Der Chefredakteur der regierungskritischen Tageszeitung Cumhuriyet, Murat Sabuncu, und vier weitere Journalisten sind in der Türkei festgenommen worden. Die Staatsanwaltschaft habe die Festnahme von insgesamt 14 Mitarbeitern des Blattes angeordnet, berichtet die Zeitung. Darunter sei der Vorstandsvorsitzende Akın Atalay. Außerdem sei Ex-Chefredakteur Can Dündar, der sich in Deutschland aufhält, zur Fahndung ausgeschrieben worden. Dündars Haus in Istanbul sei durchsucht worden. Auch andere Betroffene wurden demnach nach Razzien in deren Zuhause in Gewahrsam genommen.

Cumhuriyet veröffentlichte die Mitteilung der Staatsanwaltschaft. Darin wird der Zeitung beschuldigt, die verbotene kurdische Arbeiterpartei PKK und die Bewegung des Predigers Fethullah Gülen unterstützt zu haben. Zwar werde den Mitarbeitern von Cumhuriyet keine Mitgliedschaft in der Gülen-Bewegung oder der PKK vorgeworfen, doch gebe es "Behauptungen" und "Beweise", dass die Verdächtigen kurz vor dem Putschversuch am 15. Juli Inhalte veröffentlicht hätten, die den Aufstand legitimieren sollten.

Die Regierung beschuldigt Gülen, für den Putschversuch gegen Staatspräsident Recep Tayyip Erdoğan Mitte Juli verantwortlich zu sein. In der Türkei ist Gülens Bewegung – wie auch die PKK – als Terrororganisation eingestuft.

Die Redakteure der Zeitung schreiben in der aktuellen Ausgabe: "Der Putsch gegen die Demokratie hat die Zeitung Cumhuriyet erreicht." Die Staatsanwaltschaft habe beschlossen, den Festgenommenen fünf Tage lang den Kontakt zu Anwälten zu untersagen. Dies ist aufgrund der derzeit in der Türkei geltenden Notstandsdekrete möglich. Verdächtige müssen außerdem erst nach 30 statt bislang vier Tagen in Polizeigewahrsam einem Haftrichter vorgeführt werden.

Die Zeitung war erst im September mit dem Alternativen Nobelpreis ausgezeichnet worden. Die Right-Livelihood-Award-Stiftung hatte zur Begründung mitgeteilt: "Zu einer Zeit, in der die Meinungsfreiheit in der Türkei zunehmend bedroht ist, beweist die Cumhuriyet, dass die Stimme der Demokratie nicht zum Schweigen gebracht werden kann."

"Wir werden gemeinsam kämpfen"

Mitarbeiter von Cumhuriyet berichteten, der türkische Oppositionsführer Kemal Kılıçdaroğlu habe am Montag bei der Zeitung angerufen und angekündigt: "Wir werden gemeinsam kämpfen." Auch international gab es Kritik wegen der Festnahmen. Die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa verurteilte die Festnahmenals einen "neuen Schlag gegen die Pressefreiheit in der Türkei". Der Präsident des Europäischen Parlaments, Martin Schulz, sagte, erneut sei in der Türkei eine rote Linie bezüglich Meinungsfreiheit überschritten worden. Der Sprecher von Kanzlerin Angela Merkel, Steffen Seibert, sagte, Pressefreiheit sei zentral für jeden demokratischen Rechtsstaat.

John Dalhuisen, Europa-Direktor von Amnesty International, teilte mit, die Festnahmen seien ein systematischer Versuch, alle kritischen Stimmen zum Schweigen zu bringen. Die Razzien seien ein eklatanter Missbrauch der Notstandsermächtigung.

Oppositionelle Politiker kamen vor den Büros der Zeitung in Ankara und Istanbul zusammen, um Solidarität zu zeigen. Hunderte Demonstranten riefen Parolen gegen die Regierung. Kolumnistin Ayse Yildirim sagte, die Festnahmen könnten Vorbote sein für eine Übernahme der Zeitung durch die Regierung. Auch Ex-Chefredakteur Dündar kritisierte die türkische Regierung. "Sie greifen die "letzte Festung" an", twitterte er.

Im vergangenen November waren der damalige Cumhuriyet-Chefredakteur Dündar und der Hauptstadtbüroleiter des Blattes, Erdem Gül, nach brisanten Enthüllungen der Zeitung festgenommen und zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt worden. Dündar lebt inzwischen in Deutschland. Gegen ihn und Gül ist ein weiteres Verfahren wegen Unterstützung einer Terrororganisation anhängig. Die nächste Verhandlung in diesem Fall ist für den 16. November angesetzt. 

Am Wochenende waren in der Türkei weitere 10.000 Staatsbedienstete entlassen worden. Erdoğan hatte nach dem gescheiterten Putsch "weitreichende Säuberungen" und ein harsches Vorgehen gegen Anhänger von Gülen angekündigt. Zahlreiche kritische Medien sind seitdem von der Regierung geschlossen worden. Nach Angaben der Generalsekretärin des türkischen Journalistenverbands, Sibel Günes, wurden seit dem Umsturzversuch rund 170 Medienorganisationen geschlossen und 105 Journalisten festgenommen. Zudem hätten die Behörden über 600 Journalisten die Akkreditierung entzogen. Tausende weitere seien arbeitslos. Auf der Rangliste der Pressefreiheit von Reporter ohne Grenzen lag die Türkei schon vor dem Ausnahmezustand auf Platz 151 von 180 Staaten.

Can Dündar - "Ich habe eine Art digitalen Detox erlebt" Der ehemalige Chefredakteur der "Cumhuriyet" wurde wegen Spionage inhaftiert. Über die Schwierigkeiten, im Gefängnis ein Buch zu schreiben, sprach er mit Christoph Amend.