An diesem historischen Abend im Juni schafft es Judith Kirton-Darling gerade noch so vor den Fernseher. Die Labour-Politikerin ist im dritten Monat schwanger und erschöpft. In ihrem Wahlkreis an der britischen Nordseeküste hat die 39-Jährige an Hunderte Türen geklopft und für den Verbleib in der EU geworben. Jetzt kann sie nichts mehr tun, die Wahllokale sind geschlossen. Kirton-Darling verfolgt die Auszählung des Referendums auf dem Sofa. Die Ergebnisse aus ihrem Wahlkreis sind schlechter, als sie erwartet hatte. Obwohl die Auszählung noch Stunden laufen wird, greift Kirton-Darling zum Telefon. "Ich denke, wir sind draußen", sagt sie zu ihren Mitarbeitern. Eine tiefe Enttäuschung habe sich in ihr breitgemacht, erzählt die EU-Abgeordnete heute.

Auch Jean Lambert geht das so. "Ich fühlte mich krank", sagt die 66-jährige Grünen-Abgeordnete, die in dieser historischen Nacht kein Auge zutat. Am frühen Morgen des 24. Juni ist sie mit den Vorsitzenden ihrer Fraktion im Europaparlament zur Telefonkonferenz verabredet. Just als alle den Hörer abnehmen, zeigt die BBC eine neue Hochrechnung. Der Kommentator sagt, nun gebe es kein Zurück mehr. Die Briten haben beschlossen, die EU zu verlassen. Wut habe sie gespürt, sie spüre sie noch heute, sagt Lambert mit ihrer dunklen, entschlossenen Stimme.

"Ich kann ihre Lügen nicht ertragen"

Lambert und Kirton-Darling sind zwei Frauen, die eigentlich wenig eint: Lambert vertritt seit 17 Jahren das kosmopolitische London im Europaparlament. Sie wollte ihrer Stadt immer eine "grüne Stimme" geben. Kirton-Darling ist Gewerkschafterin aus einer rauen, britischen Arbeiterregion und erst seit zwei Jahren EU-Abgeordnete. Nun gehören beide zu einer aussterbenden Politikerspezies: Sie werden die letzten Abgeordneten sein, die Großbritannien in der EU vertreten. Bis zur Europawahl 2019 will Großbritannien aus dem europäischen Projekt ausgestiegen sein. Wie arbeitet man weiter in einer solchen Situation? Welche Ziele verfolgt man noch?

Straßburg, Anfang Oktober. Die Brexit-Abstimmung ist nun 100 Tage her und Kirton-Darling empfängt in der Members Bar des Europaparlaments. Der Zufall will, dass am Tisch nebenan die Männer von Ukip sitzen, der britischen Unabhängigkeitspartei. Ihre Lacher sind laut, aber Kirton-Darling würdigt sie keines Blickes.

Die Labour-Abgeordnete Judith Kirton-Darling © privat

Kirton-Darling: Ich kann ihre Lügen nicht ertragen. Am Morgen nach dem Referendum ist Nigel Farage ins Fernsehen gegangen und hat das erste Wahlversprechen gebrochen. Plötzlich wollte er nicht mehr garantieren, dass das angeblich gesparte Geld beim Brexit nun an das Gesundheitssystem geht. Ich fand das so schockierend: Die Menschen im Nordosten haben mir im Haustürwahlkampf davon erzählt, für die war das ein wichtiger Grund, für den Austritt zu stimmen.

Seit 30 Jahren subventioniert von der EU

Schon als sich Kirton-Darling 2014 zur Wahl für das Europaparlament stellte, war der Skeptizismus gegen Leute wie sie in ihrer Heimat weit verbreitet. Sie sei, sagt die Labour-Abgeordnete, eine glühende Anhängerin der europäischen Idee. Gerade eine kleine Region wie ihre profitiere von der Staatengemeinschaft. Sie habe dem Nordosten Positivargumente für die EU liefern wollen.

Kirton-Darling:Nordengland ist die strukturschwächste der neun Regionen Großbritanniens.  Der Autobauer Nissan produziert hier, Energie- und Pharmaunternehmen. Doch die Krise des Kohlebergbaus in den Neunzigern macht uns noch immer zu schaffen. Wir haben die höchste Arbeitslosigkeit und Jugendarbeitslosigkeit. Wir profitieren von der EU: Seit 30 Jahren bekommen wir finanzielle Hilfen von der Europäischen Union, 58 Prozent unseres Exports gehen in die EU, 100.000 Arbeitsplätze hängen vom Binnenmarkt ab. Und doch hatten wir dieses Ergebnis: 58 Prozent stimmten für den Brexit.

Warum? Die Labour-Politikerin sieht viele Gründe. Der Nordosten fühle sich von London ignoriert und vernachlässigt, vielen sei es bei ihrer Stimme mehr um Protest als um Europa gegangen. Und andere hätten das Gefühl, dass die EU nur manchen nutzt und eben nicht ihnen. 

Kirton-Darling: Unsere Kollegen aus anderen Ländern reagierten, als wäre bei uns gerade eine schwere Krankheit diagnostiziert worden. Es war eine Mischung aus Traurigkeit, Mitleid und der Erleichterung darüber, dass es sie nicht selbst getroffen hat. Im Parlament läuft die Arbeit normal weiter. Unsere Aufgaben und Arbeitsbereiche in der Fraktion sind von den anderen europäischen Abgeordneten bisher nicht infrage gestellt worden. Ich könnte mir aber vorstellen, dass sich das ändert, wenn die Austrittsverhandlungen offiziell beginnen. Dann werden wir gewollt oder ungewollt auf zwei Seiten stehen. Wir Europaabgeordneten werden auch Lobbyisten für Großbritannien sein und versuchen, das Beste vom europäischen Projekt zu behalten.

Kirton-Darling sitzt für die europäischen Sozialdemokraten im Handelsausschuss des EU-Parlaments. Dort setzt sie sich dafür ein, die Offshorewindparks verschiedener Länder zu vernetzen, damit der Strom besser verteilt werden kann. Das Projekt habe es schon bis in den Europäischen Rat geschafft, erzählt sie stolz. Da auch das Nicht-EU-Land Norwegen dabei ist, hofft sie trotz des Brexits auf ein wichtiges Wirtschaftsprojekt für den Nordosten Englands. Je weiter sie es in der verbleibenden Zeit vorantreiben kann, desto besser sind die Chancen dafür.

Kirton-Darling: Daheim in Nordengland haben wir gerade viele Termine mit Bauern und regionalen Wirtschaftsvertretern. In den Brexit-Verhandlungen wollen wir eine Stimme für unsere Region sein und wir werden uns vehement dafür einsetzen, dass die EU-Subventionen, die wegfallen, durch nationales Geld ersetzt werden. Allein von 2014 bis 2020 sind uns 660 Milliarden Pfund bewilligt worden. Wir wollen über unsere Labour-Abgeordneten in London Druck auf die konservative Regierung machen. Außerdem haben wir eine Umfrage in der Region gestartet, um herauszufinden, was die Bürger umtreibt. Die Leute, die uns antworten, hoffen vor allem, dass wir im Binnenmarkt bleiben, sonst könnte der Nordosten mit seiner exportorientierten Industrie am heftigsten vom Brexit getroffen werden.