"Trump dreht noch einmal auf", schreiben wir auf ZEIT ONLINE. "Trump hat das Biest von der Leine gelassen", schreibt die Welt. Trump, Trump, Trump. Und dann haben wir auch noch Le Pen, Petry, Gauland und wie sie alle gerade heißen.

Günther Oettinger wollte wohl auch dazugehören, zu den coolen Typen, zu denen, die die Schlagzeilen bestimmen mit ihren Provokationen. Sexismus, Rassismus und Homophobie sind dafür gerade der übliche Weg. Damit zu provozieren ist längst kein Privileg der Unterschichtsjungs mehr mit den seltsamen Frisuren. Und es funktioniert ganz sicher.

Oettinger hatte auf einer Veranstaltung eines Unternehmensverbands in Hamburg chinesische Geschäftsleute "Schlitzaugen und Schlitzohren" genannt, sich über ihre Anzüge mokiert und darüber, dass sie ohne weibliche Kollegen anreisen. Außerdem witzelte er über Mütterrente, Mindestrente, Rente mit 63, Betreuungsgeld und eine "Pflicht-Homoehe" – Themen, die angeblich die deutsche Politik bestimmen.

Er nutzte die übliche Strategie: Im scheinbar geschützten Raum – in seinem Fall nicht in der Umkleidekabine, sondern unter gleichgesinnten Unternehmern – vom Leder ziehen und hinterher sagen: Wir waren doch nur unter uns, und außerdem war das doch gar nicht so gemeint. "Salopp", nennt er es im Nachhinein. Und Respekt habe er doch trotzdem.

Solche verbalen Ausfälle sind zwar manchmal nur inszeniert. Aber sie machen Politiker (und ihre Wähler) dennoch durchschaubarer. Viele sind der diplomatischen Phrasen überdrüssig. Und beide Seiten möchten wissen, woran sie sind. Das gilt übrigens nicht nur für Trump oder Le Pen. Auch Hillary Clinton hat sich auf einer Unternehmerveranstaltung im geschützten Raum geglaubt und über die "bedauernswerten" Trump-Wähler gelästert, Sigmar Gabriel über das "Pack". Das macht sie angreifbar, ja, aber eben auch besser einschätzbar.

Der Unscheinbare und Belächelte

Und Oettinger? Ein Digitalkommissar mit schlechtem Englisch und alberner Virtual-Reality-Brille – der eher Unscheinbare oder sogar Belächelte sorgt nicht zum ersten  Mal für eine kleine Empörung. Im Fall Filbinger war es sogar eine große Empörung. EU-Politik ist nicht sonderlich sexy. Das wird erst recht nicht besser, wenn Oettinger Haushaltskommissar wird. Die Unternehmer haben gelacht, alle haben berichtet – die Provokation hat etwas erreicht.

Im Vergleich mit Trump ist Oettinger allerdings in seinen Äußerungen schwäbisch sparsam: ein Rassismuschen hier, eine Prise Homophobie da. Wohldosiert, um die Karriere nicht zu gefährden. Wir wussten vorher schon, dass der CDU-Politiker eher auf der Seite der Unternehmer als auf der der Alleinerziehenden und armen Rentner steht. Und wahrscheinlich ist er kein Homosexuellen- und Chinesenhasser. Die Provokation bleibt also hier ein Provokatiönchen, Oettinger nur ein Gauländle.

Vielleicht sollten wir uns gar nicht mehr über jede sexistische oder rassistische Äußerung lautstark ärgern. Sondern uns eingestehen, dass Provokationen mit dem politisch Unkorrekten die Politik für viele unterhaltsamer machen. Vielleicht sogar für uns selbst, wenn wir ehrlich sind. Auch wenn der Spaß nur darin besteht, dass wir uns wohlig ekeln und uns unserer eigenen Überlegenheit vergewissern können.