Über den Schreckensbildern aus Syrien vergessen wir leicht, dass im Mittleren Osten ein zweiter entsetzlicher Krieg tobt. Seit zwei Jahren kämpfen im Jemen die aufständischen Huthi-Milizen gegen die Truppen des gestürzten Präsidenten Hadi. Er will von seinem Exil in Saudi-Arabien aus die Macht zurückerobern.

Die Saudis unterstützen ihn dabei mit Luftangriffen. Sie tun dies mit brutaler Härte. Mindestens 6500 Menschen sind in diesem Krieg bisher gestorben, unter ihnen viele Zivilisten. In der von den Milizen beherrschten Hauptstadt Sanaa hungert die Bevölkerung.

Es gibt wenige Bilder aus diesem Krieg und noch weniger verlässliche Nachrichten. Was stimmt von den Berichten über Luftangriffe auf Märkte, Schulen, Krankenhäuser, Fabriken und Hafenanlagen im Jemen? Als ihm diese Frage gestellt wird, redet sich der saudische General, den wir vergangene Woche in einem Berliner Hotel treffen, in Rage. Das Problem sei die westliche Presse, die über die Lage im Jemen "nur aus der Distanz" schreibe. "Die Leute sitzen in Dubai oder in Kairo, sie bedienen sich bei den sozialen Medien. Wenn sie berichten wollen, dann müssen sie an Ort und Stelle sein!"

Brigadegeneral Ahmed al-Assiri ist Berater des saudischen Verteidigungsministers, zugleich Sprecher der von zwölf Staaten getragenen Operation Restoring Hope. Deren Ziel ist es, die vom Iran unterstützten schiitischen Huthi-Milizen aus Sanaa und den von ihnen beherrschten Landesteilen zu vertreiben.

Vier Tage lang hielt sich der drahtige General in Berlin auf, auch im Auswärtigen Amt schaute er vorbei. Seine Reise hatte vor allem ein Ziel: Die Deutschen vor Illusionen im Umgang mit dem Iran zu warnen. Der dehne seine Macht im gesamten Nahen und Mittleren Osten aus: Libanon, Irak, Syrien und jetzt Jemen – überall sichere sich Teheran mit Hilfe schiitischer Milizen politischen Einfluss.

Al-Assiri nennt es das "Hisbollahmodell". Fünfzigtausend Kämpfer zähle die libanesische Miliz inzwischen. Vom Iran bewaffnet und finanziert kämpfe sie als Söldnerheer in Syrien. Nach dem gleichen Muster operierten die Huthi-Milizen im Jemen. "Wo die Iraner sind, gibt es Probleme", resümiert al-Assiri.

Das Problem habe 1979 mit der Machtergreifung der Ajatollahs in Teheran begonnen, seither versuche der Iran, seine Revolution in alle Welt zu exportieren. Aber Saudi-Arabien – al-Assiri sagt immer nur "das Königreich" – werde den Umsturz in Sanaa nicht hinnehmen. "Wir werden keine Milizen an unserer Hintertür dulden."

Und zu diesem Zweck ist alles erlaubt? Die saudische Luftwaffe halte sich an dieselben Standards, mit denen die Nato in Afghanistan gekämpft habe, antwortet der Brigadegeneral. Eine professionelle Luftwaffe benutze heute Präzisionswaffen, die Ziele genau treffen und zivile "Kollateralschäden" begrenzen könnten. "Aber Fehler werden gemacht, zivile Infrastruktur wird beschädigt. Das ist die Natur des Krieges."

Nur möge man doch bitte diese Schäden mit den Grausamkeiten der Huthis vergleichen! Kinder im Alter von acht bis fünfzehn Jahren würden entführt, müssten Minen räumen und Munition transportieren. Wer sich den Huthis widersetze, dessen Haus werde angezündet, ganze Familien seien dabei verbrannt.

In einem hat der General Recht: Es sind kaum Journalisten an Ort und Stelle, die sich ein eigenes Bild machen können. Aber es fehlen die Fernsehbilder, um die Welt aufzurütteln.

Wäre die Debatte über die Lieferung deutscher Waffen an Saudi-Arabien also noch heftiger, sähe man in den Nachrichten, wie und wo sie eingesetzt werden? Eine Debatte, die inzwischen auch in den Vereinigten Staaten geführt wird. Kongresspolitiker fordern dort schärfere Kontrollen beim Rüstungsexport an das saudische Königshaus.

Ach, die Waffenlieferungen, da muss der General doch lächeln. "Das Königreich ist eines der wenigen Länder auf der Welt, die im Voraus bezahlen. Es gibt einen offenen Markt. Wenn die Amerikaner nicht an uns verkaufen wollen, gehen wir eben woanders hin." Ein Gewehr lasse sich heute so leicht beschaffen "wie eine Flasche Wasser".

Und Deutschland? An der Debatte um die Rüstungsexporte werde das gute Verhältnis gewiss keinen Schaden nehmen. Es gehe doch nur um einen "sehr kleinen Vertrag, eigentlich nichts". Nein, Deutschland sei ein zu wichtiger Verbündeter, um sich deswegen zu zerstreiten. "Unsere Beziehung ist wertvoller als ein kleiner Vertrag über Maschinengewehre."

Sagt’s und macht sich wieder an die politische Landschaftspflege in Berlin.