Es ist einer dieser Momente, wenn Propagandamedien über das Ziel hinausschießen. Im Studio des russischen Senders Tsargrad, finanziert von Milliardär Konstantin Malofejew, der Wladimir Putin als "Geschenk Gottes" bezeichnet, haben sich Experten versammelt, um den Ausgang der jüngsten US-Wahldebatte zu besprechen. Die Moderatorin will von den Gästen zuerst wissen, warum die staatlichen russischen Nachrichtenagenturen darüber berichten, Hillary Clinton sei als Siegerin daraus hervorgegangen. "Ist das Verrat oder wollen wir unsere Leute nicht zu sehr loben", fragt sie. Es sei natürlich klar, dass russische Staatsmedien von liberalen Kräften infiltriert sind, antwortet ihr Gegenüber.

Es ist eine entlarvende Formulierung: Mit "unsere Leute" ist freilich der republikanische Kandidat Donald Trump gemeint. Bei Tsargrad, einer modern anmutenden Plattform für ultrakonservatives und klerikales Gedankengut, ist Trump längst zu einem Hoffnungsträger geworden, dessen Wahlsieg die Welt vor der "globalisierten Elite" retten wird. Chefredakteur Alexander Dugin, eine Mischung aus Esoteriker, Ultranationalist und Anhänger eines russisch dominierten Eurasiens, betrachtet Trump sogar als den Inbegriff des echten, konservativen Amerikas. Dieses kümmere sich um seine eigenen Probleme statt um globale Angelegenheiten. "Ein solches Amerika kann zum Vorbild für Russland und zu einem echten Partner werden", sagte Dugin kürzlich in einer seiner Sendungen. Clinton bedeute dagegen Krieg und Kollaps. "Allein dass Putin und Russland ein zentrales Wahlkampfthema sind, bedeutet schon einen Sieg."

Umso mehr dürfte es die Radikalen um Dugin und Malofejew freuen, was vergangenen Freitag das US-Heimatschutzministerium und die Leitung der amerikanischen Geheimdienste in einer gemeinsamen Erklärung verkündeten. Russlands Regierung, so die Behörden, mische sich aktiv in den Wahlkampf ein. Gemeint sind unter anderem gehackte Server der Demokraten, die die Partei im Sommer in Schwierigkeiten brachten und den Vorwahlkampf infrage stellten. Ausgehend von "Aufwand und Sensibilität" hätten nur höchstrangige Verantwortliche in Russland solche Aktivitäten anordnen können, heißt es in der Erklärung.

Mit Trump kann man ins Geschäft kommen

Unterstützt Wladimir Putin also tatsächlich Donald Trump, einen superreichen Unternehmer, der Amerika angeblich zu alter Größe zurückführen möchte? Hätte der Kreml dafür ein Motiv, auch wenn Putin über die Hackanschuldigungen sagt, da gebe es nichts, das in Russlands Interesse liege? Die Argumente der aufrichtigen Trump-Befürworter, die Dugin auf den Punkt bringt, sind doch durchaus nachvollziehbar. Donald Trump werde sich anders als Hillary Clinton weit weniger um die Außenpolitik kümmern und der Globalisierung Einhalt gebieten, die wiederum nichts anderes als eine Bedrohung für Russland sei. Als Folge könnte Moskau deutlich freier in der internationalen Arena agieren.

Zumindest auf den ersten Blick hätte der Kreml also ein Interesse an Trumps Einzug im Weißen Haus. "Er ist ein Populist, der nicht vorgibt ein Heiliger zu sein. Er ist ein Geschäftsmann, mit dem man immer ins Geschäft kommen kann", fasst es Michail Zygar, Journalist und einer der besten Kenner von Putins Machtzirkel in einer Kolumne für Politico zusammen. Demokratie und Menschenrechte hält der russische Präsident dagegen für Scheinthemen, mit denen seine Widersacher ihre wahren Interessen verbergen. "Washingtons Wunsch, überall Präsenz zu zeigen, hat Russland schon immer verärgert", meint auch Fjodor Lukjanow, Außenpolitikexperte und Chefredakteur des Magazins Russia in Global Affairs. Zumal Trump sein Leben lang Geschäftsmann gewesen sei und deshalb an Deals als politisches Mittel glaube. "Ein solche Herangehensweise liegt für die russische Führung nahe, die eher zur Realpolitik neigt", meint der Experte.