Der jüngste Steuerskandal um Apple löst entlang des gesamten politischen Spektrums Kopfschütteln aus. Dabei ist er nur das jüngste Beispiel für unternehmerisches Fehlverhalten. Dass es wieder zu solchen Auswüchsen kommen konnte, liegt daran, dass Politiker und Aufsichtsbehörden auf beiden Seiten des Atlantiks entweder ihre Arbeit nicht ordentlich gemacht oder aktiv zu einer Kultur verantwortungsloser Großunternehmen beigetragen haben.

Lassen wir einige Schlagworte noch einmal Revue passieren: Panama Papers, Libor-Manipulationen, Bear Stearns, Luxemburg-Leaks, VW-Abgasskandal … Und jetzt auch noch Apple. Angeblich hat dieser Liebling des Silicon Valley eine Art steuerfreies Bermudadreieck betrieben. Seine Gewinne soll das Unternehmen durch einen nur auf dem Papier existierenden Firmensitz in Irland geschleust haben, wo der Konzern illegale Steuervorteile genoss. Vergangenes Jahr hat Apple offenbar eine Unternehmenssteuer von gerade einmal 0,005 Prozent bezahlt. Das entspricht kümmerlichen 50 Euro Steuern pro einer Million Euro Gewinn. 50 Euro, das reicht nicht einmal für einen Kelch aus feinem irischen Waterford-Kristall. Die Europäische Kommission fordert von Apple nun Steuernachzahlungen in Höhe von 14,5 Milliarden Euro – eine Summe, die in etwa dem Bruttoinlandsprodukt von Ländern wie Island und Zypern entspricht.

Nun wird eine dringend nötige Debatte über die "Gewinner und Verlierer der Globalisierung" geführt. Dabei haben wir das Epizentrum des Erdbebens wiederentdeckt, das eine Demokratie, die ihren Namen verdient hat, nicht ignorieren kann. Die Globalisierung hat einen hemmungslosen Steueroasentourismus der Reichen angestoßen. Wer will denn nicht Steuerzahlungen vermeiden? Aber nur Wohlhabende mit Sonderinteressen können sich die Anwälte und die Buchhalter leisten, die wissen, wie man Geld versteckt oder in Länder mit geringen Steuern umschichtet. Das Problem ist nicht nur der Verlust an Steuereinnahmen, der die nationalen Steuersäckel leert und die Möglichkeiten der Regierungen schmälert, effektive Dienstleistungen anzubieten. Sondern diese Skandale machen auch das Konzept der Fairness zum Gespött. Denn sie fördern den Eindruck, dass sich ein kleiner Kreis von Insidern das System zu seinen eigenen Gunsten zurechtgebogen hat.

Diese Stimmung wiederum hat den Aufstieg von Politikern wie Donald Trump und Parteien wie der AfD begünstigt – aber auch das Brexit-Votum. Sind die wirtschaftlichen Zeiten hart und empfinden die Menschen die Situation als ungerecht, profitieren populistische Kandidaten und Parteien. Der Durchschnittslohn in den USA stagniert seit mehreren Jahrzehnten und seit dem wirtschaftlichen Kollaps von 2008 kontrollieren die reichsten zehn Prozent der Amerikaner drei Viertel des nationalen Vermögens.

Die Unternehmensgewinne sind so hoch wie nie zuvor und gleichzeitig sind US-Firmen mittlerweile extrem versiert darin, ausländische Mantelgesellschaften zu gründen. Neben Apple haben auch Unternehmen wie Walmart, Microsoft, Pfizer, Google, General Electric und ExxonMobil über 2.000 Milliarden Dollar an unversteuerten Gewinnen in Offshore-Steueroasen geparkt – während sie gleichzeitig in den Genuss von 11.000 Milliarden Dollar an staatlichen Darlehen, Finanzspritzen und Kreditgarantien kamen. Für die größten Unternehmen liegt der effektive Steuersatz bei unter 13 Prozent – niedriger als für die meisten Mittelklassefamilien. Betrug der Anteil der Unternehmen an den amerikanischen Steuereinnahmen 1952 noch 33 Prozent, sind es heutzutage nur noch elf Prozent. Die US-Firmen haben aufgehört, ihr Geld wieder in Amerika zu investieren.

Der Fall Apple verblüfft besonders durch seine Dreistigkeit, aber ähnliche Steuerschlupflöcher gibt es auch in anderen EU-Mitgliedsstaaten. Laut einem Bericht von Oxfam International sind die Niederlande der "ungekrönte europäische Champion, wenn es darum geht, Unternehmen vor dem Zahlen von Steuern zu bewahren". Nur Belgien und Zypern liegen auf vergleichbarem Niveau. Im selben Bericht heißt es, dass Deutschland beträchtliche Steuereinnahmen von US-amerikanischen Multis entgehen, weil diese ihre Gewinne woanders abführen. Vor einigen Jahren schätzte der Economist, dass weltweit atemberaubende 20.000 Milliarden Dollar an Steuereinnahmen verschwunden sind – ein Betrag, der größer ist als die Wirtschaftsleistung der USA oder der Europäischen Union.

Das sind schockierende Summen. Im Vergleich zum Ausmaß der Steuerausfälle durch Großkonzerne nehmen sich die Versuche der Regierungen, ihre Haushalte mit höheren Individualsteuern zu sanieren, wie Oberflächenkosmetik aus. Wie antwortete der amerikanische Gangster Willie Sutton auf die Frage, warum er Banken ausraubt: "Weil dort das Geld ist!" Tja, das Geld steckt tatsächlich hier, in diesem internationalen schwarzen Loch. Multinationale ultrareiche Konzerne sind Großmeister darin, die Steuerpolitik des einen Landes gegen die eines anderen auszuspielen. Diese Abwärtsspirale zählt zu den schädlichsten Folgen der Globalisierung.

Weil die großen, transnationalen Konzerne sich nach Belieben den besten Steuerdeal herauspicken können, wurden die Steuerlasten auf sogenannte nicht mobile Faktoren verlagert, insbesondere auf Einkommen von Arbeitnehmern, sagt Andrew Watt von der Hans-Böckler-Stiftung. Den nationalen Regierungen fällt dann die Aufgabe zu, ausreichend Mittel für die Sozialleistungen zusammenzukratzen, die den Verlierern der Globalisierung zukommen.

Wenn die Kommission also hart gegen Apple (und Irland) durchgreift, macht sie sich stark für eine andere Form von Wirtschaftspolitik als die, die 2008 kollabiert ist. Einige Kritiker werfen Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker Scheinheiligkeit vor, schließlich habe er in seiner Zeit als Ministerpräsident und Finanzminister Luxemburgs eine ähnliche Steuerpolitik verfolgt wie die Iren. Diese Kritik ist berechtigt, aber manchmal ist der beste Reformer ein Saulus, der zum Paulus geworden ist.