Es gibt ein paar Anzeichen, an denen Amélie Boukhobza das erkennt. Wenn sie beim Patienten tiefe Verachtung spürt, wenn er nicht mehr ihre Hand schüttelt, Kondome für teuflisch erachtet und ihn starke Rachegedanken umtreiben. Dann weiß sie, dass der junge Mann vor ihr gerade dabei ist, sich zu radikalisieren und islamistischen Predigern zu folgen.

Amélie Boukhobza ist seit kurzem die oberste Radikalen-Retterin von Frankreich: Die Psychologin und ihr Team wurden vom Pariser Innenministerium auserwählt, Lehrern, Gendarmen und Sozialarbeitern beizubringen, wie sie erste Anzeichen von potenziellen islamistischen Terroristen erkennen können. Noch in diesem Jahr werden 15.000 französische Staatsangestellte ihre Weiterbildungen besuchen.

Die Frau aus Nizza schlug als eine der ersten Alarm: Seit 2005 betreut Boukhobza in der Mittelmeerstadt junge Männer und Frauen, die arbeitslos sind, die Schule abgebrochen haben oder etwa nach der Scheidung der Eltern in ihrem Leben nicht mehr zurechtkommen. Boukhobza fiel auf, wie sehr ihre Klienten sich von Jahr zu Jahr veränderten, den Staat rundherum ablehnten und bewundernd von terroristischen Anschlägen sprachen. Sie gründete den Verein "entre-autres", der in den schwierigen Stadtteilen Nizzas Juden, Muslime und Christen zusammen bringen wollte.

Ein schwieriges Ziel. "Unsere Jugend will nur noch in ihren eigenen religiösen Gruppen verharren. Wir dürfen nicht tatenlos zuschauen", sagt sie. Inzwischen behandelt sie auch immer wieder Männer und Frauen, die von der Polizei am Flughafen auf dem Weg in den Kampf nach Syrien abgefangen wurden. In Südfrankreich stehen besonders viele Menschen unter Terrorverdacht und hier ist es, wo Boukhobza "für die Republik kämpft", wie sie sagt.

Die Enddreißigerin sitzt kerzengerade, eine seidige Bluse umspannt ihre muskulösen Arme, sie spricht kraftvoll. Sie ist eine Überzeugungstäterin, die sechs Tage in der Woche arbeitet und froh ist, ihr Wissen nun weitergeben zu können.

Boukhobza ist eine große Anhängerin der westlichen Freiheit. Ihre Eltern kamen aus Algerien und Marokko und seien sehr stolz, dass ihre Tochter einen Doktortitel trägt. "Wir müssen uns freuen über die Chancen für Frauen und über eine freie Justiz", sagt sie. "Dafür kämpfe ich." Angst habe sie nur, wenn die radikalisierten Männer, die ihr so vertraut sind, tatsächlich zuschlagen. Als am 14. Juli ein Terrorist in Nizza mit einem Schwerlaster 86 Menschen in den Tod riss, war sie bis ins Mark erschüttert. In jener Nacht machte sie kein Auge zu.

Attentate werden sich häufen

Im Alltag habe sie keine Angst, sagt Boukhobza. Doch ist sie überzeugt davon, dass die islamistischen Gruppierungen Frankreich unterwandern, dass sie ein immer größeres Netz spinnen und inzwischen an wichtigen Stellen an Universitäten, in den Medien und in der Politik unbemerkt ihre Anhänger platzieren konnten. Sie glaubt, dass sich die Attentate in Zukunft häufen und es schwer werden wird, Frankreichs republikanische Werte wie die Gleichheit von Frau und Mann und eine unabhängige Justiz aufrecht zu erhalten.

Vielleicht ist sie selbst von den schwierigen Gesprächen ihrer Arbeit unterwandert, vielleicht haben die vielen radikalen Klienten ihr das Gefühl gegeben, die Nicht-Radikalen seien plötzlich in der Unterzahl. "Ich fühle die Bedrohung", sagt sie. Man kann sich vorstellen, wie künftig Tausende Lehrer, Polizisten und Sozialarbeiter mit düsteren Prognosen aus ihren Fortbildungen gehen.