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Lügen gilt in allen Religionen als große Sünde. Besonders schlimm ist es allerdings, wenn ein Priester, ein Rabbiner oder ein Hodscha die Unwahrheit sagt. Lügt aber Fethullah Gülen, der in Pennsylvania wohnende Prediger und Führer der Gülen-Bewegung, wundert mich das nicht. Die türkische Regierung lastet Gülen den Putschversuch vom 15. Juli an. Zu diesem Text veranlasste mich der Versuch Gülens, in einem Interview die Leser der ZEIT in die Irre zu führen. Wir in der Türkei wissen, dass sowohl er persönlich wie auch Polizisten, Staatsanwälte, Richter und Journalisten, die seiner Organisation angehören, seit Jahren die Türkei mit einem Sturm von Lügen und Verleumdungen überziehen. Eine Organisation, die nicht nur die Regierung als "Fethullah Gülen Terror-Organisation" (FETÖ) bezeichnet. Auch ich. Ich weiß, wovon ich rede, denn ich war selbst eines ihrer Opfer.

Mit gefälschten Beweisen und falschen Aussagen machte sie vor einigen Jahren in mehreren spektakulären Prozessen, bei denen vor allem viele Militärangehörige beschuldigt wurden, die Regierung stürzen zu wollen, Tausenden Menschen das Leben zur Hölle (Es war ein Machtkampf der Gülen-Bewegung und der regierenden AKP gegen säkulare Ultranationalisten und Militärs, Anm. d. Red.). Auch Journalisten wie ich kamen ins Gefängnis. Mir wurde wegen meiner Recherchen über das Gülen-Netzwerk ein Prozess gemacht, der immer noch andauert. Dahinter steckten Gülen-treue Ermittler.

DIE ZEIT hat den Prediger im Interview mit meinem Fall konfrontiert.

DIE ZEIT fragt: "Zwei türkische Journalisten, Ahmet Şık und Nedim Şener, hatten über die Durchdringung des Staates durch Ihre Anhänger ein Buch geschrieben und kamen 2011 ins Gefängnis." Gülens Antwort: "Ich kenne die beiden nicht. Seinerzeit gab es über 50 Bücher von Autoren, die die Hizmet-Bewegung (wie die Gülen-Anhänger auch genannt werden, Anm. d. Red.) kritisierten, und niemand sonst kam ins Gefängnis. Warum Şık und Şener? Weil sie Erdoğan kritisierten. Er hatte persönlich dafür gesorgt, dass gegen sie ermittelt wurde."

Nedim Şener © Jan Woitas/dpa

DIE ZEIT hakt nach: "Aber waren es nicht Gülen-Anhänger, die diese Verhaftungen vornahmen?" In seiner Antwort auf diese Frage baut Gülen seine erste Lüge noch aus und behauptete, es sei "Erdoğans Polizei" gewesen.

Die wahre Geschichte sah anders aus. Als investigativer Journalist recherchierte ich 2007 zum Mord an Hrant Dink. (Dink, Chefredakteur der türkisch-armenischen Zeitung Agos, wurde im Januar 2007 von einem jungen Attentäter auf offener Straße in Istanbul erschossen, Anm. d. Red.). In diesen Recherchen stellten sich Polizisten, die zu Fethullah Gülens Organisation gehörten, als Verantwortliche heraus. Ich konnte belegen, dass die Gülen-treuen Beamten von den Mordplänen wussten, ihn aber nicht verhinderten. Warum? Sie brauchten solch aufsehenerregenden Verbrechen, um sich die Unterstützung von Gesellschaft und Politik für ein Mammutstrafverfahren gegen Ultranationalisten, deren Untergrundorganisationen und verbündete Militärs zu sichern. Der Dink-Mord sollte den Vorwand für die Ermittlungen gegen ultranationalistische Gruppen und Militärangehörige liefern.

Heute stehen diese Polizisten im Mordprozess von Hrant Dink, wegen der Fälschung von Beweisen, illegalem Abhören und der Mitgliedschaft in der Gülen-Organisation vor Gericht. Sie sitzen in demselben Hochsicherheitsgefängnis in Silivri bei Istanbul, wo sie einst mich hineingesteckt hatten.

Von 2007 bis 2009 veröffentlichte ich zahlreiche Zeitungsberichte über die zum Gülen-Netzwerk gehörenden Polizisten und ihre Rolle beim Mord an Hrant Dink. Ich schrieb zwei Bücher, in denen ich Dokumente veröffentlichte, die heute als Beweise im Prozess gegen diese Polizisten dienen. Als einziger Journalist werde ich in diesem Prozess aussagen. Ich kann belegen, dass zahlreiche Geheimdienstbeamte, darunter die Gülen-treuen Polizisten Ramazan Akyürek und Ali Fuat Yılmazer, für den Mord an Dink verantwortlich waren. Sie schauten regelrecht zu, als er erschossen wurde.

Wegen meiner Recherchen strengten Akyürek und Yılmazer einen Prozess gegen mich an. Die Staatsanwaltschaft forderte 32,5 Jahre Haft – mehr als für den Mörder von Dink. In dem Verfahren arbeitete die Polizei mit anonymen Hinweisen per E-Mail und fingierten Beweisen, die gegen mich verwendet wurden. Sie beschuldigten mich, dass eigentlich ich Mitglied einer "Terrororganisation" sei. Ja, sie behaupteten sogar, ich plane einen ähnlichen Mord wie den an Dink.