Prolog

Ich wurde gebeten, einen Essay darüber zu schreiben, was bei der US-Wahl im November auf dem Spiel steht, wenn es um das Thema Waffengewalt geht. Die Frage brachte mich aus dem Konzept, denn die Antwort schien mir so erstaunlich offensichtlich: alles.

Unsere Wirklichkeit

Ich war emotional einfach nicht in der Lage, mir ein Video des Begräbnisses des sechs Jahre alten Jacob Hall anzusehen. Die Trauernden waren als Superhelden verkleidet, denn Jacob liebte Superhelden. Er wurde am 28. September erschossen, als er vor der Grundschule in Townville, South Carolina, spielte.

Der 14-Jährige, der Jacob ermordete, war Jesse Osborne. Er wachte an diesem Tag auf und erschoss zuerst seinen Vater, der zuvor bereits mehrfach für häusliche Gewalt verurteilt worden war. Danach ging Jesse zu seiner früheren Schule, an der er ein Vorzeigeschüler gewesen war. Er schoss auf Jacob, einen weiteren Schüler und eine Lehrerin.

Zeugen berichteten, dass Jesse immer wieder in die Luft schoss und schrie: "Ich hasse meine Leben!" Ein Jahr davor war er von seiner Mittelschule geworfen worden, weil er einen anderen Schüler mit einer Axt angegriffen hatte. Trotzdem verschafften ihm seine Eltern ohne Weiteres Waffen. In einem Facebook-Post vom Dezember 2015 sieht man, wie Jesse bei einem Familientreffen eine halbautomatische Waffe hält. Seine Mutter kommentierte den Post und prahlte damit, dass Jesse bereits eine andere Pistole und Rauchgranaten bekommen hatte.

Die Grundschule von Townville hatte erst eine Woche zuvor eine Sicherheitsübung für den Fall eines Amoklaufs abgehalten. 

Mein Schwur

Seit 16 Jahren arbeite ich ehrenamtlich und hauptberuflich dafür, Waffengewalt zu verhindern. Dazu gebracht hat mich der Amoklauf in Long Island 1993. Ich bin dort aufgewachsen, und die Tat war für die Gemeinde verheerend.

Wirklich jeden Tag lese ich von grotesken und unvorstellbaren Tragödien, die durch Waffengewalt entstehen. Heute sind viele meiner besten Freunde Menschen, die überlebt haben, während ihre Geliebten erschossen wurden. Der Schmerz, mit dem sie leben müssen, lässt sich nicht in Worten ausdrücken.

Ich will nicht in einem Amerika leben, in dem wir Kinder begraben müssen, die vorsätzlich von anderen Kindern erschossen wurden.

Ich will keine verkommene Waffenkultur tolerieren, die Menschen in Krisensituationen Waffen so einfach zugänglich macht wie im Fall von Jesse Osborne.

Ich habe genug davon.

Die Kandidaten

Wenn es darum geht, eine Reform der Waffengesetze zu unterstützen, ist der Unterschied zwischen dem republikanischen Kandidaten Donald Trump und der demokratischen Kandidatin Hillary Clinton gewaltig – eine Schlucht klafft zwischen ihren Ansichten. Clinton hat einen umfassenden Plan, um unsere Waffengesetze zu reformieren und Leben zu retten. Für folgende Maßnahmen will sie als Präsidentin werben und sie unterstützen:

  • Generelle background checks aller Waffenkäufer, also die Überprüfung, ob sie etwa vorbestraft sind oder an schweren psychischen Erkrankungen leiden: Bisher sind die Regelungen nicht einheitlich, und es gibt Ausnahmen.
  • Schließung einer Gesetzeslücke (Charleston Loophole), die es möglich macht, einen Waffenverkauf dennoch abzuschließen, wenn das Ergebnis der Sicherheitsüberprüfung nach drei Werktagen noch nicht vorliegt: Der Amokläufer von Charleston, Dylann Roof, hatte seine Waffe so bekommen.
  • Ein Gesetz aufheben, das der Waffenindustrie Immunität gibt: Der Protection of Lawful Commerce in Arms Act verhindert in den meisten Fällen, dass gegen Hersteller, Händler und Verkäufer wegen der Verletzung von Sorgfaltspflichten geklagt wird.
  • "Schwarzen Schafen" unter den Waffenhändlern soll die Lizenz zum Verkauf entzogen werden. Laut einer Studie ist nur gut ein Prozent der staatlich lizenzierten Waffenhändler für 60 Prozent aller Verbrechen mit Waffengewalt in den USA verantwortlich.
  • Wer häusliche Gewalt ausübt, ein gewalttätiger Krimineller und schwer psychisch krank ist, soll keine Waffe bekommen können.
  • Als Strohmann Waffen für andere zu besorgen, denen dies verboten ist, soll unter Strafe gestellt werden.
  • Das Verbot von Sturmgewehren soll erneuert werden.

Trump auf der anderen Seite ist dagegen, dass Sicherheitsprüfungen ausgeweitet werden – also gegen eine Reform, die von etwa 90 Prozent der Amerikaner unterstützt wird. Die einzige Reform, die er sich vorstellen kann, ist ein nutzloser Gesetzentwurf der Waffenlobby NRA (Terror Gap Bill). Danach müssten die Behörden beweisen, dass ein Terroranschlag unmittelbar bevorsteht, um zu verhindern, dass eine Waffe an einen mutmaßlichen Terroristen verkauft wird. An diesem Punkt könnte man einen Terroristen auch gleich verhaften.