Wer heute aus dem krisengeschüttelten Europa nach Südkorea kommt, findet auch dort ein Land in tiefster Krise vor. Es ist eine Doppelkrise: der Wirtschaft und zugleich der Sicherheitspolitik. Dabei geht es um zwei explosive Themen – und "explosiv" ist sowohl bei dem Samsung-Desaster wie bei der bedrohlichen Zuspitzung des Nord-Süd-Konflikts ganz wörtlich zu nehmen.

Der Konzernriese Samsung ist einer der stärksten Pfeiler der koreanischen Wirtschaft. Der Produzent von elektronischen Geräten, Halbleitern, LCD-Displays, Weißwaren und Schiffen erwirtschaftet ein Fünftel der koreanischen Exporte; fast ebenso hoch ist sein Anteil am Bruttoinlandsprodukt der Republik Korea. Ein entscheidend wichtiger Konzernteil ist dabei Samsung Electronics mit seinem Marktwert von 200 Milliarden Dollar und einem Absatz 2015 im Wert von 177 Milliarden. Jährlich produziert Samsung Electronics 300 Millionen Smartphones. Jetzt aber ist der Erfolgstraum geplatzt.

Im August war das hochgelobte neue Smartphone Galaxy Note 7 vorgestellt worden; Ende des Monats kamen die ersten Meldungen, dass es  – Verkaufspreis 900 Dollar – leicht überhitzt oder in Flammen aufgeht. War die Lithium-Batterie schuld, mit der auch Sony, Dell und Boeing schon Schwierigkeiten hatten, oder war die Software defekt? Lag es an der Zuliefererkette oder an mangelnder Qualitätskontrolle? Hatte man übereilt der Einführung von Apples neuem iPhone 7 im September zuvorkommen wollen und war daher leichtfertig geworden?

Die Wirkung war katastrophal. Umso mehr, als auch bei dem von Samsung angebotenen Ersatzgeräten gleich die ersten Fälle von Selbstentzündung gemeldet wurden und die Unternehmensleitung sich unverständlich viel Zeit ließ, bis sie am Dienstag voriger Woche die Produktion des Galaxy Note 7 einstellte. Längst hatten mehrere Fluggesellschaften ihre Flüge mit der Ansage begonnen, das Gerät dürfe weder eingeschaltet und im Flugmodus benutzt noch aufgeladen werden – eine Negativwerbung sondergleichen. Zudem erinnerten die Zeitungen daran, dass Samsung vor drei Jahren erst in Australien 150.000 Waschmaschinen wegen Brandgefahr hatte zurückrufen müssen. Waren daraus keine Lehren gezogen worden?

Wie weit ist das nordkoreanische Atomprogramm?

Das Debakel mit dem Brand-Handy kostet Samsung in den nächsten sechs Monaten 5,3 Milliarden Dollar, davon 3 Milliarden an entgangenem Gewinn, 2,3 Milliarden für die Kosten des Rückrufs. Der Aktienwert des Unternehmens fiel nach dem Produktionsstopp vorige Woche um 8 Prozent. Und schon im September gingen die koreanischen Handyexporte um 34 Prozent zurück – ein Hinweis darauf, dass nicht nur Samsungs Ansehen und Zukunft auf dem Spiel stehen, sondern auch ein gewichtiger Teil der koreanischen Volkswirtschaft, deren Wachstum 2017 die Regierung auf 3 Prozent schätzt, unabhängige Institute jedoch bloß 2 bis 2,2 Prozent veranschlagen.

Ein Unglück kommt freilich selten allein. Zur wirtschaftlichen Krise Südkoreas gesellt sich eine brandgefährliche sicherheitspolitische Krise, ausgelöst durch den unerbittlichen Ausbau des nordkoreanischen Atomarsenals. Sie könnte einen Weltenbrand auslösen.

Die Nordkoreaner haben in diesem Jahr ihren vierten und fünften Atomversuch durchgeführt, mehrere Raketen aus U-Booten abgeschossen und mehrfach Mittel- und Langstreckenraketen getestet. Nach südkoreanischer Einschätzung besitzt der Norden inzwischen 13 bis 21 Atomsprengköpfe. Chun Young Ki von der angesehenen Tageszeitung JoongAng Ilbo meint, der Norden werde schon binnen sechs Monaten so weit sein, dass er Kernwaffen gegen die Vereinigten Staaten einsetzen könne. Sein früherer Chefredakteur Kim Young Hee ist demgegenüber der Ansicht, dass es zwei bis drei Jahre dauern werde, bis die Sprengköpfe ausreichend miniaturisiert sind und die Raketen beim Wiedereintritt in die Atmosphäre nicht verglühen. Wie immer dem sei – viel Zeit bleibt nicht mehr.