Zweieinhalb Minuten brauchte Präsident Abraham Lincoln, um dem gespaltenen Amerika wieder Hoffnung zu verleihen. Im Jahr 1863, auf einem Soldatenfriedhof außerhalb von Gettysburg im US-Bundesstaat Pennsylvania. Zehntausende Männer waren hier nur Monate zuvor in der schwersten Schlacht des amerikanischen Bürgerkriegs gefallen. Lincoln mahnte die verfeindeten Nord- und Südstaaten zur Einheit: Amerika müsse nun zusammenstehen, "auf dass die Regierung des Volkes, durch das Volk und für das Volk, nicht von der Erde verschwinden möge". Seine Rede gilt vielen Amerikanern heute als nationales Heiligtum.

Donald Trump ist an diesem Samstag nach Gettysburg gekommen. Ohne zu Zögern leiht sich der republikanische Präsidentschaftskandidat Lincolns Worte für seine eigene Rede – doch klingen sie aus dem Mund des Milliardärs ganz anders: "Wir werden den Sumpf in Washington trockenlegen und ihn mit einer Regierung des Volkes, durch das Volk und für das Volk ersetzen." Trump missbraucht die historische Friedensbotschaft kurzerhand als Werkzeug für seinen hassgetränkten Wahlkampf. In Gettysburg demonstriert der Republikaner wieder einmal: Seine Kandidatur widerspricht den amerikanischen Grundwerten und stellt eine Bedrohung für die Vereinigten Staaten dar. 

Gut zwei Wochen sind es noch bis zur Wahl. Breitbeinig hatte Trump eine Grundsatzrede angekündigt, die ein für alle Mal klarstellen sollte, warum nur er und nicht seine verhasste Rivalin Hillary Clinton das Land führen könne. Doch Trumps 100-Tage-Plan enthält kaum Neues, sondern fasst seine Forderungen der vergangenen Monate nur zusammen. Und liest sich deshalb wie das Destillat seines paranoiden Wahlkampfs.

Nach wie vor plant er, eine Mauer an der Grenze zu Mexiko bauen zu lassen. Illegale Immigranten will er deportieren und Einwanderern aus dem Nahen Osten die Einreise verwehren. Denn: "Die Anderen bekommen das Geld, die Firmen und die Jobs, wir bekommen Drogen und Arbeitslosigkeit." Und: "Radikaler islamistischer Terrorismus wartet an der nächsten Ecke." Trump will Amerika zur Insel machen, abschotten von Feind und Freund gleichermaßen. Auch das ist schon lange klar.

Bemerkenswert ist jedoch, dass Trump alle jene Forderungen so kurz vor der Wahl noch immer mit derselben vehementen Überzeugung vorträgt. Denn alle Umfragen weisen darauf hin, dass Trumps militanter Isolationismus zwar seine ungebildete, weiße Basis begeistert – alle anderen Wähler jedoch verschreckt. In Gettysburg wird deutlich, dass der Milliardär die Hoffnung auf die Stimmen von Minderheiten, Jungen und Frauen längst aufgegeben hat. Sein Schicksal hängt ausschließlich an Amerikas angry white men.

Wer führt in den Umfragen?

Diese Wähler teilen seine Wut auf das Establishment in Washington. Hatte Trump noch während der dritten und letzten TV-Debatte offengelassen, ob er das Wahlergebnis im November überhaupt anerkennen werde, warnt er nun auch in Gettysburg vor einer angeblichen Verschwörung der "unehrlichen Mainstream-Medien". Sein Publikum tobt, als er in die Menge ruft: "Sie sind korrupt, sie lügen und fabrizieren Geschichten, um den Kandidaten, der nicht ihre erste Wahl ist, schlecht und sogar gefährlich aussehen zu lassen." Natürlich meint er sich selbst.

Verliert er im November – und danach sieht es derzeit aus – wird er sich als Opfer des Systems verkaufen. So lange hat er seine Anhänger auf diese Weise schon angestachelt, dass sich immer mehr Amerikaner vor gewalttätigen Ausschreitungen am Tag nach der Wahl fürchten. So tief hat Trump das Land mittlerweile gespalten. Abraham Lincoln würde heulen.

Doch werden Amerikas Wähler in den kommenden Tagen nicht über Trumps Medienschelte oder seine Abschottungspläne diskutieren. Denn der Milliardär schockiert am Samstag mit einem weiteren Horrorszenario: Er werde all die Frauen, die ihn in den vergangen zwei Wochen der sexuellen Belästigung beschuldigt haben, nach der Wahl strafrechtlich verfolgen lassen. "Darauf freue ich mich schon sehr", sagt Trump in Gettysburg. Und stürzt seinen Wahlkampf damit in die nächste Krise.