Syriens Machthaber Baschar al-Assad und sein Verbündeter Russland fliegen seit Wochen die heftigsten Luftangriffe auf Aleppo seit Beginn des Syrien-Krieges. Bei den Angriffen auf den belagerten Ostteil der Stadt werden auch Brandbomben eingesetzt. Viele Menschen kommen jeden Tag ums Leben. Die Lage für die rund 280.000 eingeschlossenen Zivilisten wird immer verzweifelter. Sie haben seit Wochen keinen Zugang zu Trinkwasser, Lebensmitteln, Medikamenten und Strom. Nun hat Russland für Donnerstag eine mehrstündige Waffenruhe für Ost-Aleppo angekündigt. Seiner Vorstellung nach soll diese von den Einwohnern dazu genutzt werden, die Stadt zu verlassen.

Anfang Februar dieses Jahres hatte uns der syrische Journalist Zouhir al-Shimale aus dem von Rebellen kontrollierten Bezirk Saif al-Dola in Aleppo geschrieben. Seither stehen wir in regelmäßigem Kontakt. In den vergangenen Tagen hat er uns erneut eine lange E-Mail geschrieben, die wir hier veröffentlichen.  

"Ich stehe gerade vor einer sehr schweren Entscheidung. Es heißt, dass sich Assads Armee am Donnerstag für ein paar Stunden aus Ost-Aleppo zurückziehen wird, damit die Rebellen fliehen können. Für uns Zivilisten sollen angeblich sechs Korridore geöffnet werden.

Der Journalist Zouhir al-Shimale © privat

Ich weiß nicht, was ich davon halten soll. Ob ich versuchen soll zu fliehen oder nicht. Hier werde ich wohl nicht mehr lange am Leben bleiben. Die bewaffneten Kämpfer werden Ost-Aleppo ganz sicher nicht verlassen, sondern sich weiter hier verschanzen. Sie werden kämpfen bis zum Ende, genau wie Assad und seine Verbündeten. Nach der Waffenruhe werden die Kämpfe noch aggressiver werden. So war es bisher immer.  

Doch ich habe auch Angst vor der Flucht, vor den vielen Gefahren, vor der Ungewissheit. So oder so: Der Horror nimmt kein Ende. 

Die Tage in Aleppo werden immer düsterer. Es gibt nichts mehr in dieser Stadt. Alles ist tot, die Menschen, die Luft, die wir jeden Tag einatmen. Sie ist voller Rauch von den unzähligen Bomben, die jeden Tag auf uns niedergehen. Man sieht kaum noch Menschen auf der Straße, die meisten Häuser in meiner Straße sind leer und zerstört. Es scheint Monate her zu sein, seit ich einfach so durch mein Viertel gelaufen bin. 

Falls ich überhaupt das Haus verlasse, gehe ich nicht mehr weit. Man kann sich kaum noch durch die Straßen bewegen. Überall versperren Trümmerteile und verkohlte Autowracks den Weg. Jeden Morgen sehe ich neue Häuser, Shops, Marktstände, die in Teile zerbombt oder in einen Ascheberg verwandelt worden sind. Mein Viertel ist eine Mischung aus Kratern und Häuserruinen, aus Schutt, Staub und Asche.

Aus den meisten Wohnungen sind die Fenster herausgebrochen, die Türen hängen lose in den Rahmen. Es ist kinderleicht, in die Wohnungen einzubrechen. Aber das tut sowieso niemand. Es gibt ja nichts mehr zu holen, das meiste ist zerstört, viele Wohnungen sind verwaist.

Jetzt, während dieser Offensive, verspüre ich eine Angst wie nie zuvor. Ich habe mich an das ständige Bombardement gewöhnt, an den Lärm der kreisenden Hubschrauber, das Getöse der Kampfjets. Ich war zuletzt ziemlich abgehärtet. Aber jetzt hat sich unsere Lage noch einmal immens verschlechtert.

Aleppo in Syrien

Aleppo liegt im äußersten Nordwesten Syriens. Die Türkisch-Syrische Grenze ist ca. 45 km entfernt.

Das Assad-Regime und seine russischen Verbündeten bombardieren uns auf eine Weise, die an Grausamkeit kaum noch zu überbieten ist. Wir sehen nur noch Blut und Verwüstung. Sie nutzen jetzt brandneue Bomben, die Bunkerbrecher. Ich habe viele davon erlebt und kann sagen: Das sind die schlimmsten Waffen, die Menschen je entwickelt haben. Sie zielen darauf, die Keller zu zerstören, unter die Erde zu gelangen, dorthin, wo wir uns eigentlich vor den Bomben verstecken sollen. Jetzt sind wir nirgends mehr sicher.

Am Anfang setzten sie die Bunkerbrecher nur vereinzelt, fast zögerlich ein. Vielleicht fürchteten Assad und Putin die Reaktionen des Westen, denn das Ziel dieser Waffen ist klar: Sie zerstören auch Krankenhäuser und Versorgungsstationen im Untergrund und nehmen so gezielt den Tod vieler Zivilisten in Kauf. Der Westen verurteilte zwar das brutale Vorgehen und forderte ein Ende der Bombardierungen. Doch Konsequenzen folgten keine. Deshalb verstärkten sie zuletzt die Angriffe. Jetzt attackieren sie alles und jeden.

Erst vor ein paar Tagen bombardierten sie wieder ein Krankenhaus. Es war der zweite Angriff auf das gleiche Krankenhaus. Das Gebäude war wegen des vorherigen Phosphorangriffes schon zur Hälfte abgebrannt und ist gerade erst wieder aufgebaut worden. Beim letzten Angriff waren sechs Pfleger und zwei Ärzte verletzt worden. Das Krankenhaus ist nun erneut außer Betrieb.

Wegen der Bunkerbrecher laufe ich bei einem Angriff nicht mehr wie sonst instinktiv in den Keller eines Gebäudes. Ich habe Angst, dass mich die schweren Trümmerteile des einstürzenden Hauses in Stücke reißen und unter sich begraben würden. Unter dem Schutt würde niemand jemals meinen verrotteten, verdrehten Körper finden und herausziehen und ihn in ein normales Grab legen. Ich will mich nicht mehr verstecken. Die Vorstellung, unter einem einstürzenden Haus begraben zu werden, ist einfach zu schrecklich.