Geht es nach den Umfragen, die noch am Donnerstagabend nach der ersten TV-Debatte der konservativen Kandidaten für die französischen Präsidentschaftswahlen gemacht wurden, dann hat Ex-Premier Alain Juppé einen großen Schritt in Richtung Élysée-Palast gemacht: 32 Prozent unter den konservativen Parteianhängern in der Hörerschaft fanden ihn bei der Fernsehdebatte überzeugend, nur 27 Prozent bevorzugten seinen ärgsten Widersacher, Ex-Präsident Nicolas Sarkozy. Im Gesamtpublikum der Sendung lag Juppé sogar mit 35 zu 21 Prozent vor Sarkozy. Damit schien Juppé seine Favoritenrolle, die ihm die Umfragen seit Monaten einräumen, verteidigen zu können. Während Sarkozy, der dringend einen klaren Erfolg benötigte, um das Rennen wieder spannend zu machen, offenbar leer ausging.

Vorausgegangen waren zweieinhalb Stunden politische Diskussion, wie man sie in Deutschland nicht gewohnt ist. Aber in Frankreich, wo die Politiker bessere Entertainer sind, dauern politische Sendungen oft so lange. Diese ging gleich gut los: "Wenn Sie wollen, dass sich nichts ändert, dann finden Sie in diesem Studio alles, was Sie brauchen", begrüßte der 47-jährige Außenseiterkandidat Bruno Le Maire seine Konkurrenten. Damit spielte er auf zwei Jahrzehnte französischer Politik an, in denen die Favoriten Juppé und Sarkozy schon immer ganz vorn in der ersten politischen Reihe standen. Und darauf, dass sich mit ihnen sowieso nichts ändert. Doch natürlich wollten die Altvorderen das Gegenteil beweisen, rasselten Reformpläne mit vielen Zahlen herunter, die sich niemand merken konnte, auch weil sie sich kaum unterschieden.

Spannend wurde es erst zur Halbzeit der Sendung, als Affären und Skandale der Beteiligten auf den Tisch kamen. Hier litt Sarkozy, der mehr als ein juristisches Verfahren wegen Gesetzesbrüchen in seiner Amtszeit am Hals hat. Plötzlich lag seine Sprechzeit, die eine Stoppuhr sekundengenau festhielt, weit vor der seiner Konkurrenten. Aber nicht weil er mehr zu sagen hatte, sondern mehr Affären. Doch auch Juppé musste sich für eine über zehn Jahre zurückliegende Verurteilung wegen illegaler Parteifinanzierung rechtfertigen. "Wer denkt, dass mein damaliger Fehler mich heute noch disqualifiziert, geht mich nicht wählen", reagierte der Favorit ziemlich souverän.

"Ein Land, in dem man gut leben kann"

Gegen Ende der Debatte versuchte Sarkozy, mit seinem radikalen Anti-Terror-Programm zu punkten. Er forderte die "präventive Verhaftung" von Terrorverdächtigen und einen Stopp der Familienzusammenführung für Ausländer. Doch weil seine Stoppuhr ihm kaum mehr Zeit ließ, fiel seine aggressive Rhetorik in diesen Fragen nicht wie erwartet ins Gewicht. Umso klarer konnte Juppé sein Gegenprogramm formulieren: Frankreich als offene Gesellschaft mit vielen Hautfarben, "ein Land, in dem man gut leben kann".

Für die Konservativen, mit Parteinamen Die Republikaner, war die Debatte schon jetzt ein Erfolg. Auf fünf Millionen wurde die Zahl der Fernsehzuschauer geschätzt. Das große innerparteiliche Hauen und Stechen blieb aus. Womit aller Voraussicht nach die Chance gewachsen ist, dass nur ein Konservativer die eigentlichen Präsidentschaftswahlen im nächsten Jahr gewinnen kann.

"Der nächste französische Präsident wird am 27. November gewählt", titelte am Morgen der Debatte die neue Ausgabe des Wochenmagazins Le Point. Das ist der Tag, an dem alle wahlberechtigten Franzosen, die bereit sind, eine Einverständniserklärung mit den Grundwerten der Republikaner zu unterschreiben, den Gewinner unter den Kandidaten bestimmen. Nie zuvor haben sich die französischen Konservativen einer solchen Vorwahlprozedur ausgesetzt. Weshalb auch die Umfragen mit Vorsicht zu genießen sind: Wer dann zur Wahl geht, ist schwer vorauszusagen.