Es lässt sich in der Regel heraushören, ob Applaus zurückhaltend, höflich oder herzlich gemeint ist. Das hat nicht nur mit seiner Lautstärke zu tun, sondern auch mit Dringlichkeit. Das frenetische Klatschen, das sofort aufbrandete und sich in Sekunden in Ovationen verwandelte, als Bernie Sanders am vergangenen Abend an der George Washington University die Bühne betrat, muss man als ein Streicheln der Demokraten-Seele verstehen. Wenn man so will, gab es im US-Wahlkampf zwei Sieger: Donald Trump und eben Bernie Sanders, der Hillary Clinton in den Vorwahlen mächtig zusetzte.

Sanders ist an diesem Abend in der Hauptstadt, um sein neues Buch Our Revolution: A future to believe in vorzustellen. Aber eigentlich will Sanders im Auditorium der Universität den Schutt zusammenzukehren, den der 8. November in der Partei hinterlassen hat, nachdem Trumps überraschender Wahlsieg die Träume der Demokraten auf eine weibliche Präsidentin wie eine Bombe zerplatzen ließ.

"Als unsere Kampagne im Juli zu Ende ging, war ich weitaus enthusiastischer als am Anfang der Reise durch das Land. Ich sah all diese jungen, begeisterten Menschen, die an etwas glauben", sagt Sanders. "Inzwischen weiß ich von vielen Wählern, dass sie Angst haben." Er steht dort hinterm Rednerpult, klappt die Kiefer auseinander in diesem New Yorker Singsang. Oft wird er durch tosenden Applaus unterbrochen.

"Wir werden Sie zur Rechenschaft ziehen"

Wenn ihm ein Punkt besonders wichtig ist, fährt Sanders' rechter Zeigefinger hoch und schwingt durch die Luft wie der Stab eines Dirigenten. Bloß gibt jetzt ein anderer in Washington den Takt vor.

"Ich glaube, wir müssen die Demokratische Partei einer grundlegenden Reform unterziehen", sagt Sanders in seiner kurzen Rede, bevor ein Moderator ihm in gemütlicher Sesselrunde Fragen stellt. So wie Sanders das Wort Reform benutzt, ist das weniger organisatorisch gemeint, eher ideologisch. Er erklärt dem Publikum, wie Trumps Botschaft auf Resonanz stieß. Gegen Ende des Wahlkampfs habe er sich als der wahre Verfechter der amerikanischen Arbeiterklasse dargestellt. "Wie dem auch sei, Mr. Trump, wir habe eine Liste mit allem, was Sie von sich gegeben haben – und wir werden Sie daran messen und zur Rechenschaft ziehen."

Donald Trump - Ein Klimawandel-Skeptiker im Weißen Haus Für den 45. US-Präsidenten ist der Klimawandel Schwindel. Im Wahlkampf versprach er, Kohle und Fracking zu fördern und einen Ausstieg aus dem Pariser Klimaabkommen zu prüfen. Dagegen formiert sich Protest.

Die Demokraten müssten nach der Wahlniederlage jetzt progressive Ideen vorantreiben. Ideen, mit denen der Senator aus Vermont bei den Demokraten seine eigene Kandidatur ums Weiße Haus angefeuert hatte. "Echter Wandel in der Politik lässt sich nur gestalten", erinnerte Sanders an die graswurzelartige Bewegung, die seine Kampagne ausgemacht hatte, "wenn dieser Wandel nicht von oben herab gesteuert wird, sondern von unten aufwärts vorangetrieben wird".

Die Liberalen in der Partei hätten sich nicht genug mit der Arbeiterklasse auseinandergesetzt. "Donald Trump hat auf effektive Weise einen Weg gefunden, den Zorn und den Schmerz von Millionen von Menschen anzusprechen." Obwohl er mit Donald Trump bei sehr vielen Themen über Kreuz liege, hoffe er nun, mit ihm Dinge wie Einkommensungleichheit, ein angemessenes Lohnniveau sowie neue Handelsverträge besprechen zu können.

Dieses vielleicht etwas überraschende Gesprächsangebot ist auch ein kleiner Vorbote für den Richtungsstreit, der der Demokratischen Partei noch bevorsteht – die Clinton-Jünger werden den Weg, den die Partei unter Präsident Trump einschlägt, mit den Progressiven und linken Aktivisten aus dem Sanders-Lager ausfechten müssen.

Clinton: "Amerika braucht euch"

Hillary Clinton trat etwa zeitgleich zu Sanders am anderen Ende der Stadt auf. Kampfeslustig gab sie sich dabei noch nicht. Ihr Ton war eher emotional-nachdenklich. "Ich muss zugeben: Heute Abend hier zu stehen, war nicht ganz einfach", sagte sie während ihrer Rede bei der Benefiz-Veranstaltung des Children's Defense Fund, wo Clinton einst als Praktikantin arbeitete.

Für Clinton ist dieser erste öffentliche Auftritt nach der Wahlniederlage sichtlich schwieriger als für Bernie Sanders, der sich im Rennen um die Präsidentschaft bereits im Juli geschlagen geben musste. Sie ist noch dabei, das Geschehene zu reflektieren: "Es gab Momente in der vergangenen Woche, in denen ich mich bloß verkriechen wollte, auf dem Sofa mit einem Buch oder mit den Hunden."

Und trotzdem hatte man auch bei ihr den Eindruck, dass sie sich nicht zurückziehen, sondern weiter engagieren will. Ob das auf Parteiebene geschieht, ließ sie offen. "Um all der Kinder, Familien und unseres Landes Willen, bitte ich euch, engagiert euch weiterhin, engagiert euch in allen Bereichen der Gesellschaft", sagte sie. "Wir brauchen euch. Amerika braucht euch, eure Energie, euern Ehrgeiz, euer Talent. Nur so können wir das durchstehen."