Die Ostukraine war einst ein Zentrum der Schwerindustrie. Heute herrscht ein latenter Krieg, die Region ist verarmt, der Landesteil Richtung Russland wird von Separatisten beherrscht. Doch es ist nicht alles eine Katastrophe, es gibt auch Wandel und Erneuerung. Unterwegs in Luhansk und in den von der Ukraine kontrollierten Gebieten von Donezk

I.

Der Waffenstillstand entlang der sogenannten Kontaktlinie ist brüchig. Nach wie vor gibt es Artilleriefeuer. Die ukrainische Seite versichert, dass sie die Vereinbarungen über den Rückzug schwerer Waffen nachkommt. Im Unterschied zur anderen Seite hätten die Inspektoren der OSCE vollen Zugang zu ihren Stellungen. Wir besichtigen einen Straßenzug in Schastye, einem Vorort von Luhansk: mit Brettern vernagelte Fenster, Einschusslöcher an den Fassaden, zerstörte Balkone. Der Ort wurde am 30. August beschossen. Es gab Verletzte, eine Frau wurde in ihrer Wohnung getötet. Sie hinterließ einen achtjährigen Sohn und einen kriegsversehrten, schwer traumatisierten Ehemann. 

In einem Pavillon zwischen den Wohnblocks sitzen Rentnerinnen zusammen, ärmlich gekleidet, Plastiktüten auf den Stühlen. Sie singen unermüdlich Volkslieder. Wir sprechen mit einer der Frauen. Sie lebt allein, der Mann ist schon länger tot, ihre Tochter sei an einem Herzschlag gestorben, als um den Ort gekämpft wurde, ihr Sohn lebt weit entfernt in Murmansk in Russland. Das Leben sei schwer, aber die Rente werde pünktlich bezahlt, sie kommt über die Runden. Mit Politik will sie nichts zu tun haben. Sie traut keiner Seite, will nur noch, dass der Krieg endlich aufhört. In ihren Augen stehen Tränen.

II.

Gespräch mit zwei ukrainischen Soldaten, die beide aus der Gegend kommen. Einige Kämpfer auf der anderen Seite kennen sie persönlich – "Wir sind zusammen aufgewachsen. Heute betrachten wir uns gegenseitig als Verräter." Mich erinnert das an den Krieg in Bosnien, als von einem Tag auf den anderen Nachbarn und Kollegen zu Feinden wurden. Ich frage, wie hoch der Anteil von Kämpfern aus der Region auf der anderen Seite ist. Maximal 25 Prozent, lautet die Antwort. Die große Mehrzahl seien entweder Freischärler aus Russland oder Soldaten der russischen Armee. 

Ende August 2014, als die ukrainische Armee dabei war, die Kontrolle über den Donbass zurückzugewinnen, starteten reguläre russische Kampfverbände eine massive Gegenoffensive. Ukrainische Truppen, die auf dem Weg nach Donezk die Stadt Ilowajsk befreit hatten, wurden eingekesselt und von russischen Panzern und Artillerie zusammengeschossen. 

Die ukrainische Armee hat sich seither konsolidiert. Sie ist professioneller geworden, besser ausgebildet und besser geführt. Dennoch bleibt sie ihren Gegnern waffentechnisch unterlegen. Es fehlt vor allem an Aufklärungssystemen, Nachtsichtgeräten und Kommunikationstechnik. Dass die EU nicht bereit ist, solche Systeme zu liefern, versteht hier keiner. Sie würden die täglichen Verluste auf Seiten der Ukraine vermindern und die Schwelle für weitere Attacken der (pro)russischen Kräfte deutlich erhöhen.

III.

Wie in anderen Gebieten entlang der Frontlinie ist in Schastye das ukrainische Fernsehen nur per Satellit zu empfangen. Die Mehrzahl der Bevölkerung schaut Fernsehprogramme aus Russland oder den besetzten Gebieten. Während die russische Führung Milliarden in den Ausbau ihres Propagandanetzwerks steckt, fehlen der Ukraine die finanziellen Ressourcen und die internationalen Verbindungen, um wirksam gegenzuhalten. Zivilgesellschaftliche Initiativen wie das Medienzentrum in Sjewjerodonezk bemühen sich um Gegenöffentlichkeit. Für einen nachhaltigen Wandel der politischen Kultur im Donbass sind solche Projekte elementar wichtig. Sie stehen für kritische Öffentlichkeit, unabhängige Information und politischen Pluralismus. All das ist neu in dieser Region, die immer noch von sowjetischen Machtstrukturen und Mentalitäten geprägt ist.

IV.

Eigeninitiative, Kritik und demokratische Kontrolle der wirtschaftlichen und politischen Machthaber waren in dieser Welt nicht vorgesehen. Bei früheren Wahlen erhielten Parteien des alten Systems – Janukowitschs "Partei der Regionen" und Kommunisten – eine überwältigende Mehrheit der Stimmen. Sie verfügten über die "administrativen Ressourcen"und waren Nutznießer der paternalistischen Strukturen, in denen die örtlichen Potentaten vorgaben, was ihre Untergebenen wählen sollten.