn auch weniger als andere. Die Statistik trägt zur Erklärung der Unzufriedenheit zwar bei, aber weniger, als es auf den ersten Blick schien.

Dass Hyperglobalisierung liberale Demokratien beschädigt, davor warnen auch Experten, die weder zum Lager Trumps noch zu den Kapitalismusgegnern gehören. Dani Rodrik zum Beispiel, ein Harvard-Ökonom, hat das "Globalisierungstrilemma" skizziert. Es besagt, dass wir nicht alles haben können: Hyperglobalisierung, nationale Souveränität und Demokratie. Denn Nationalstaaten haben Grenzen und jeweils unterschiedliche Regeln, die Globalisierung behindern und bremsen. Für die Hyperglobalisierung wäre es entweder notwendig, nationale Grenzen abzuschaffen und nationale Politik zugunsten der Internationalisierung zu begrenzen. Das wäre das Ende des Nationalstaats. Oder die Nationen würden beibehalten und die Grenzen würden auf demokratisch nur indirekt legitimierten Wegen für die globalisierten Warenströme durchlässig gemacht. Das beschädigt die Demokratie und ist ziemlich genau das, was viele an der europäischen Finanzkrisenpolitik ebenso kritisieren wie am Freihandelsabkommen TTIP.

Das Spannungsverhältnis zwischen den drei Elementen und das Bedürfnis der Menschen, ihm zu entkommen, beschreibt die Situation, in der Trump auftritt und verspricht, Jobs aus China in die USA zurückzuholen ("Wir werden unsere Bergleute und Stahlarbeiter wieder in Arbeit bringen"), die Globalisierung nur noch zum eigenen Vorteil zu nutzen ("Ich werde tolle und meisterhafte Handelsabkommen machen") und überhaupt das Land wieder stark zu machen gegen den Rest der Welt. Er tut so, als gäbe es einen Ausweg aus dem Trilemma. Einen Rückzug aus der Globalisierung, für den nicht am Ende die Amerikaner selbst zahlen würden.

Allerdings hat eine Studie des Instituts Gallup gezeigt, dass die von der Globalisierung unmittelbar Benachteiligten Trump nicht besonders stark zuneigen. Es geht also mehr um Abstiegsangst, als um erlebte Benachteiligung. Wichtiger an dieser Deutung ist der Fokus auf die schwächelnde Politik und die Gefahr, dass Demokratien kaum noch Regeln setzen können. Das birgt die Gefahr, dass sich Wähler in ihrer Souveränität schlecht vertreten fühlen.

Heimat

Es lässt sich in der Zustimmung für Trump ein Bedürfnis nach Beschränkung und Kontrolle erkennen, das nicht per se rassistisch ist. Im New Yorker schreibt Larissa MacFarquhar über die starke Heimatverbundenheit und den Familiensinn in einer Region in West Virginia, in der fast alle Trump unterstützen. Heimat und Familie beschreiben ein Innen, das es nur unter der Bedingung geben kann, dass es auch ein Außen gibt. Ohne Grenzen muss die ganze Welt Heimat sein und jeder Mensch Familie. Das ist der Kern des humanistischen Universalismus' und auch der Anspruch von Hillary Clinton.

Aber Menschen haben "das Bedürfnis, zu einer Gruppe von Menschen zu gehören, die kleiner ist und weniger kosmisch als die gesamte Menschheit", heißt es im New Yorker. Und dann zitiert die Autorin aus der Autobiografie Obamas einen Satz, den seine Tante gesagt hat und der den späteren Präsidenten sehr beeindruckte: "Wenn jeder Familie ist, ist niemand Familie."

Trump nimmt dieses Bedürfnis nach räumlicher und kultureller Zugehörigkeit ernster als Clinton. "Wenn es keinen Mittelweg mehr zu geben scheint zwischen einer 'Amerika zuerst'-Fremdenfeindlichkeit und einer universalistischen Abstraktion", schreibt MacFarquhar, "dann werden Menschen, denen Zugehörigkeit mehr bedeutet als eine Idee, nämlich etwas Dichteres – und davon gibt es viele – die 'Amerika zuerst'-Fremdenfeindlichkeit vertrauter und auch attraktiver finden."

Die Anschlussfrage wäre, ob es wirklich keinen Mittelweg gibt, denn in den vergangenen Jahrzehnten war die US-Politik eine Mischung aus Öffnung und Abschottung, kein Extrem. Womöglich hängt es mit den Dynamiken der Polarisierung und mit Entwicklungen in den Medien und im Internet zusammen, dass so viele den Eindruck haben, es gäbe nur noch Extreme.

Internet – Hillbillys – Konjunktur

In Palm Beach im US-Bundesstaat Florida: Die Mikrofone warten auf Trump © [M] John Moore/Getty Images

Internet

Trump sei ein Social-Media-Genie, schreibt der Guardian. Seine Pöbeleien und knalligen Tweets passen zur Logik dieser Medien, in denen Zusammenhänge und Widersprüche kaum Platz haben. Twitter, Facebook und andere bieten Trump wie allen anderen die Möglichkeit, die herkömmlichen Medien zu umgehen. Zeitungen und Fernsehsender sind keine Gatekeeper mehr, Trump kann direkt zu Millionen Followern sprechen.

Die Bedeutung von Social Media in diesem Wahlkampf hat nicht nur Folgen für die Kanäle der politischen Kommunikation, sondern auch für ihren Inhalt, argumentiert Jill Lepore im New Yorker. "Demokratie braucht Zeit", schreibt die Historikerin. Social Media, so ihre These, ist zu schnell für echte Demokratie. "Es gibt einen Punkt, an dem die politische Kommunikation sich über das Maß hinaus beschleunigt, an dem demokratische Deliberation, die ehrliche Zustimmung der Regierten, überhaupt noch möglich ist." Urteile und Sofortumfragen, die schon auf unseren Bildschirmen aufpoppen, während wir noch versuchen, der eigentlichen Debatte zu folgen, "ermutigen zu hektischen und kleinteiligen Urteilen, genau das Gegenteil von dem, was gute Staatsbürgerschaft braucht."

Nun kann auch Lepore nicht sagen, welche Geschwindigkeit die politische Kommunikation verträgt – und ob es überhaupt einen Grenzwert gibt. Es gehört zu den Routinen der Kulturkritik, jede weitere Beschleunigung für die tödliche zu halten. Der Buchdruck, Romane, Comics, Radio, Fernsehen, Internet: Mit jedem neuen Medium kamen die entsprechenden Abgesänge auf die geistige Gesundheit der Menschen. "Das amerikanische Leben ist zu schnell", titelte die New York Times 1923. "Konzentration, Gründlichkeit, die stille Reflexion, die Urteile reifen lässt, ist heute schwerer als jemals zuvor."

Das Apokalyptische dieser Kritik muss man also nicht teilen, unbestreitbar ist allerdings, dass die Beschleunigung ein Ausmaß erreicht hat, welches das Verständnis von Komplexität und Zusammenhängen nicht fördert. Laut einer französischen Studie werden 59 Prozent der Links, die Menschen in den sozialen Medien teilen, vorher nicht einmal angeklickt. "Menschen sind eher bereit, einen Artikel zu teilen, als ihn zu lesen", schreibt der Autor der Studie.

Da Twitter und Facebook keine Nischenerscheinungen mehr sind, sondern Schrittmacher öffentlicher Debatten, setzt sich das dortige Desinteresse an Inhalten auch im Großen fort. Das hilft Akteuren wie Trump, mit Blödsinn und Widersprüchen davonzukommen. Denn die Erklärungen, die es braucht, um das aufzuzeigen, liest kaum noch jemand.

Hillbillys

Zwischen 1990 und 2013 ist die Sterblichkeitsrate von weißen US-Amerikanern im Alter von 45 bis 54 Jahren gestiegen – während sie bei US-Amerikanern spanischer Abstammung ebenso gesunken ist wie in quasi allen anderen industrialisierten Ländern. Grund dafür sind nicht etwa klassische Wohlstandskrankheiten wie Diabetes oder Herzprobleme, sondern Suizid, Drogenmissbrauch, Alkoholismus. Besonders hoch ist die Sterblichkeit unter denjenigen, die nur einen Highschoolabschluss haben und nicht studiert haben. Zwischen 2008 und 2013 hat sich die Zahl der Armen in den Vorstädten verdoppelt. Dort, wo die Weißen wohnen, die oft Anhänger der Republikaner sind.

"Niemand zieht die Anführer der beiden Parteien dafür zur Verantwortung", schreibt Salon.com, und wirft insbesondere den Republikanern vor, den Trend zur weißen Armut ignoriert und damit Trumps Aufstieg ermöglicht zu haben.

Dabei geht es nicht etwa um alle Weißen. Insgesamt verlieren sie ökonomisch nämlich nicht an Boden. Neue Zahlen zeigen beispielsweise, dass der Einkommensunterschied zwischen Weißen und Schwarzen so groß ist wie seit fast 40 Jahren nicht mehr: Weiße verdienen 26,7 Prozent mehr pro Stunde.

Es geht vielmehr um die Abgehängten unter den Weißen, die sogenannten Hillbillys. Der Autor J.D. Vance hat gerade ein Buch über sie geschrieben: Hillbilly: Memoiren einer Familie und einer Kultur in der Krise. Hillbilly lässt sich mit Hinterwäldler übersetzen und bezeichnet vor allem ungebildete, ärmere Weiße auf dem Land. "Diese Leute – meine Leute – mühen sich wirklich ab, und es gab seit sehr langer Zeit keinen politischen Kandidaten mehr, der ihre Sorgen angesprochen hat", sagt Vance im Interview mit The American Conservative. Er kommt selbst aus einer Hillbilly-Familie, hat aber den Sprung an die Eliteuni Yale geschafft. "Donald Trump versucht es zumindest."

Vance geht es dabei weniger um statistisch messbare Armut, sondern um die Ignoranz und die Verachtung, mit der der Rest des Landes die Hillbillys behandelt. Als white trash werden sie verspottet, weißer Abfall, eine Bezeichnung, die für jede andere Gruppe sofort geächtet würde. "Wenn man ein Angehöriger der weißen Elite ist, sind Arbeiterklassenweiße ein einfaches Ziel: Man muss sich nicht schuldig fühlen, weil man ja nicht rassistisch oder xenophob ist. Indem man auf Hillbillys herabschaut, kann man sich also das Hochgefühl von Selbstgerechtigkeit und Überlegenheit verschaffen, ohne die moralischen Normen der eigenen Gruppe zu verletzen. Die eigenen Vorurteile werden so nie als das sichtbar, was sie sind."

Republikaner wie Demokraten hätten Fehler gemacht, argumentiert Vance. Die einen hätten die Alltagssorgen dieser Milieus nur mit dem Versprechen größeren Wirtschaftswachstums beantwortet, die anderen hätten sie nur als Opfer der Umstände behandelt und nicht als eigenverantwortliche Subjekte wahrgenommen. Damit, so Vance, haben rechte und linke Politik zusammen das Abgleiten der Hillbillys in Paranoia und Passivität erleichtert.

Sarah Smarsh warnt im Guardian vor der Legende, "dass die Armen gefährliche Idioten sind". Sie weist darauf hin, dass sich in ihrem Heimatstaat, dem weißen, ländlichen Kansas, bei den Vorwahlen mehr Leute für Bernie Sanders als für Donald Trump ausgesprochen haben. Sie wirft liberalen Medien vor, die unterprivilegierte, weiße Bevölkerung in den ländlichen Regionen erst ignoriert zu haben, um ihr nun mit einer Mischung aus Mitleid und Anklage auch noch den Aufstieg Trumps in die Schuhe zu schieben.

Hinter diesen Deutungen verbergen sich letztlich Machtfragen. Warum waren all jene, um die sich Smarsh und Vance sorgen, die sie verspottet und ausgegrenzt sehen, politisch und öffentlich so lange so schlecht repräsentiert? Darauf müssen nicht nur Redaktionen Antworten finden, sondern vor allem Parteien, Demokraten wie Republikaner.

Konjunktur

"Die Obama-Clinton-Agenda aus besteuern, ausgeben und regulieren hat eine schweigende Nation arbeitsloser Amerikaner geschaffen", sagte Trump in einer wirtschaftspolitischen Rede. Wird er unterstützt, weil es den USA schlecht geht?

Die üblichen Kennzahlen bestätigen das nicht. Die Wachstumsraten des Bruttoinlandprodukts liegen seit der Finanzkrise beständig zwischen einem und vier Prozent, deutlich mehr als im Euroraum. Auch die Reallöhne steigen.

Doch diese Zahlen sagen wenig über Ungleichheiten zwischen verschiedenen Gruppen und noch weniger darüber, wie einzelne ihre Lage empfinden. Insgesamt stieg die Zahl der Armen im Land von den frühen 1970er Jahren bis 2014 von 25 Millionen auf 48 Millionen. Die Ungleichheit hat zugenommen, das reichste Prozent verfügt mittlerweile über 40 Prozent des Vermögens und 20 Prozent der Einkommen.

Das Wirtschaftssystem sei zu Ungunsten der normalen Amerikaner "manipuliert", sagt Trump immer wieder. 70 Prozent der Bürger stimmen dem zu. Sie wenden sich deshalb Kandidaten zu, die sie nicht als Teil dieses Systems wahrnehmen, und die versprechen, es zu reparieren. Bei den Demokraten war das der linke Senator Bernie Sanders, bei den Republikanern ist es Donald Trump.

Jüngste Zahlen scheinen nun  daraufhin zu weisen, dass es bergauf geht. 2015 stiegen die Einkommen der Mittelschicht in allen ethnischen Gruppen um 5,2 Prozent – so stark wie noch nie seit Beginn der Statistik in den 1960er Jahren. Und am unteren Ende der Skala haben die Ärmsten sogar noch deutlicher hinzugewonnen. Die Zahl der US-Amerikaner, die unterhalb der Armutsgrenze leben, ist innerhalb eines Jahres um 3,5 Millionen gesunken. Allerdings sind diese Veränderungen vor allem darin begründet, dass die US-Statistikbehörde ihre Erhebungsmethoden leicht geändert hat. Zieht man diesen Einfluss ab, bleiben von den 5,2 Prozent Einkommenswachstum nur noch 2 Prozent übrig.

Land gegen Stadt – Liberale Arroganz – Medien

Land gegen Stadt

Bei allen Präsidentschaftswahlen der vergangenen Jahrzehnte war die Karte der USA großflächig rot (Republikaner) gefärbt mit kleinen, blauen Sprengseln (Demokraten) an den Rändern. Das sind die Metropolen, in denen 62 Prozent der US-Amerikaner leben und in denen die Demokraten gewählt werden. Das dünn besiedelte Land wählt seit Jahrzehnten republikanisch. Darauf weist bei Cracked David Wong hin.

Der Unterschied zwischen Stadt und Land ist in den USA groß. Landbewohner besitzen mehr Waffen, heiraten jünger, trinken mehr Alkohol, nehmen aber weniger Drogen. Die Suizidrate junger Menschen ist auf dem Land doppelt so hoch wie in den Städten. Es gibt sogar Studien, die belegen, dass Menschen auf dem Land langsamer reden und langsamer gehen als Städter. 

US-Wahlergebnisse nach Counties (2012)

© ZEIT ONLINE


Diese Unterschiede werden zum Problem, weil die Städte das Land dominieren, argumentiert Wong. "Die ganze verdammte Welt dreht sich um sie", schreibt er polemisch. Fernsehserien, Musik, selbst die Nachrichten – all das kommt nicht nur aus den Städten, es behandelt auch fast ausschließlich das Leben in den Städten. Wong kritisiert die vermeintliche Arroganz der Städter, sich selbst für den Fortschritt zu halten und die Menschen vom Land für Rückständige.

Hinzu kämen ökonomische Probleme. Auf dem Land ließe sich der Strukturwandel von der Industrie- zur Dienstleistungsgesellschaft schlechter bewältigen, weil dazu die Bevölkerungsdichte nicht hoch genug sei, argumentiert Wong. Dazu passt, dass in den vergangenen Jahren der größte Teil des US-amerikanischen Wirtschaftswachstums in den Metropolen stattfand.

All das ist auch unabhängig von Trump richtig. Aber der Kandidat mobilisiert stärker als anderen Kandidaten den Ärger der Landbevölkerung angesichts dieser Ungleichheit. Er kann dabei an Stereotype  anknüpfen, die in der Populärkultur gepflegt werden: Gute, einfache Menschen vom Land kämpfen gegen verdorbene Herrscher aus der Stadt. Das ist die Geschichte von Game of Thrones, von Braveheart, von Hunger Games. Eine Frontstellung, die sich auch in der Diskussion um vermeintliche liberale Arroganz zeigt. Trump wird gewählt, weil er es der anderen Seite mal so richtig zeigt. "Jeder will ein Arschloch in seinem Team", schreibt Wong.

Zusammengenommen mit dem Gefühl einer bedrohten Heimat kann dieser Ansatz eine kulturelle Polarisierung beschreiben, die Trump bewusst vertieft, um sie sich zunutze zu machen.

Liberale Arroganz

Über den "selbstgefälligen Stil des amerikanischen Liberalismus" schreibt bei Vox Emmett Rensin. Er kritisiert, die Liberalen pflegten einen "herablassenden, defensiven Spott gegenüber allen Personen oder Bewegungen außerhalb ihres eigenen Konsens", und täten dabei so, als würden sie nur "das Monopol der Vernunft verteidigen".

Damit ist eine Haltung gemeint, die Konservatismus nicht für eine gleichberechtigte Haltung hält, sondern für eine Dummheit von Menschen, die es nicht besser wissen. Der belehrende und spöttische Ton, in dem Sendungen wie die Daily Show eine Zeitlang alles abhandelten, was dem liberalen Konsens widersprach, ist aus Rensins Sicht das beste Beispiel dafür. Auch früher habe es diesen Spott der liberalen Eliten gegeben, nur sei er eben auf Cocktailpartys beschränkt geblieben und sei nicht so dominant gewesen wie jetzt. Rensin glaubt, das liege auch daran, dass die Arbeiterklasse aus der demokratischen Partei verschwunden und die Partei so zu einem Club der liberalen Akademiker geworden sei.

Diese Deutung kann helfen zu verstehen, dass die politische Polarisierung, unter der die USA leiden, nicht nur von der Tea Party und anderen Protagonisten der Rechten ausgegangen ist. Auch der liberale Teil Amerikas hat dazu beigetragen.

In der New York Times beschreibt Nicholas Kristof sein Eingeständnis liberaler Intoleranz. Darin geht es um eine selektive Toleranz weißer, progressiver Amerikaner. Kristof schreibt: "Wir haben nichts gegen Menschen, die nicht aussehen wie wir, solange sie denken wie wir." Eine Studie der Stanford-Universität habe nachgewiesen, dass dieser "liberal bias" gerade an Universitäten existiert, dass dort liberal eingestellte Akademiker Vorteile hätten. Republikaner und Konservative im Allgemeinen haben schlechtere Jobchancen an den Unis. "Ich bin das Äquivalent von jemandem, der im Mississippi der fünfziger Jahre schwul war", wird ein konservativer Professor zitiert. Die "liberale Verzerrung" trägt zum Eindruck konservativer Milieus bei, schlecht repräsentiert zu sein und nicht als ebenbürtig akzeptiert zu werden.

Im New Yorker bringt Pankaj Mishra einen der größten Philosophen der Aufklärung in Stellung:"Wie Rousseau Trump vorhergesehen hat", lautet der Titel des Textes. Jean-Jacques Rousseau habe, selbst aus einfachen Verhältnissen stammend, die Bourgeoisie und das Milieu der vermögenden Intellektuellen verachtet. Mishra verweist auf Rousseaus "Abscheu für großstädtische Eitelkeit, sein Misstrauen gegenüber Technokraten und gegenüber dem internationalen Handel und sein Eintreten für traditionelle Sitten". Alles Dinge, die sich heute in den Wutreden von Trump-Anhängern auf "die da oben" in Washington und überhaupt die ganze Klasse der Experten und Globalisierungsgewinner, wiederfinden. Trump nutzt diese Frontstellung zwischen liberalen Intellektuellen und konservativen Amerikanern offensiver aus als je ein Kandidat zuvor.

"Rousseau scheint der zentrale Protagonist der antielitären Revolte zu sein, die derzeit unsere Politik umkrempelt", schreibt Mishra. Rousseau stellte die moralisch überlegene, weil ursprüngliche Landbevölkerung gegen den städtischen, verkommenen Moloch, in dem jeder nur an sich denkt. Die moderne Gesellschaft verderbe den guten Menschen, fand Rousseau. Das Ergebnis: "Ehre ohne Tugend, Verstand ohne Weisheit, und Vergnügen ohne Glück." Dahinter steht die Sehnsucht nach einem irgendwie unkorrumpierten Leben, das den gesellschaftlichen Überformungen entkommt und sich selbst genug ist.

Aus dieser Perspektive ist die Unterstützung für Trump das Aufbrechen eines chronischen Konflikts. Um zu verstehen, warum er jetzt und in dieser Form aufbricht, braucht es allerdings noch andere Analyseansätze. Beispielsweise zu Heimat, zur Stadt-Land-Spaltung, zur Polarisierung und zur Globalisierung.

Medien

Dass die Medien Trump geholfen haben, und zwar auf mehreren Wegen, darin sind sich fast alle Erklärungsversuche einig. Weil sie zu viel berichten oder auf die falsche Weise.

"Das Kabelfernsehen bekommt einfach nicht genug von Donald Trump", beschwerte sich das Wall Street Journal im September 2015. Der anschließend oft erhobene Vorwurf: Die exzessive Berichterstattung über jeden Auftritt und jeden neuen, unerhörten Satz des Kandidaten hätten diesen erst stark gemacht. Das sei kostenlose Werbung. Trump müsse keine Fernsehspots kaufen, da er ohnehin dauernd auf Sendung sei.

Trump hat dafür zwar kein Geld gezahlt, aber sehr wohl etwas getan: Er hat über Jahrzehnte an seinem Auftreten und seiner Bekanntheit gearbeitet. Bücher, Fernsehsendungen, PR-Stunts – "Aufmerksamkeit ist nicht kostenlos, wenn man für sie arbeitet", schreibt Jack Shafer bei Politico.

Eine Studie der Datenjournalisten von Data Face bestätigt, dass im Zeitraum Juli 2015 bis August 2016 auf den Websites von acht großen Medien deutlich mehr über Trump berichtet wurde als über Clinton. Der Abstand wuchs, je länger der Wahlkampf dauerte. Im August 2016 zählen sie 1.739 Berichte über Trump, aber nur 582 Berichte über Clinton.

Liberale Medien hätten versucht, Trumps innerparteiliche Konkurrenten zu stärken, klagt Matt Taibbi im Rolling Stone. Beispielsweise indem sie jeden kleinen Erfolg eines anderen Kandidaten im Vorwahlkampf zur vermeintlichen Kehrtwende ausriefen. So wurde schon der dritte Platz von Marco Rubio in Iowa zum vermeintlichen "Marcomentum", er zum "eigentlichen Sieger" und "zur letzten Hoffnung der Vernünftigen". Das verstärkte den Verdacht, dass die Medien aufseiten des Establishments stehen, und brachte Trump die Stimmen derjenigen ein, die sich nicht als "Unvernünftige" abkanzeln lassen wollten, nur weil sie nicht wählten, wie manche Journalisten das von ihnen erwarteten. Sechs Wochen später gab Rubio auf.

Es wird aber auch zum Problem, wenn Medien zu nett zu Trump sind. Der linke Kolumnist Paul Krugman kritisiert in der New York Times, zu viele Nachrichtenmedien hingen der Praxis an, beide Seiten gleich zu behandeln. Er schimpft auf "die fast pathologische Entschlossenheit, Politiker und ihre Programme als gleich gut oder gleich schlecht darzustellen, egal, wie lächerlich diese Vortäuschung wird." Im Atlantic wird das als "Er-sagt-sie-sagt"-Journalismus bezeichnet. Der Journalistikprofessor Jay Rosen erklärt es: "Es wird kein echter Versuch unternommen, sich widersprechende Aussagen zu beurteilen (...). Die Symmetrie der zwei Seiten, die gegenteilige Behauptungen aufstellen, lässt den Reporter in der Mitte zwischen polarisierten Extremen stehen." So wird die behauptete journalistische Objektivität durch simple Arithmetik scheinbar eingelöst. Indem man nun Trumps und Clintons Aussagen gleich behandelt, erhebt man Unwahrheiten und Beleidigungen zu gleichwertigen Debattenbeiträgen und verharmlost das Ausmaß der Trump'schen "Schrecklichkeit", argumentiert Krugman.

Die New York Times ist jüngst von diesem Prinzip abgerückt und hat auf ihrer Titelseite Trumps Aussagen "Lügen" und "bizarre Schwindeleien" genannt – nicht etwa in einem Kommentar, sondern in einer Analyse. Dinge beim Namen zu nennen und sie nicht durch scheinbar professionelle Distanz abmildern – auch so kann man journalistische Professionalität verstehen.

Gegen Krugman selbst und seine liberalen Mitstreiter gibt es auch einen bedenkenswerten Vorwurf, der allerdings nicht den Journalismus als Ganzes trifft. Die liberalen Lautsprecher hätten Trumps Aufstieg erleichtert, indem sie auch angeblich gemäßigte republikanische Präsidentschaftskandidaten in so drastischen Worten verteufelt hätten, dass nun die Öffentlichkeit nicht mehr richtig zuhöre, wenn vor Trump gewarnt werde. Die Öffentlichkeit sei abgestumpft, weil ja laut liberaler Medien "jeder republikanische Präsidentschaftskandidat eine Gefahr für die amerikanische Gesellschaft ist", wie die konservative Kolumnistin Karol Markowicz bei Daily Beast schimpft.

Krugman hatte 2012 den republikanischen Präsidentschaftskandidaten Mitt Romney in zahllosen Kolumnen als "Scharlatan", "pathologisch unehrlich" und "nicht vertrauenswürdig" abgestempelt. Romney täte nicht mal so, als kümmere er sich um Arme, er wünsche sich, dass Menschen sterben, damit die Reichen reicher werden könnten, er sei "komplett amoralisch", ein "gefährlicher Dummkopf" und "ebenso ignorant wie gleichgültig". Eine rhetorische Eskalation, die nicht viel Raum ließ für die ganz andere Qualität Trumps.

Ob solche Urteile Trump etwas anhaben können, ist fraglich. Für ihn gilt offenbar die Formel: Aufmerksamkeit ist gleich politischer Erfolg. "Normalerweise kritisieren wir sie und dann verschwinden sie", sagt der Reporter Matt Taibbi über vermeintlich ungeeignete Kandidaten. Taibbi kommt zu dem Schluss, dass es nicht mehr um Inhalte oder Positionen gehe, sondern nur noch um die Show. "Trump hat die Schwachstelle im amerikanischen Todesstern gefunden", schreibt Taibbi. Die Medien "wissen nicht, wie sie die Kameras abschalten können, auch wenn sie ihren eigenen Untergang filmen".

Das hat nicht nur mit den schwierigen Produktionsbedingungen von Medien zu tun, sondern auch mit einer Öffentlichkeit, die ihre Struktur verändert. Die zunehmend postfaktisch funktioniert und von der Logik von Social Media im Internet bestimmt wird.

Psychologie – Polarisierung – Postfaktische Öffentlichkeit

Bubba McDonald, ein Delegierter aus dem US-Bundesstaat Georgia, mit einer Trump-Maske auf dem republikanischen Parteitag © [M] Matt Rourke/AP Photo

Psychologie

In der LA Review of Books versucht sich Dan Auerbach an einer psychologischen Erklärung Trumps und seines Aufstiegs. Er erkennt beim Kandidaten ein überwältigendes Bedürfnis nach Aufmerksamkeit, ohne inhaltliches Ziel. Genauso wie bei Christian Moosbrugger aus Robert Musils Der Mann ohne Eigenschaften. "Im Zentrum von Moosbruggers Existenz ist nur ein großes Loch", schreibt Auerbach, und meint damit auch Trump. Deshalb habe dieser gar nicht den Anspruch, das Volk von etwas außer sich selbst zu überzeugen. "Weil er keine Prinzipien hat, kann er sie auch nicht verraten", schreibt Auerbach. Das macht Trump im Wahlkampf viel flexibler als klassische Politiker, weil er auf nichts verpflichtet werden kann. Außerdem kann Trump mit diesem Verhalten erfolgreich sein, weil nicht nur für ihn, sondern für die gesamte Gesellschaft Aufmerksamkeit zum Wert an sich geworden sei, argumentiert Auerbach. Trumps Prinzipienlosigkeit werde nicht mehr sanktioniert.

Der Schriftsteller George Saunders hat für den New Yorker viele Trump-Veranstaltungen besucht. Er versucht die Psychologie der Anhänger über deren direkte Umwelt zu erklären: die überdimensionierten und gesichtslosen Shoppingcenter in der Leere der amerikanischen Landschaft, in denen viele Amerikaner abseits der Metropolen ihre Zeit verbringen; öffentliche Orte, die keine sind. "Ich stellte mir einen Jugendlichen vor, der sich nur oder ausschließlich in diesen nichtssagenden, hellen Räumen bewegt hat, Räume, die konstruiert sind, um weit entfernten Profitinteressen zu nutzen. Und es kam mir der Gedanke, wie leicht es in so einem Leben wäre, sich machtlos zu fühlen, das Lokale als lahm zu empfinden, das Abstrakte als unwichtig und die Worte des Materialismus ("get" und "rise") für die einzig gültigen zu halten – Worte, die vom Kandidaten des Augenblicks perfekt verkörpert werden."

Saunders vermutet also, dass Trumps Aufstieg auch durch sozialpsychologische Schäden ermöglicht wurde, die die Konsumgesellschaft verursacht. Solche Deutungen müssen anekdotisch und spekulativ bleiben, weil sie sich empirisch kaum belegen oder messen lassen.

Polarisierung

Trump profitiert von einer Polarisierung der amerikanischen Gesellschaft, die nicht sein Werk ist, sondern ein jahrzehntelanger Trend. Der Stanford-Ökonom Matthew Gentzkow hat dazu eindrucksvolle Statistiken zusammengestellt. Sie zeigen, dass die Anhänger von Republikanern und Demokraten in ihren politischen Standpunkten immer weiter auseinandergerückt sind und dass ihre Meinung über die jeweils andere Seite immer negativer geworden ist. Beispielsweise hielten 1960 nur gut 20 Prozent die Anhänger der jeweiligen Gegenseite für selbstsüchtig, 2008 waren es fast 50 Prozent. 1960 hatte kaum jemand ein Problem damit, falls das eigene Kind einen Anhänger der anderen Partei heiraten sollte. 2008 würden sich 19 Prozent der Demokraten und 26 Prozent der Republikaner darüber aufregen.

Ideologische Konsistenz

Die Grafik zeigt, wie sich die Werteeinstellungen von Parteianhängern entwickeln. Die konservativen Republikaner werden konservativer, die liberalen Demokraten werden liberaler.

Quelle: Pew Research Center © ZEIT ONLINE

Zu welchem Anteil dieser Trend von den Parteien selbst ausgeht, beispielsweise von der Südstaatenstrategie der Republikaner und später der Tea Party, ist unklar. Klar ist allerdings, dass zumindest im Rennen um das Weiße Haus, also nach den gewonnenen Vorwahlen, ein Teil der Zustimmung für Trump den single issue voters zuzuschreiben ist. Das sind Wähler, denen einzelne Themen (Abtreibungsverbot, Waffenrecht) so wichtig sind, dass sie deswegen immer republikanisch und nie demokratisch wählen – egal wer Kandidat ist.

Auch der Medienkonsum spielt für die Polarisierung  eine Rolle. Die parteiischen, meinungsmachenden Kabelfernsehsender, allen voran Fox News, aber auch die parteiischen Talkradios, liefern den Lagern ihre jeweils eigene mediale Rundumversorgung und ungebrochene Weltsicht. Auch die Struktur der Internetöffentlichkeit mit ihren durch Filterblasen generierten Newsstreams fördert das entstehen von Echokammern, in denen Einzelne nur noch mit der eigenen Weltsicht und passenden Fakten umgeben sind.

Allerdings gibt es auch Studien, die dieses Szenario relativieren. So hat der Ökonom Gentzkow mit seinem Kollegen Jesse Shapiro 2011 festgestellt, dass der Onlinemedienkonsum von Konservativen nur zu 60 Prozent aus solchen Quellen besteht, die sich als konservativ einordnen lassen. 40 Prozent ihrer Quellen gehören also nicht eindeutig zum eigenen politischen Lager.

So politisch einseitig ist der Medienkonsum im Netz also nicht, zumindest über die klassischen Nachrichtenseiten. Beim Fernsehen beispielsweise ist die Spaltung deutlich stärker. Und die stärkste Trennung zwischen dem eigenen und dem anderen Lager praktizieren Menschen noch immer offline, also bei ihren Kontakten zu Freunden und Nachbarn jenseits des Internets. Das sind die tatsächlichen Echokammern. Im Internet hingegen "sind echte Echokammern bemerkenswert selten", schreibt Gentzkow. Er konnte zwischen 2004 und 2011 auch keine Zunahme der Polarisierung im Internet feststellen. Ob sich das seitdem geändert hat, ist unklar.

Möglich ist auch, dass längst nicht mehr die Websites selbst, sondern die Verbreitung von Beiträgen bei Facebook für eine postfaktische Öffentlichkeit und eine zunehmende Polarisierung verantwortlich sind.

Postfaktische Öffentlichkeit

87 Falschaussagen in fünf Tagen hat Politico bei Trump gefunden, die New York Times kommt auf 37 "dicke Lügen" in einer Woche.

Dass Trump chronisch Unwahrheiten nutzt, wenn sie zu seinem Vorteil ausfallen, ist bekannt. Mittlerweile gibt es auch eine Reihe von Beiträgen, die dahinter eine generelle Krise der Fakten oder der Rationalität in Debatten erkennen. "Das Zeitalter der Fakten ist vorbei", befand Jill Lepore im New Yorker, einen ähnlichen Ton schlugen Essays hier bei ZEIT ONLINE, im Spiegel, in der NZZ  und im Economist. Sie argumentieren, dass es einerseits keine Institutionen mehr gibt, die von allen als objektive Faktenlieferanten angesehen werden, weil auch große Teile der Wissenschaft längst als interessengeleitet, also politisiert, gelten. Und dass sich außerdem in der durch das Internet veränderten Öffentlichkeit Aussagen und Geschichten verbreiten, egal ob sie stimmen oder nicht. Attraktive Gerüchte finden ihr Publikum, die Berichtigungen eher nicht. Auf einer philosophischen Ebene hat außerdem die Postmoderne die Existenz von Fakten generell infrage gestellt und den Gedanken gestärkt, dass jede Erkenntnis subjektiv ist. Das alles sorgt dafür, dass es heute nicht mehr sanktioniert wird, wenn Menschen wie Trump öffentlich nachweislich die Unwahrheit sagen.

Buzzfeed und die New York Times berichten über das Phänomen der hyperparteiischen (hyperpartisan) Facebook-Seiten. Sie heißen Occupy Democrats (auf der linken Seite) oder Right Wing News (auf der rechten Seite) und versorgen ihre Leser mit einseitigen, zu Teilen falschen politischen Berichten, die in die jeweilige Weltsicht passen. Auf rechter Seite seien 38 Prozent der Beiträge entweder größtenteils falsch, oder zumindest eine Mischung aus wahr und falsch, hat eine Untersuchung von Buzzfeed von jeweils drei dieser Seiten ergeben. Auf linker Seite fallen 19 Prozent der Beiträge in diese Kategorien. Gerade diese Beiträge sind aber beim Publikum besonders erfolgreich. Buzzfeed schreibt: "Der beste Weg, im größten sozialen Netzwerk der Welt für politische Inhalte ein Publikum zu gewinnen und es zu vergrößern, ist faktische Berichterstattung zu vermeiden und stattdessen parteiische Vorurteile zu bedienen, indem man falsche oder irreführende Informationen nutzt, die den Leuten einfach nur das vermitteln, was sie hören wollen."

In diesem Phänomen kommt also einiges zusammen: eine veränderte Medienpraxis in einer durch das Internet neu strukturierten Öffentlichkeit, die wenig auf Fakten gibt und die Polarisierung vertieft.

Rassismus – Republikaner – Tyrannei

Während der Unruhen wegen des Todes des Afroamerikaners Freddie Gray protestiert ein Mann in Baltimore im April 2015 gegen die Polizei. © [M] Jim Bourg/Reuters

Rassismus

Eine Mauer an der mexikanischen Grenze, Einreisestopp für Muslime, die Darstellung von Migranten als Vergewaltiger, Terroristen und Kriminelle: Trumps Rassismus ist offensichtlich. Er wird von vielen seiner Anhänger geteilt.

Wie überall auf der Welt ist diese Angst vor dem Fremden und dessen Ablehnung ein Distanzphänomen. Das heißt, es ist besonders dort stark, wo die Fremden nicht sind. Die Zustimmung zur Grenzmauer zu Mexiko steigt in den USA mit der Entfernung zur Grenze. Nicht der konkrete Fremde ist das Problem, sondern der imaginierte.

Abstiegsangst und Angstpolitik verstärken das Bedürfnis nach einem Feindbild, denn wenn es einen Feind gibt, kann man etwas tun: ihn bekämpfen. Denker wie der deutsche Staatsrechtler Carl Schmitt haben diese Freund-Feind-Dichotomie gar zum Kern politischen Handelns an sich erhoben.

Eventuell hat auch die Präsidentschaft Barack Obamas zum Ausbrechen der Fremdenfeindlichkeit beigetragen. Dessen Hautfarbe habe den Rassismus vieler Weißer erst so richtig in Wallung gebracht, argumentiert bei Slate Jamelle Bouie. Obamas acht Jahre im Weißen Haus haben deutlich gemacht, dass Afroamerikaner im Prinzip unbegrenzte Möglichkeiten haben – eine Provokation für diejenigen, die diese Möglichkeiten gerne wieder begrenzt sähen,für die das Weiße Haus wieder ein Haus für Weiße werden soll.

Robin DiAngelo, eine Professorin für multikulturelle Erziehung, nennt diese Empfindlichkeit die "weiße Fragilität", einen "Status, in dem schon ein Minimum von Rassenstress unerträglich wird und eine ganze Bandbreite an Verteidigungshandlungen auslöst". In diesem Fall: Trump wählen, um sich gegen Obama und dessen progressive Minderheitenpolitik zu wehren. 43 Prozent aller US-Amerikaner und 60 Prozent aller Weißen aus der Arbeiterklasse sind der Meinung, dass die Diskriminierung von Weißen mittlerweile ein ebenso großes Problem sei wie die anderer Gruppen.

Doch es hilft kaum weiter, alle Trump-Anhänger des Rassismus zu bezichtigen. Die Gefahr ist groß, dadurch andere Motive zu übersehen, die sich dahinter verbergen. Berechtigte Vorstellungen von Heimat und Sicherheit beispielsweise, aber auch Frustration angesichts liberaler Arroganz, beispielsweise gegenüber Hillbillys.

US-Wahl - "Ich habe Angst vor Trumps Anhängern" In Hudson im US-Bundesstaat New York gibt es neben Hipstern und Künstlern auch eine muslimische Gemeinde, umringt von Trump-Unterstützern. Mohammed Rony sorgt sich darum, was ein Wahlsieg für das Leben von Muslimen bedeuten könnte.

Republikaner

"Die Republikaner haben Trump erschaffen", schreibt Nicholas Kristof in der New York Times. Der ZEIT-Kollege Martin Klingst meint: "Er ist das zwangsläufige Produkt einer extrem radikalisierten und verrohten Republikanischen Partei." Diese habe sich von der radikalen Tea-Party-Bewegung kapern lassen, die sowohl inhaltlich als auch stilistisch ein Vorläufer der Trump-Bewegung innerhalb der Partei war. Über die Tea-Party-Ikone Sarah Palin schreibt Hans Hütt im Kursbuch: "Ihr Stolz auf die eigene Ignoranz zerschoss das Rationalitätsversprechen einer durch Checks und Balances gefestigten Demokratie. Donald Trump erntet ihre Saat."

Prominente Republikaner hätten in den vergangen acht Jahren mit ihren persönlichen Angriffen auf Obama und dessen Gesundheitsreform jenen Ton gesetzt, den Trump weiter zuspitzt hat, argumentiert Klingst. Im Senat und im Kongress sind sie zur Fundamentalopposition geworden. Sie interessieren sich nicht mehr für Kompromisse, sondern nur noch dafür, alles zu verteufeln und zu verhindern, was die Gegenseite will.

In der Süddeutschen Zeitung schreibt Nicolas Richter: "Das kaputte Amerika, über das alle nur lachen – und das Trump jetzt angeblich retten muss –, ist eine Erfindung der Republikanischen Partei." Neben dem brutalen Ton und der Angstpolitik habe die Partei auch den Rassismus und den Elitenhass hoffähig gemacht, was Trump nun nutzt.

Die Republikaner hätten seit den sechziger Jahren gezielt rassistische Ressentiments angesprochen, um Wähler im Süden der USA zu gewinnen, argumentiert Jeet Heer im Magazin New Republic. Trumps Kampagne sei deshalb "kein Ausreißer, sondern die jüngste Manifestation dieser Südstaaten-Strategie".

Die Partei hat sich als Sprachrohr des weniger gebildeten, einfachen Mannes positioniert und als Gegenpol zu den Intellektuellen, die bei den Demokraten den Ton angeben. Sie mache sich dabei den Anti-Intellektualismus in den USA zunutze, den der Historiker Richard Hoftstadter in den sechziger Jahren offengelegt hat. Nur dass hinter der Anti-Intellektuellen-Fassade sehr gebildete und erfahrene Leute arbeiteten. Dwight D. Eisenhower, ein früherer Fünf-Sterne-General, möge zwar nach außen "die Rolle eines liebenswürdigen Dummkopfs gespielt haben, aber er könnte der am besten vorbereitete Präsident gewesen sein, den wir jemals hatten", schreibt Max Boot in der New York Times. Trump macht sich jetzt  – ohne dabei in der Partei auf nennenswerten Widerstand zu treffen – diese Tradition des Anti-Intellektualismus zu nutze. Mit dem Unterschied, dass er nicht nur ungebildet scheint: Er ist, so Boot, "tatsächlich der Nichtwisser, den seine republikanischen Vorgänger immer nur vorgegeben haben zu sein".

Im Guardian zeichnet Timothy Shenk die Ursprünge des konservativen Elitenhasses nach. Er beruft sich dabei auf Bücher der konservativen Vordenker James Burnham und Samuel Francis, deren Analysen zusammengenommen Folgendes ergeben: Eine technokratische Elite aus politischen Managern hat die Herrschaft übernommen, weil sie als einzige in der Lage ist, die zunehmende Komplexität der modernen Politik und Wirtschaft einigermaßen zu überschauen. Deren eigene, notwendigerweise kosmopolitische Einstellung macht sie zu Verächtern konservativer Werte, die vor allem in der weißen Unter- und Mittelschicht verbreitet sind. Dagegen müsse das weiße, nicht kosmopolitische Amerika sich verteidigen. Obama, Absolvent einer Elite-Uni, kosmopolitisch, progressiv, schwarz, personifiziert dieses Feindbild besser als jeder andere: Er sei "das Modell dessen, was das neue Amerika sein soll", graute sich der nationalistische Vordenker Samuel Francis. Er wurde zum Katalysator des weißen, nationalistischen Aufruhrs, der nun Trump nutzt. Diese Sichtweise ist es, die sich in einem der wichtigsten Trump-Slogans wiederfindet: "Americanism, not Globalism, will be our credo".

Shenk zeigt, dass der weiße Nationalismus schon seit Langem Teil der konservativen Debattenlandschaft und auch der Republikanischen Partei selbst war: Die Vordenker haben für die meinungsbildenden konservativen Zeitschriften gearbeitet, und es war Samuel Francis selbst, der in den achtziger und neunziger Jahren die Kandidaturen Pat Buchanans unterstützte. Buchanan errang im Rennen um die republikanische Präsidentschaftskandidaturen Achtungserfolge mit einer Politik, die Einwanderung für einen Irrweg hielt und das weiße Amerika retten wollte. Über Trump, seinen Nachfolger im Geiste, schreibt Shenk nun: "Die Prinzipien, die er verteidigt, und die Leidenschaften, die er entzündet, sind immer Teil der amerikanischen Rechten gewesen, seit ihrer Gründung nach dem Zweiten Weltkrieg. Die meisten konservativen Denker haben diesen Teil ihrer Geschichte vergessen oder unterdrückt, weswegen sie heute einen kollektiven Nervenzusammenbruch erleiden. Wie Abhängige am Morgen nach einer Sauftour sind sie verstört, wenn sie ihr Gesicht im Spiegel sehen." Ihr Spiegelbild hat das Gesicht Trumps.

Diese Sichtweise birgt die Gefahr, die Rolle der Partei und ihrer Vordenker zu unterschätzen. Ihre Strategien werden erst deshalb wirksam, weil sie auf schon existierende Entwicklungen und Motive reagieren, etwa den Autoritarismus und die Angstpolitik. Andere Tendenzen, etwa die Polarisierung und der Frust der Hillbillys, haben die von den Republikanern ausgesendeten Impulse so verstärkt, dass Trump möglich wurde.

Tyrannei

"Demokratien enden, wenn sie zu demokratisch sind", schreibt Andrew Sullivan. "Amerika war noch nie so reif für die Tyrannei." Er bezieht sich auf Plato, der vor 2.500 Jahren einen fast beiläufigen Satz über die Geburt von Tyranneien geschrieben hat: "Was ihre Entstehung anlangt, so ist so viel gewiss, dass sie aus der Demokratie durch deren Ausartung vor sich geht." Auf Volksherrschaft folgt Tyrannei.

Platon warnte, dass Demokratien dazu neigen, Unterschiede einzuebnen. Freiheit und Gleichheit breiten sich aus, Autoritäten werden nicht mehr anerkannt, Eliten verachtet. Die Demokratie mache langfristig alles gleich, schrieb Platon: Männer und Frauen, Alte und Junge, Lehrer und Schüler, Bürger und Ausländer, Menschen und Tiere. Lehrer verbrüdern sich mit ihren Schülern und Eltern benehmen sich wie ihre Kinder. Diese "Unersättlichkeit" der Menschen nach immer mehr Freiheit sorge dafür, "dass sie, wenn ihnen jemand auch nur den mindesten Zwang antun will, sich alsbald verletzt fühlen und es nicht ertragen", schreibt Platon. Bald "verachten sie gar alle Gesetze, die geschriebenen wie die ungeschriebenen, um nur keinen Gebieter in irgendeiner Beziehung über sich zu haben."

Das ist der Moment, in dem der Tyrann auf den Plan tritt. Er nutzt den Hass der Menschen auf Institutionen und Gesetze, um diese endgültig zu zerstören. Er erlaubt dem Mob, sich abzureagieren. Man kann dieses Motiv erkennen in den "Sperr sie ein!"-Rufen der Trump-Anhänger gegen die verhasste Hillary Clinton. Es soll jetzt Schluss sein, hinweg mit "Washington", hinweg mit den Regierenden, und zwar aus einem einzigen Grund: Weil sie regieren.

Wie konnte es so weit kommen? Sullivan argumentiert: Weil in den vergangenen Jahrzehnten viele der "großen und massiven Hürden zwischen Volkswillen und Machtausübung" verschwanden, die den Staat vor den "Leidenschaften des Mobs" beschützt haben.

Bei den Vorwahlen zur US-Präsidentschaft stimmten früher nur die Eliten der jeweiligen Parteien ab. Der Präsident selbst wurde dann vermittelt durch Wahlmänner gewählt, die sich nicht immer an das Votum der Bevölkerung gebunden fühlten. Senat und Kongress kontrollieren sich gegenseitig und jeder Bundesstaat hat nur zwei Senatoren, damit die bevölkerungsreicheren Gebiete nicht alles bestimmen. Über allem steht der oberste Gerichtshof als unparteiischer Wächter.

Vieles davon gilt heute nicht mehr, weil es abgeschafft wurde oder sich verformt hat. Der oberste Gerichtshof ist in zwei parteiische Lager zerfallen, und wer Präsident werden will, muss sich nicht um eine kleine Zahl von Wahlmännern, sondern um die Zustimmung des gesamten Volkes bemühen. Und anders als früher bewerben sich nicht nur Politik-Experten um öffentliche Ämter, sondern zunehmend Außenseiter, die gerade ihr Außenseitertum zum Wahlargument machen.

Dazu kommt aktuell das Versagen der Regierung und der Parteien, die zentralen politischen Probleme zu lösen. Sullivan schreibt: "Wenn die Eliten nicht mithilfe von Kompromissen regieren können, wird wahrscheinlich jemand von außen versuchen zu regieren, mithilfe der Leidenschaften des Volkes und durch brutale Gewalt." So entsichert sich die Demokratie.

Das Heikle an solchen Sichtweisen ist, dass sie leicht in Verdacht geraten, den Souverän, das Volk, zu verachten und nur die Macht der Eliten sichern zu wollen. So beeilt sich Sullivan zu versichern, dass es ja gut sei, wenn bisher ausgeschlossene Stimmen nun auch bei der Wahl zur Geltung kämen. Aber "genau wegen all dieser Dinge, die unsere Demokratie erreicht hat, sollten wir wachsam sein bezüglich ihrer speziellen Schwachstelle: ihre Anfälligkeit in stressigen Zeiten für die Attraktivität eines schamlosen Demagogen." Sullivan ruft also Trump noch nicht als neuen Tyrannen aus.

Anmerkung: Wir haben, auf Hinweis eines Lesers, die Ausführungen zum Einkommenswachstum im Kapitel "Konjunktur" nachträglich korrigiert.