Noch gut drei Wochen sind es bis zur Wahl, und in Kalifornien wird man unruhig. Nicht etwa, weil Donald Trump seiner Kontrahentin den Westküstenstaat streitig machen könnte und damit einer Präsidentschaft näher käme. Die Demokraten sind hier traditionell im Vorteil. Es ist eine andere Entscheidung, die hier umkämpft ist: Neben dem Präsidentschaftskandidaten steht auch Proposition 64 auf dem Wahlzettel am 8. November, ein Gesetzesvorschlag, mit dem die Nutzung von Marihuana legalisiert werden könnte.

Sollten die Wähler den Vorschlag annehmen, wäre das ein Triumph für die Gras-Industrie im ganzen Land – schließlich ist Kalifornien der bevölkerungsreichste Bundesstaat der USA. Außerdem wird noch in Arizona, Maine, Massachusetts und Nevada über eine Legalisierung abgestimmt. Der Anteil von Amerikanern, die Marihuana legal und ohne Rezept konsumieren dürfen, könnte damit von fünf auf mehr als 25 Prozent steigen. Die Branche kann das kaum erwarten: "Wir freuen uns darauf, in Kalifornien zu arbeiten", sagt Robert Fichtel, Vorstandschef von General Cannabis, einer börsengelisteten Firma aus Colorado, die Produzenten und Lieferanten in der Branche berät.

Die Unterstützer der Initiativen verweisen gerne auf die Bundesstaaten Colorado und Washington, in denen der Besitz und Konsum geringer Mengen von Marihuana schon 2012 per Referendum legalisiert wurde. Und die erste Zwischenbilanz kann sich tatsächlich sehen lassen. In diesem Jahr sollen die Umsätze der Marihuana-Industrie laut bisherigen Schätzungen allein in Colorado auf eine Milliarde Dollar steigen. 

Steuerfreier Gras-Tag

Für Bundesstaat und Kommunen kamen im Haushaltsjahr 2015 so Steuereinnahmen von fast 70 Millionen Dollar zusammen, knapp 30 Millionen mehr als durch Alkohol. Regionen wie Adams County und Städte wie Aurora nutzten das zusätzliche Geld, um Straßen auszubessern, Obdachlosenheime zu bauen oder Stipendien für Kinder aus Familien unterhalb der Armutsgrenze zu finanzieren. Für einige der Gemeinden, heißt es von offizieller Seite, hätte das Geld einen "riesigen Unterschied" gemacht. Die Einnahmen waren so hoch, dass Colorado seinen Bürgern im September einen steuerfreien Gras-Tag gönnte.

"Colorado ist eine Erfolgsgeschichte", sagt auch Morgan Fox vom Marijuana Policy Project in Washington, D.C. Nicht nur aus Steuergründen. Die weitgehende Legalisierung habe bewirkt, dass die Branche in dem Bundesstaat heute gut reguliert sei. Das habe die Sicherheit für Kunden und Produzenten erhöht. 

Gefängnisindustrie kämpft gegen Legalisierung

Auch wurden vor der Legalisierung vor allem Schwarze und Latinos wegen des Besitzes von Marihuana zu Straftätern, nun ist die Zahl der Festnahmen im Zusammenhang mit Marihuana im Vergleich zu 2010 um mehr als 80 Prozent gesunken. In Arizona, einem der Bundesstaaten, der auch im November abstimmt, lobbyieren derzeit neben der Alkoholbranche nicht zufällig Unternehmen wie die Services Group of America gegen eine Legalisierung – das Unternehmen beliefert Gefängnisse in dem Bundesstaat mit Essen.

© Christopher Furlong/Getty Images
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Auch die Untergangsszenarien, die viele Gegner vor der Entscheidung in Colorado und Washington verbreitet hatten, sind bislang nicht eingetreten. Der befürchtete Anstieg von Marihuana-Konsum unter Jugendlichen etwa blieb aus, anfängliche Probleme mit versehentlichen Überdosierungen beim Konsum von essbaren Cannabis-Produkten sind stark zurückgegangen, nachdem Beschriftungen und Verpackung verändert wurden, um auf das Risiko hinzuweisen. "Das waren Wachstumsschmerzen", sagt Jonathan Caulkins von der Carnegie Mellon University, der die Branche seit Jahren beobachtet.

Der Erfolg von Colorado hat dafür gesorgt, dass die Chancen für eine weitere Legalisierung im November gut stehen. Die Zustimmung in Kalifornien liegt derzeit bei knapp 60 Prozent, Umfragen sagen einen Sieg der Befürworter in allen fünf Bundesstaaten voraus. Das hätte weitreichende wirtschaftliche Folgen: Allein im kalifornischen Emerald Triangle, dem jetzt schon größten Cannabis-Anbaugebiet, würde laut Schätzungen ein Markt von elf bis 13 Milliarden Dollar entstehen. Ein Sieg der Bewegung in Kalifornien dürfte außerdem den Druck auf die Regierung in Washington D.C. deutlich erhöhen, auch das nationale Verbot innerhalb der nächsten zehn Jahre aufzuheben, sagt Caulkins.