Die Offensive der syrischen Armee auf das von Rebellen gehaltene Ost-Aleppo hat in den vergangenen Tagen etwa 16.000 Menschen zur Flucht gezwungen. Das gaben die Vereinten Nationen (UN) bekannt. Der UN-Nothilfekoordinator Stephen O'Brien sagte, die Lage in Aleppo sei "zutiefst alarmierend und ernüchternd". Es gebe keine funktionierenden Krankenhäuser mehr und die offiziellen Essensvorräte seien praktisch erschöpft. "Es ist wahrscheinlich, dass Tausende weitere keine andere Wahl haben, als zu fliehen, sollten sich die Kämpfe in den kommenden Tagen weiter ausdehnen und intensivieren", sagte O'Brien.

Auch Hilfsorganisationen warnen, die Lage in Ost-Aleppo werde sich noch weiter verschlechtern. Die seit Mitte November ausgeführten Luftangriffe der syrischen und russischen Armee hätten die Lage noch einmal dramatisch verschlimmert, teilte die Organisation Ärzte ohne Grenzen mit. "Der Winter steht vor der Tür, die Lage wird sich noch weiter verschlechtern", sagte der Geschäftsführer von Unicef Deutschland, Christian Schneider, der Bild-Zeitung. Ähnlich äußerte sich die Organisation Save the Children.

Florian Westphal von der deutschen Sektion der Ärzte ohne Grenzen sagte, es stünden 45 Tonnen medizinischer Hilfsgüter bereit. "Sie könnten innerhalb von 24 Stunden verteilt werden." Die Helfer warteten aber noch auf Sicherheitsgarantien, bevor sie sich in die umkämpften Gebiete wagten. "Wir sehen aber keine Anzeichen, dass sich etwas bewegt", so Westphal.

Am Montag hatten syrische Regierungstruppen zusammen mit ihren Verbündeten weitere Gebiete im Osten Aleppos von Rebellengruppen zurückerobert. Medienberichten zufolge verloren die Regimegegner damit innerhalb weniger Tage mehr als ein Drittel der von ihnen beherrschten Stadtviertel.

Die oppositionsnahe Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte teilte mit, den Regierungstruppen von Präsident Baschar al-Assad sei es seitdem gelungen, ein weiteres Viertel am Rande der Rebellengebiete im Ostteil der Stadt zu erobern. Dieses Viertel liegt demnach in der Nähe der Straße, die zum Flughafen führt. Die Beobachtungsstelle und Staatsmedien meldeten außerdem, dass es auch am Westrand der Gebiete unter Regierungskontrolle Gefechte mit oppositionellen Kämpfern gebe.

Bewohner Aleppos berichteten telefonisch von Tausenden Zivilisten, die Richtung Süden geflüchtet seien, wo sie in Gassen und verlassenen Gebäuden Zuflucht suchten. Viele fürchteten sich vor Vergeltungstaten, auch gebe es Berichte über Festnahmen.

Das UN-Welternährungsprogramm WFP forderte in Genf einen sicheren und bedingungslosen Zugang zu bedürftigen Zivilisten, um den Menschen Lebensmittel bringen zu können. Eine Sprecherin der UN-Notfallbehörde, Ravina Shamdasani, zitierte Berichte, wonach Oppositionsgruppen Zivilisten daran hinderten, die Gebiete unter ihrer Kontrolle zu verlassen.

Der französische Außenminister Jean-Marc Ayrault forderte eine Dringlichkeitssitzung des UN-Sicherheitsrats: Mehr als je zuvor sei es nötig, die Feindseligkeiten zu beenden und humanitären Hilfslieferungen ungehinderten Zugang zu gestatten, sagte Ayrault.

Steinmeier spricht mit Lawrow

Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier sprach in Minsk mit seinem russischen Kollegen Sergej Lawrow über die Lage in Aleppo. Dabei sei Russland deutlich aufgefordert worden, humanitäre Hilfe für die Zivilbevölkerung in Not zu ermöglichen, hieß es aus der deutschen Delegation. Russland solle entsprechend mit klaren Ansagen auch auf die syrische Regierung einwirken.

Die Minister seien sich einig gewesen, weiter nach einer politischen Lösung zu suchen. Es müssten Wege gefunden werden, an den Genfer Verhandlungstisch zurückzukehren und Gespräche über eine Übergangsregierung wieder aufzunehmen, sagten deutsche Diplomaten.