Unter all den erstaunlichen Wendungen dieser umstürzenden Tage nach Trumps Wahl sind die ersten Auftritte der deutschen Bundeskanzlerin und ihres Außenministers bemerkenswert.

Angela Merkel sichert dem neuen Präsidenten Trump die Kooperation Deutschlands zu – nicht am Telefon, sondern in einer Pressekonferenz. Die Hauptbotschaft ihrer Ansprache ist, dass diese Kooperation allerdings bestimmten Voraussetzungen unterliegt – dass der neue Präsident sich nämlich an gemeinsame Werte halten werde.

Und Frank-Walter Steinmeier sagt gleich in mehreren Interviews, man werde natürlich mit den Amerikanern zusammenarbeiten. Allerdings sei das erst möglich, wenn man denn eines Tages ein Bild davon habe, was Trump außenpolitisch überhaupt erreichen wolle. Bislang gebe es nur leider keine ergiebigen Kontakte in die neue Regierung, und Trumps bisher bekannten Äußerungen seien einfach zu widersprüchlich: "Ich muss da spekulieren wie Sie."

US-Wahl - "Westliche Werte sind Basis für Zusammenarbeit" Die Bundeskanzlerin Angela Merkel hat dem neu gewählten US-Präsidenten direkt nach seiner Wahl eine enge Partnerschaft angeboten – vorausgesetzt, er akzeptiert westliche Werte. © Foto: Bernd von Jutrczenka/dpa

Was für ein Rollenwechsel! Die deutsche Regierungschefin stellt Bedingungen an den demnächst vermeintlich mächtigsten Mann, als sei sie nun die Führerin der freien Welt. Sie hat sich dafür vorher mit ihrem französischen Kollegen Hollande abgesprochen. Der Berliner Chefdiplomat legt der neuen amerikanischen Regierung nahe, erst einmal ihre geopolitischen Hausaufgaben zu machen, bevor man sich wiedersieht. Berlin hält Washington auf Westkurs? Verkehrte Welt – aber so ist das erst einmal.

Merkel hat Trump am Freitag dann doch noch angerufen, um ihm persönlich zu gratulieren. Sie freue sich, ihn im Juli beim G20-Gipfel in Hamburg zu sehen, hieß es danach. Übersetzung: Eine Einladung nach Washington hat es nicht gegeben – wie sie etwa Theresa May, die britische Premierministerin und Brexit-Managerin bekommen hat.

Man muss sich das mal vor Augen halten: Trump hat Merkel im Wahlkampf "verrückt" genannt und den Brexit gelobt; nun belohnt er die Briten für ihre Abkehr von der EU; Merkel aber erinnert ihn an das gemeinsame Wertefundament des Westens, was impliziert, dass der president-elect diese Erinnerung dringend nötig hat; Steinmeier, der Trump einen "Hassprediger" genannt hat, rechnet die USA nun ganz offiziell unter die Unsicherheitsfaktoren der Weltpolitik.

Wow. Der Westen zerbröselt vor unseren Augen.

Was sich hier abspielt, kann der Blick auf zwei Daten klar machen: Am 9. November 1989 fiel die Mauer in Berlin, und dies schien das "Projekt des Westens" (Heinrich August Winkler) als Sieger der Geschichte zu bestätigen. In der Nacht zum 9. November 2016, genau 27 Jahre später, ist ein Mann ins Weiße Haus gewählt worden, dessen zentrales Wahlversprechen der Bau einer Mauer war. Und eine Frau, die durch den Mauerfall erst die Chance bekommen hatte, Teil des westlichen Projekts zu werden, ermahnt den amerikanischen Präsidenten in spe an das Versprechen der freien Welt.

Die "Normalisierung" dieses Bruchs hat schon begonnen. Amerikanische Kommentatoren erinnern dieser Tage gerne an das berühmte Diktum des ehemaligen Gouverneurs von New York: "You campaign in poetry, you govern in prose."

Trumps Haltung ist "America First"

Aber nichts spricht in Wahrheit dafür, dass es in Trumps Amtszeit schon nicht so schlimm kommen werde. Die tröstliche Erinnerung an Ronald Reagan, der ja auch zu Beginn als Mann des Entertainments verachtet und als kalter Krieger gefürchtet wurde, um dann doch Frieden mit Gorbatschow zu machen – sie hilft hier nicht weiter: Reagan war zuvor Gouverneur von Kalifornien gewesen, und er hatte eben nie hetzerischen Wahlkampf geführt; seine Siegesformel war optimistisch ("Morning in America"). Reagan war außenpolitisch – selber Teil der Kriegsgeneration – ein Internationalist, der glaubte, dass Amerika eine Rolle bei der Aufrechterhaltung der liberalen Weltordnung zu spielen hatte. Das bedeutete damals: die Sowjetunion zurückdrängen, aber auch jede Chance zur Verhandlung wahrnehmen.

Nichts davon gilt für Trump. Im Gegenteil: Seine Haltung ist "America First". Und wenn es dazu passt, schließt das sogar Deals mit Feinden der Freiheit ein. Starke Führer teilen die Welt unter sich auf.

Man muss verstehen, dass diese Haltung nicht allein aus Trumps Erfahrungen als Geschäftsmann gespeist wird. Was ist Donald Trumps außenpolitische Philosophie?

Weder widersprüchlich noch wirr

Anders als Frank-Walter Steinmeier suggeriert, sind die Ideen des kommenden Präsidenten weder widersprüchlich noch wirr.

Seine Forderungen lassen sich problemlos auf einem Bierdeckel zusammenfassen: Putin integrieren, Mexikaner draußen halten und die amerikanischen Alliierten künftig wie die Kunden eines Wachdienstes behandeln. Schutz gibt es nur noch gegen Cash, auch in der Nato.

So verständlich der Schock darüber ist: Steinmeiers Behauptung, Trumps Weltsicht ergebe keinen Sinn und man könne sich daher nicht darauf einstellen, ist nicht richtig.

Es mag sein, dass die Weltsicht des neuen Präsidenten den Deutschen, den Europäern, Amerikas Partnern im Nahen Osten und in Asien weder einleuchtet noch gefällt – aber sie ist weder vage noch unstimmig. Es ist einfach nicht wahr, dass Trump keine kohärente geopolitische Vision hätte. Im Übrigen entspricht sie einem der ältesten Stränge amerikanischer Außenpolitik. Er wird nach dem siebten Präsidenten Andrew Jackson (1829–1837), übrigens einem der Gründer der Demokratischen Partei, als Jacksonianismus bezeichnet.

Trump ist ein Jacksonian

Jacksonians sehen die Vereinigten Staaten als zurückhaltenden, prinzipiell gutmütigen tough guy, der eigentlich in Ruhe seinen Geschäften nachgehen will, aber leider immer wieder von Neidern und Störern angegriffen wird. (Dass Trump mit dieser Sicht sympathisiert, wird niemanden überraschen.)

Jacksonians sehen die USA als eine Nation, die am besten fährt, wenn sie ihre Interessen alleine verfolgt. Die Vereinigten Staaten sollen sich in die Angelegenheiten anderer Länder weder aus kommerziellen Interessen noch zum Zweck der Demokratieverbreitung tiefer einmischen (wie es etwa die Wilsonians wollen, die konkurrierende außenpolitische Schule).

Werden die USA angegriffen, müssen sie nach der Ansicht der Jacksonians mit massiver, überwältigender Vergeltung reagieren, ohne Rücksicht auf Kollateralschäden. Von Pearl Harbour über den 11. September bis zur Bedrohung durch den IS argumentierten die Anhänger dieser Lehre immer schon so. Auch Donald Trumps Ankündigung, den IS durch Flächenbombardements zu pulverisieren ("bomb the shit out of Isis"), steht in dieser Tradition.

Zurückschlagen ja, andere Interventionen nein

Frank-Walter-Steinmeier sagte Spiegel Online: "Es ist einfach widersprüchlich, wenn das Motto ist 'Make America great again' und gleichzeitig der Rückzug aus der Welt propagiert wird, wenn Kritik an amerikanischen Militäreinsätzen geübt und gleichzeitig gefordert wird, schnell Schluss zu machen mit dem IS in Syrien und im Irak."

Für Jacksonians wie Trump ist das aber keineswegs ein Widerspruch: mit allen Mitteln gegen einen Feind zu(rück)zuschlagen, steht eben nicht im Gegensatz zur Ablehnung anderer Interventionen – seien sie "humanitär", zum Zweck eines Regimewechsels oder zur Durchsetzung internationaler Normen.

Man kann, ja man muss diese Weltsicht kritisieren: Amerika als gutmütige, von immer neuen Bösen überfallene Unschuld – das ist natürlich ein Mythos. Und wohin führt denn das massive Zurückschlagen (siehe Kambodscha, Afghanistan, Irak)?

Donald Trump - "Es ist an der Zeit für uns, zusammenzukommen" In seiner Siegesrede hat der künftige Präsident der USA die Bürger aufgerufen, trotz aller Differenzen als Nation zusammenzukommen. Ein Ausschnitt © Foto: Andrew Kelly/Reuters

Sehr klare, aber sehr falsche Antworten

Allerdings ist der ebenfalls gescheiterte liberale und neokonservative Interventionismus mitverantwortlich dafür, dass einer wie Trump heute bei den Leuten ankommt. Wir halten uns künftig raus und schlagen nur noch massiv zu, wenn es uns nützt oder unvermeidlich ist – das ist Trumps Antwort auf die Krise jener imperialen Überdehnung amerikanischer Einmischungspolitik, für die Hillary Clinton stand.

Um das klarzustellen: Niemand kann wissen, ob Präsident Trump tatsächlich dieser Linie folgen wird. Man muss auch daran zweifeln, dass dies in der heutigen, interdependenten Welt überhaupt möglich wäre. Es gilt allerdings, sie erst mal zur Kenntnis zu nehmen – schon um zu verstehen, warum seine Äußerungen vielen Amerikanern keineswegs so außerirdisch vorkommen wie den Europäern.

Man kann vier Grundzüge von Trumps Außenpolitik erkennen:

Sie ist isolationistisch – keine Beteiligung an militärischen Aktionen ohne direkten Bezug zur nationalen Sicherheit (man erinnere sich an das Zögern der USA vor dem Eintritt in beide Weltkriege).

Sie ist protektionistisch – an höchster Stelle steht der Schutz vor unfairem Wettbewerb (was sowohl Strafzölle gegen China wie auch eine Mauer gegen irreguläre Migration beinhaltet, beides zum Schutz einheimischer Arbeiter).

Sie ist realistisch – in dem Sinn, dass ein starker amerikanischer Präsident mit anderen Führern ungeachtet ideologischer Differenzen und ohne Rücksicht auf Werte Deals machen sollte, die den eigenen Interessen nutzen.

Sie ist transaktionistisch – und damit ein Bruch mit dem Selbstverständnis der USA als Hegemon, der als Vorleistung Institutionen bereitstellt (Nato, Uno, Nafta), die ihm nicht unmittelbar gleich viel nutzen wie seinen Partnern.

Es wäre falsch, diese klar erkennbaren Leitlinien von Trumps Außenpolitik einfach für Unsinn zu erklären.

Zurücklehnen wäre fahrlässig

Jeder der vier Punkte nimmt legitime Anliegen auf: Die vielen Kriege haben Amerika und die Welt nicht sicherer gemacht. Die Kosten für den Freihandel und die Massenmigration tragen die weißen Arbeiter, die Trump gewählt haben, in Form von Outsourcing und Lohnstagnation. In der neuen Weltordnung diktiert Amerika nicht mehr die Bedingungen. Und schließlich: Die sicherheitspolitische Trittbrettfahrerei vom Amerikas Partnern – Deutschland ganz vorneweg – ist anstößig, was ja übrigens auch Obama bemerkt hatte. (Die Deutschen sparen bei der Bundeswehr und kritisieren den amerikanischen Militarismus. Sie zeigen gerne auf die NSA, sind aber abhängig von US-Erkenntnissen, um Anschläge hierzulande zu verhindern.)

Es ist fahrlässig, sich jetzt im wohligen Bewusstsein europäischer Überlegenheit zurückzulehnen. Trump zuzurufen, man verstehe seine Außenpolitik leider nicht, er möge sich bitte noch mal dransetzen, das zeugt im Übrigen von eben jener Arroganz, die gerade bei der Wahl in Amerika abgestraft wurde.

Nein, diese Außenpolitik liegt in ihren Grundzügen offen zutage, und sie beinhaltet sehr klare, allerdings auch sehr falsche Antworten auf echte Probleme.

Es wäre besser, die Europäer setzten sich selber hin und formulierten ihre eigene Außenpolitik endlich einmal aus: Warum der Isolationismus kurzsichtig ist und am Ende teurer als die vielen internationalen Verpflichtungen. Wie man ohne Protektionismus und Mauern die Arbeiter schützt. Warum purer Realismus gegen Wladimir Putin und Xi Jinping unrealistisch ist. Was Amerikas Partner sich für eigene, neue Beiträge zur gemeinsamen Sicherheit vorstellen können.

Das sind doch lohnende Denksportaufgaben.

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