Es fiel gleich auf, wie schwierig allen Beteiligten der Umgang mit der Nachricht fiel: Kolumbiens Staatspräsident Juan Manuel Santos bekommt den Friedensnobelpreis. In einer ersten Stellungnahme betonte er gleich: Das sei ja im Kern gar kein Preis für ihn als Person, sondern ein "Tribut an das kolumbianische Volk". Na ja, wohl kaum ein Tribut an jene knappe Mehrheit kolumbianischer Wahlgänger, die am Sonntag gegen das große Friedensprojekt von Santos stimmten: eine Einigung mit der Rebellengruppe Farc.

Nach jahrelangen Verhandlungen wollte der Präsident einen Schlussstrich unter mehr als 50 Jahre blutiger Kämpfe ziehen, die das Land zerrissen haben, mehr als 220.000 Tote forderten und mehr als fünf Millionen Kolumbianer aus ihrer Heimat vertrieben. Die Kolumbianer stimmten mit "Nein" beziehungsweise mit massiven Enthaltungen, die auf das Gleiche hinausliefen. Der Gut-gemeint-Preis aus Norwegen ändert daran erst mal nichts.

Natürlich: Der Frieden soll noch gerettet werden. Präsident Santos will sich um Änderungen an dem Vertragswerk bemühen, über das seit 2012 in Verhandlungen auf Kuba gesprochen wird, und eventuell erneut darüber abstimmen lassen. Er lässt einen Waffenstillstand mit den Farc-Truppen weiter gelten – allerdings vorläufig nur bis zum Monatsende, was wohl als symbolpolitische Aufforderung zu verstehen ist, dass alle Seiten sich weiter anstrengen sollen (ganz sicher wird der Waffenstillstand auch über den 31. Oktober hinaus verlängert). Dennoch: Die Entwaffung der Farc-Truppen, die schon ganz konkret vorbereitet war, kommt nun nicht mehr voran. Farc-Truppen wurden dazu aufgefordert, erneut ihre "Verteidigungsstellungen" einzunehmen – zurück in die Berge.

"Im Namen der Farc biete ich ernsthaft das Vergeben an"

Santos' Gegenüber beim Friedensprozess, der Farc-Verhandlungsführer Timoleón Jiménez, gab einen halb beleidigten Kommentar dazu ab, dass er bei den Norwegern leer ausging: "Die einzige Prämie, die wir wollen, ist ein Frieden mit sozialer Gerechtigkeit für Kolumbien ohne Paramilitärs, ohne Racheakte oder Lügen." Der frühere kolumbianische Präsident Álvaro Uribe, der an der Spitze der "Nein"-Bewegung Kolumbiens stand, schickte an seinen Amtsnachfolger und Rivalen Santos eine vergiftete Gratulation: Herzlichen Glückwunsch zum Friedensnobelpreis – aber jetzt müsse bitte dieser Friedensvertrag geändert werden, der der Demokratie des Landes Schaden zufüge.

Da stehen sie drin, dicht und ein wenig verklausuliert: zwei eigentlich unvereinbare Positionen. Die Gegner des kolumbianischen Friedensvertrages, die bei der jüngsten Abstimmung hauptsächlich in den vom Konflikt wenig betroffenen städtischen Zentren saßen, halten die Abmachung mit der Rebellengruppe für eine Zumutung, für einen miserablen Deal. Ihre Anführer sollen nur sehr milde verfolgt werden, und die Farc sollen eine garantierte politische Vertretung erhalten. Haben diese Rebellen nicht Jahrzehnte von Gewalt zu verantworten? Haben sie sich nicht längst von den idealistischen politischen Ideen, die sie einmal umtrieben, entfernt und in Gangsterbanden verwandelt, die Schutzgelder erpressen, im Schmuggel, illegalen Goldgeschäft und Drogenhandel mitmischen?

Farc-Kommandant Jiménez trat für den Geschmack der Gegner vor dem Friedensvotum arg nassforsch auf. Er schien sich selbst für eine Art Friedensengel zu halten, und als er eine Entschuldigung für die Farc-Opfer abgab, klang das merkwürdig: "Im Namen der Farc biete ich ernsthaft das Vergeben an", sagte er – und nicht etwa: "Im Namen der Farc bitte ich um Entschuldigung."

Farc-Kämpfer veranstalteten Partys – allzu sichtbar, frech und fröhlich, bis hin zu Presseinterviews über die modischen Eigenheiten einer Rebellen-Dschungeluniform. Anhänger des Ex-Präsidenten Uribe wiesen darauf hin, dass die Farc doch quasi gar keine Verhandlungsposition mehr hätten: Sie wurden in der Amtszeit Uribes mit amerikanischer Hilfe und massiven Militäreinsätzen sturmreif geschossen und galten als militärisch geschlagen – was übrigens unter dem Friedensnobelpreisträger Santos geschah, der damals Verteidigungsminister war.