ZEIT ONLINE: Herr Di Maio, Ihre Fünf-Sterne-Bewegung spricht eine radikal-revolutionäre Sprache. Laut Umfragen könnten Sie die nächste Parlamentswahl in Italien gewinnen. Muss man vor der Fünf-Sterne-Bewegung Angst haben?

Luigi Di Maio: Wir sind nicht Teil jener politischen Kräfte, die in Europa in der letzten Zeit entstanden sind. Weder erkennen wir uns in der linken spanischen Bewegung Podemos wieder, noch in der Alternative für Deutschland. Im Gegenteil, wir können sehr viel mit der Politik traditioneller politischer Regierungsparteien anfangen. Ich denke zum Beispiel an die Green Economy oder an die Kreditanstalt für Wiederaufbau der deutschen Regierung. Die traditionellen Parteien in Italien nehmen solche Positionen aber gar nicht ein.

ZEIT ONLINE: Weder AfD noch Podemos, das bedeutet weder rechts noch links?

Di Maio: Ja, das ist unsere Stärke. Wir sind übergreifend. Wir haben Positionen, die links erscheinen mögen. Zum Beispiel denken wir – ohne Vorurteile gegenüber dem Markt zu haben –, dass die Grundversorgung wie etwa mit Wasser, die Gesundheit und die Sicherheit vor der Logik des Marktes geschützt werden müssen. Der Staat muss da eine aktive Rolle spielen. Gleichzeitig wollen wir die Steuern senken, indem wir die Steuerflucht bekämpfen. Das soll Unternehmen entlasten. Das wiederum kann rechts erscheinen.

ZEIT ONLINE: Das klingt gemäßigt, nur warum ist dann in Ihrer Bewegung immer wieder von Revolution und Umsturz die Rede?

Di Maio: Es gibt diese radikalen Töne. Aber ich lade Sie ein, den Italienern zuzuhören. Die Armutsgrenze liegt in Italien laut Eurostat bei 780 Euro Einkommen im Monat. Zehn Millionen Italiener leben unter der Armutsgrenze. Und wir haben keine sozialen Sicherheitssysteme, die mit jenen Deutschlands zu vergleichen sind.

ZEIT ONLINE: Sind Sie eine Antisystempartei?

Di Maio: Wir sind gegen eine bestimmte Art der Politik, aber wir sind nicht gegen die Institutionen. Ich habe auch keine Vorurteile gegenüber Parteien an sich, aber ich bin gegen die Parteienherrschaft, die sich bei uns etabliert hat. Ich spreche gerne von einer freundlichen Revolution. Wir wollen die Institutionen nutzen, um Italien zu reformieren. Wir sind das Produkt einer Epoche in der – hier in Italien – die Rechte wie die Linke gescheitert sind. Rechts, das war Silvio Berlusconi, der nur seine persönlichen Interessen verfolgte. Die Linke hat immer dann, wenn sie Berlusconi hätte stürzen können, mit ihm einen Pakt geschlossen. Wir sind Kinder dieser Zeit. Wir richten uns gegen diese Parteienherrschaft.

ZEIT ONLINE: Sind Sie die Interpreten des Zornes des italienischen Volkes?

Di Maio: Ich glaube, das wäre verkürzt, wenn wir nur an den Zorn der einzelnen Person denken. Wenn wir aber vom Zorn als Enttäuschung über die Reformunfähigkeit dieses Staates sprechen, dann ja, dann interpretieren wir diesen Zorn. Aber wir sind eine Bewegung, die klare Grundwerte hat und die Vorschläge macht. Ich bin im Jahr 2007 Mitglied der Fünf-Sterne-Bewegung geworden, weil die Bewegung den Vorschlag machte, dass Vorbestrafte für keine politischen Ämter mehr kandidieren dürfen und das politische Mandat auf zwei Legislaturperioden beschränkt werden sollte. Ich bin beigetreten, weil es konstruktive, gute Vorschläge gab.

ZEIT ONLINE: Ihre Bewegung möchte ein Referendum über den Euro abhalten. Warum?

Di Maio: Die Italiener sind nie gefragt worden, ob sie den Euro möchten oder nicht. Wir wollen mit einem nicht bindenden Referendum die Debatte über Alternativen zum Euro anregen. Es wird ja bereits über solche Alternativen gesprochen, Nobelpreisträger, Unternehmer, Politiker reden darüber ...

ZEIT ONLINE: Aber wenn es diese Debatte bereits gibt, warum wollen Sie dann ein Referendum abhalten?

Di Maio: Wir kennen nur Umfragen, aber ich will wissen, was die Italiener sagen, wenn sie wirklich gefragt werden. Eine Abstimmung über den Euro würde auch die Debatte über die EU insgesamt fördern – und das ist nötig.

ZEIT ONLINE: Es gibt Kräfte, die die EU zerstören wollen, und solche, die die EU bewahren und reformieren wollen. Wo steht Ihre Bewegung?

Di Maio: Wir haben nie verlangt, dass Italien aus der EU ausscheiden soll. Wir wollen die EU reformieren.

ZEIT ONLINE: Aber im Europaparlament sitzen Ihre Abgeordneten in einer Fraktion mit der britischen Ukip. Sie teilen sich den Fraktionsvorsitz mit Nigel Farage. Farage will die EU zerstören.

Di Maio: Als bei der Konstituierung des Parlaments die Europäische Hymne gespielt wurde, haben unsere Abgeordneten die Hymne mit der Hand am Herzen gesungen. Die Abgeordneten der Ukip haben sich demonstrativ umgedreht. Wir sind in dieser Gruppe, weil wir die direkte Demokratie voranbringen wollen. Die Fraktion heißt Europa der Freiheit und der Direkten Demokratie. Viele andere Ideen teilen wir nicht, auch nicht die, die EU zerstören.